Kategorie-Archiv: Inner/es

Vor dem Schirm

Vertan die Stunden, Tage jetzt. Der Schirm, weiße Fläche, die abstrahlt, Helligkeit in den dunklen Raum. Davor er, ratlos, der nicht kann, nicht ablassen kann vom Weiß, das ihn malträtiert, die reine Fläche, in der nichts verzeichnet ist. Vom Unmut verschattet der Geist, türmen sich die Zweifel, wortlos. Schübe von Nervosität. Und Schweiß auf Handinnenflächen und Stirn. Es muss anders werden, es war damals anders. Oder doch nicht. Aber wie jetzt daran anknüpfen? Die vielen Unterbrechungen, unversehens ist das Damals entglitten, ein anderer Körper, ein anderer Geist.

Fünf Minuten

Die Turmuhr, hörst du die Turmuhr. Wie? Weit und breit keine Uhr, geschweige denn eine Turmuhr zu sehen. Was soll das? Hörst du mit den Augen, kannst du kein bisschen lauschen, von mir aus in dich hinein, die Uhr, da ist eine Uhr. Ich höre sie, zwischen dem Regen hindurch, hinter den Wasserfäden, dem Prasseln hindurch, ein Schlag nach dem anderen, nur ein Klöppel, mit Pausen dazwischen, unregelmäßige Pausen. Streng dich doch an, höre nicht in die Lücke hinein, achte auf den Zusammenprall, auch du musst doch etwas hören außer dem Regen, das kann doch nicht alles sein. Wie es regnet nicht?

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Hinter den Wänden

Die letzten tragischen Worte der Nacht
springen von meinem Schreibtisch,
verpuffen lautlos in den ersten Strahlen
und meine Zweifel kriechen zurück
in die feuchte Erde des Morgens.

Staubdurchwirkt und aufdringlich
überzieht das Hell mit scharfkantigen Streifen das Zimmer.
Hinter den Jalousien der Lärm der Straße,
dazwischen eine verstörte Vogelstimme.

Ein neuer Tag tropft taktlos vom Himmel.

Nackt liege ich auf aschefarbener Matratze,
ausgebreitet für die Zeit danach,
jenseits von Körper und logischem Denkvermögen.
Nebenan streicht sich eine Frau geschickt
Überdruss und Mattigkeit aus ihrem Leib.
Ein Stöhnen stürzt vom Balkon,
bleibt unversehrt auf der Straße liegen.

Hochoben rauschen metallene Flügel im klaren Blau.

Lautlos ruhe ich neben schädlichen Spinnen
in der großen Hitze ohne Zauberwort,
warte auf den kostbaren Sonnenuntergang.
Im Stockwerk darüber keucht ein TV-Apparat,
weiden Augen zwischen geöffneten Frauenschenkeln.

Draußen an menschenleerer Straßenkreuzung staut sich leises Schluchzen.

Flimmernde Stille umtanzt das Hochhhaus,
im Treppenhaus verdorrt der Nachmittag.
An den Wänden Ungezieferzeichen,
die von Tod und Traum sprechen.
In den Ecken lungern verklungene Leidenschaften.
Durch ein Lautsprechergitter züngelt Gesang,
eine Melodie unaufhaltsam zum Ende hin.

Schwarze Wolken hängen über dem Schwefelgelb des ausgefransten Horizonts.

Unter einer Lampe torkeln zügellose, anämische Fliegen,
berauscht vom Schwirren ihrer Flügel.
Auf dem Boden vor meinen ausgestreckten Füßen
beginnen Wörter zu scharren.
Lange höre ich das Fliegensummen
in der dunkel aufziehenden Nacht.
An den Wänden wabern Schwämme voller Ölfarbenmusiken,
während das Tageshell in den Gängen versickert.

Weit unten Jubelgeschrei und Gesang vorbeiziehender Säufer.

Ich beschreibe Zettel um Zettel,
treibe die Wörter zum Äußersten,
und bin doch traurig, weil die Sonne fehlt,
auf dem Papier und im Gedächtnis.
Und an der Wohnungstür erblicke ich ein schweigsames Auge,
durch dessen weit geöffnete Pupille Neonlicht ins Zimmer sticht.