Archiv für den Monat: Juli 2011

K-13

Stille, er ist nicht da. Das Appartement liegt im Dämmer, kalter Rauch in der Luft, Essensreste in der Küche, überall ausgebreitet, Bücher, Notizzettel und Zeitungsausschnitte. Im Schlafzimmer, gegenüber der Fensterfront, hängt ein Betttuch an der Wand, darauf mit schwarzer und blauer Farbe große Lettern gepinselt, teilweise durchgestrichen oder übermalt. A. setzt sie mühsam zu Wörtern zusammen, versucht zu verstehen, weil sie es noch nicht aufgegeben hat, ihn zu verstehen. Doch nichts erschließt sich ihr auf den ersten Blick. A. holt Stift und Block, um sich mögliche Bedeutungen zu notieren. Wie ein Silbenrätsel, denkt sie, und: Was mache ich da eigentlich?
NICHTS – ich bin müde/ A = Anfang / ein Gedicht, sonst nichts / wenn der stille Klang seinen Gang durchs Dunkel beginnt / meine Hunde heulen / an den halben Mond / vor Scham / der stille Klang mich fortzieht / wenn alle schlafen / mir in Rot, Grün, Blau die Flaschen zuwinken / der TV-Schirm matt / die Fernbedienung kalt / wenn der Surrealismus im Stich lässt / singen die Passanten / das Lied von der Bestrahlung / wo keine Sonne mehr scheint / ich ganz ruhig / vor der großen Flut / danach nichts mehr zu haben / A = Abschied

K-12

Kurzschlüsse des Denkens auf hohem Niveau, denkt Vier. Und weiter unten? Knallhartes Ressentiment, das Baseballschläger und Mollis zur Durchsetzung mit sich führt. Da vergeht Vier die Hoffnung auf einen rationalen Diskurs, zumal jetzt in Krisenzeiten. In seiner Krise? Zivilisation ist brüchiger denn je. Dünne Bildwände trennen die Menschen voneinander, halten sie, nicht immer und immer weniger, davon ab zuzuschlagen um des eigenen Vorteils willen. Manchmal denkt Vier daran, fast schämt er sich dafür, was wäre, gäbe es die Seifenopernwelt der Medien nicht. Wäre dieser Schein nur wirklich, triumphierte doch die Simulation über die Wirklichkeit. Traum ohne Welt. Endloser Rausch der Bilder, ohne Elend und Schmerz. Auch die Natur muss weg. Sie ist durch und durch schlecht.
So wie die Kälte, die Vier draußen gegen die Stirn klatscht. Fröstelnd durch die Straße, bis dann, hinein in den Mief einer Kneipe, in der die Zeit stehen geblieben ist. Backstage, Hardrock-Kneipe. Kein Neon, spärliches Licht, Zugluft und Römer Pils in bauchigen Gläsern. Abgenutzte Tische, harte Stühle. Vom Leben abgewetzte Gesichter. Die Schminke der Kellnerin, dick aufgetragen gegen Alter und Aufgedunsenheit. Betrunkene Gäste am Spielautomaten. Inmitten des Schankraums eine laute Skatrunde. Da unter den Unbekannten ein Vier vertrautes Gesicht, einer aus seinem Revier. Kantiges, spitzes Gesicht, gezeichnet von Alk und Speed. Vier kommt nicht auf seinen Namen. Was macht der denn hier? Er kommt auf Vier zu, stakst, beschleunigt seinen Schritt, bremst ab, schwankt, aber fällt nicht. Jahrelanges Training im Umgang mit dem Taumel. Ein kurzer Wortwechsel mit Vier. Belanglosigkeiten. Dann stakst er wieder davon. Hier drin ist die Großstadt fern, nichts hier drin verweist auf draußen, ein Draußen. Vier, hier, allein mit seinem Bier. Das Licht schein dunkler zu werden, oder Viers Augen lassen nach, haben keine Lust mehr die Umgebung zu sondieren. Kontrollverlust der Sehnerven? Vier kippt noch einen Absacker, bevor er die Kneipe verlässt.
Im HARVEYS Glanz und Gloria, die Augen erholen sich, ein riesiges Bistro. HIV-Positive sind willkommen. Sechs Meter hohe Wände, klassizistisches Dekor. Blaue Wände, goldene Ornamente. Am Ende des großen Raums eine Glasscheibe, die den Blick freigibt auf die Küche. Eine widerliche Indiskretion. Die Schuftenden müssen sich den Müßiggängern und deren kontrollierenden Blicken preisgeben. Das Aquarium der Arbeitstiere erhöht das wohlige Gefühl für das eigene Privileg, nicht arbeiten zu müssen. An den Tischen lauter schöne Menschen. Junge, braungebrannte Männer, makelloser Teint, die Körper durchtrainiert. Kein Gramm Fett zu viel, Ohrstecker mit Brillanten, Ringe mit Diamanten besetzt. Boutiquen-Outfit. Männer für den Laufsteg. Männer die aufs Glück tippen, auf Gold und ein sorgenfreies Leben. HIV-Positive willkommen, aber nicht anwesend im Gourmet-Tempel der Schönlinge, die der Tod nicht streift, und auch nicht das Leben. HIV-Positive willkommen, ein Angst abweisendes Emblem an der Eingangstür, mehr nicht. Vier trinkt und beäugt die schwule Inszenierung von Lebensfreude und Savoir-vivre. Hat genug vom Schauen und Trinken, und seiner schlechten Laune.
Am nächsten Morgen weiß Viers Hirn nicht, wo oben und unten ist. Jede seiner Bewegungen treibt den grauen Zellklumpen in seinem Schädel an, lässt ihn wie eine Gummikugel an die Schädelwände krachen. Ihm schwindelt. Der Kaffee macht es auch nicht besser. Er möchte zurück ins Bett, aber er darf nicht, er muss den Tag durchstehen, egal wie kaputt er ist. Der Körper schmerzt, fatal error im Stoffwechselprozess. Alles ist unbequem, das Denken lästig. Ein beschissener Tag für den Kater.

K-11

Zeitschlieren an den Wänden, ein tropfender Wasserhahn (was sonst?), heruntergelassene Läden, Dunkel, in dem sie schweigend liegt, schwer, Lichtjahre entfernt von dem Gefühl, das sie empfunden hat, nachdem sie gehen konnte, er sie frei gelassen hat. Ein Gefühl, unähnlich der Freude, die man verspürt, wenn man etwas geschafft hat, endlich, über etwas Erreichtes, auf das man lange hin gearbeitet hat, über das Ende von Strapazen, die man sich auf dem Weg dorthin selbst auferlegt hat, eher eine Art Erleichterung, die sich in einem ausbreitet, wenn sich etwas jäh und unvermutet ereignet hat und das man sofort hinter sich lassen kann.
Jetzt keine Spur mehr davon, der unheimliche Begleiter, der sie monatelang nicht in Ruhe gelassen hat, ausgelöscht, an seiner Statt nichts, aus dem die Kälte gekrochen ist. Starr und blass wie in hellen Stein gemeißelt liegt sie auf dem Boden des Zimmers, Blut auf dem Gefrierpunkt, der Atem dünn, durchsichtig, an der Schwelle zur Gedankenlosigkeit. Der Eine, so nah, so fern. Ab und an, in einer Zeitspanne dehnbar wie Gummi, ein Huschen, mehr Geräusch als Bild, das ihren Körper in der Schwebe irritiert. Ein letzter Gast?