Archiv für den Autor: Horst Senger

Über Horst Senger

Lebt und arbeitet in Eltville als Autor.

Noch früher …

Es ist der 8. August 1773, als Helen von der Weiden eine folgenreiche Entscheidung trifft und ihren Lakaien Guntram damit beauftragt, den nun mehr gutartigen Wallach einzuspannen, um sie fürderhin nach ihrer Toiletten mit dem einzig verbliebenen Gespann in die Stadt zu kutschieren. Es ist Sommerschlussverkauf, da will sie nicht hinter den anderen in der Gegend verbliebenen Frauen zurückstehen und treibt Guntram zu Eile an. Dieser weiß, dass seine Herrschaft, auch wenn es eine Dame ist, und damit weiß er mehr, als all die Kommentatoren irgendwelcher sexistischen Auftritte drittrangiger Hofschranzen heutzutage wissen, ihn mehr als kritisierte, wenn er auch nur im mindesten dazu beitrage, dass sie zu spät an Grabbeltisch drei ankommt – und also gibt er dem Wallach die Peitsche – mit dem nicht vorhersehbaren Resultat, dass sich das Gefährt gemäß der Physik, aber entgegen dem Willen aller Beteiligten so sehr in eine der Kurven auf der Strecke neigt, dass es, um es einfach zu sagen, umkippt. Und dabei, was in keinem Geschichtsbuch vermerkt ist, den Bauer Aloisius zu Tode begräbt. Was damals keine Nachricht wert war, weshalb dieses Ereignis so lange im Dunkeln der Geschichte verblieben ist, bis heute, da wir es endlich ins rechte Licht rücken. Helen und Guntram haben den Sturz überlebt – und Helen war es, die Zeit ihres Lebens zu erzählen wusste, mehr hatte sie wohl nicht an Aufregung erlebt, dass es Bauer Aloisius war, der es verhindert hatte, dass sie eine wunderschöne Bluse aus grüner Gaze nicht zum Schnäppchen-Preis erwerben konnte. Womit eindrucksvoll belegt ist, dass im Jahr 1773 der Grundstein dazu gelegt worden ist, dass es keinen Zusammenhang zwischen Heidi Klum und gesunder Ernährung gibt.

Früher mal …

Es gibt ja zweifellos Menschen, die sich gern, ob in Kenntnis oder Unkenntnis der Geschichte sei einmal dahingestellt, in vergangene Zeiten katapultieren würden, wenn es denn nur diese Zeitmaschinen gäbe. Juri H. ist auch von einem solchen Wunsch beseelt. Er ist 25, arbeitet bei Ford in Köln und liebt seinem eigenen Bekunden nach die 50er- und 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Dabei denkt er aber nicht an die Nierentische oder den anderen verstaubten Möbel- und Einrichtungs-Schick eben dieser Jahre, auch nicht an die musikalischen Errungenschaften dieser seligen Vinyl-Zeit. Für die meisten Leute heute gar nicht mehr nachzuvollziehen, hängt sein Herz an dem Erfolg der damaligen Gewerkschaften. Gewerkschafter werden sie, liebe Leser, nun denken, dass sind doch diese armseligen Hansel, die vor irgendwelchen Betrieben oder Betriebsverwaltungszentralen herumhängen und Bittgesänge anstimmen, für mehr Lohn, für mehr Arbeitszufriedenheit, für mehr Gerechtigkeit, für mehr Friede auf Erden, ja da haben sie recht. Aber das war nicht immer so, wie Juri H. weiß. Damals, da waren die im Aufwind, Mitbestimmung haben die durchgesetzt, und haben voll aufgetrumpft, wenn denen von der Unternehmerschaft einer gekommen ist und gesagt hat, dann gehen wir halt nach Osten, dann haben die Gewerkschafter nur gelacht, die Führung und die Mitglieder, Letztere haben auch häufig anderen Gewerkschaftskritikern zugerufen, ja, dann geht doch nach drüben, das haben sie sich getraut, nicht nur den Unternehmern gegenüber. Da hatte die Gewerkschaft in den Betrieben noch das Sagen, wehe einer war nicht Mitglied, der hatte nichts zu lachen, anders als heute, denkt sich Juri H., der recht unzufrieden ist mit seiner Gewerkschaft. Opel ist kurz vor dem Abgrund, Ford kommt gleich dahinter, aber der gewerkschaftlich besetzte Betriebsrat hat so keine Idee, wie dem Einhalt zu gebieten wäre, was auch Ford droht: Irgendwie haben alle, sagen wir mal fast alle, Autos, viele sogar Zweit- und Drittwagen, die Flotten der Firmen sind ausreichend bestückt, und daran wird sich nicht viel ändern, zumal der Sprit knapp wird, dann ist es ja ganz aus mit den Autos: Was soll der Betriebsrat dagegen machen, die Gewerkschaft, was hat die für eine Vorstellung, wie es anders weitergehen könnte, als den Laden dichtzumachen. Keine, außer der Idee, es sollte sozialverträglich aussehen: das Ende. Man gründet Auffanggesellschaften, in denen Leute, die keiner mehr braucht, malochen, um Dinge oder Dienstleistungen zu produzieren, die keiner braucht, bis Unternehmer Ideen entwickeln, zu deren Realisierung sie wieder Arbeitende brauchen. Das hätte es damals, in Juris Traumzeit, nicht gegeben, denn damals hatten sich die Unternehmer einer gemeinsamen Idee verpflichtet gefühlt. Wer mag nun Juri H. erklären, dass es ein Segen ist, dass er die Zeitreise nicht antreten kann – und dass es einen enormen Fortschritt bedeutet, dass Unternehmen keiner Ideologie mehr frönen müssen. Sie können sich auch hinter keiner mehr verstecken. Wenn sie es schaffen, sich zu behaupten, ist es gut, wenn nicht, waren sie einfach zu schlecht.

Wunderbares Wiesbaden

Wiesbaden ist nicht nur die Stadt der heißen Quellen, des Glücksspiels, des Historismus, beherbergt nicht nur die größte Ansammlung von Beamten im Verhältnis zur Einwohnerzahl, Wiesbaden hat mittlerweile in der Innenstadt nicht nur die meisten Ein-Euro-Läden im Vergleich zu anderen Mittelstädten, sondern birgt auch eine wunderbare, gar zauberhafte Sache. Wobei der Ausdruck Sache ein wenig in die Irre führt. Es ist vielleicht besser von Erscheinung zu sprechen. Während andernorts viel vom Verschwinden die Rede ist, wobei nicht nur auf die gute alte Zeit oder deren Sitten angespielt wird, muss man in Wiesbaden von einem verkehrstechnischen Auftauchen sprechen. Fahrradfahrer wissen bestimmt sofort, worum es geht. Ja, es geht um die Radwege, die völlig unerwartet hier und dort, eine Regel ist nicht zu erkennen, auftauchen, dabei so funktionslos wie Fluxusmaschinen und so surreal im Augenblick, da ein bemanntes Fahrrad zufällig auf einen solchen prêt-à-porter-Steig wiesbadischen Verkehrsdesigns trifft.