Die Herrn vom Cern

Es sind Wissenschaftler, Grundlagenforscher sagt man. Also haben sie erst einmal in der Erde gebuddelt, nicht sie selbst versteht sich, sie haben buddeln lassen und eine Riesenröhre in der Erde versenkt, 9 km lang soll sie sein, in der sie Teilchen beschleunigen können. Ich kenne mich damit nicht aus, mit der Physik und all dem Kram, aber Leute, die davon mehr wissen, haben Bedenken angemeldet. Die haben Angst gehabt, denke ich, Angst davor, dass es mächtig rumsen könnte unter der Erde, wenn die Teilchen allzu schnell werden in der Röhre. Na ja, ist aber nichts passiert, so viel ich weiß. Zumindest hat man nichts mitbekommen, weder den Rums noch etwas davon in den Zeitungen. Nur soviel, dass die etwas Neues entdeckt haben, was Gigantisches, das alles in Zweifel ziehen lässt. Wie gesagt, ich habe kein Ahnung, aber sie sollen herausbekommen haben, dass bestimmte Teilchen, Neutrinos heißen die wohl, schneller geflogen sind als Lichtgeschwindigkeit – und, so sagt man weiter, damit ist die Theorie vom Einstein dahin, also falsch, zumindest teilweise. Und auch den Urknall hat es dann nicht gegeben. Möglicherweise ist das Universum also ganz leise entstanden. Aber was heißt das jetzt? Die Naturgesetze einfach falsch? Ist jetzt alles hinfällig? Geht es hier auf der Erde und dem Universum doch ganz anders ab. Muss ich mich auf anderes gefasst machen, als das, was man mir vorhergesagt hat. Oder kann ich cool bleiben, wie diese Wissenschaftler, die sagen, dass sie jetzt weiter Teilchen beschleunigen müssen, um mehr Gewissheit zu erhalten. Sind schon komische Vögel diese Wissenschaftler, sagen, dass sie da was entdeckt haben, was es so der Theorie nach nicht geben dürfte, reden aber weiter von Gewissheit, während ich mich langsam darauf vorbereite, dass es von unten nach oben regnen wird.

17. Dezember 2011 von Horst Senger
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K-15

Wach. Am Morgen hört Vier des Öfteren ein Klingeln. Er macht nicht auf, denn heute ist sein freier Tag, jetzt, nachdem sie das Haus verlassen hat. Er will ihn ruhig auf sich zukommen lassen, wie den Sonntag letzter Woche, will Musik hören, im Wald laufen, seine Zeit mit all den Nichtigkeiten vergeuden, die ihm zufallen werden. So ist der Plan, und doch fühlt er sich unbehaglich, hat er die Ahnung, dass der heutige Tag nicht so verlaufen würde wie der vorige Sonntag. Etwas ist anders. Das Datum ist es nicht. Irgendetwas an ihm, seinem Körper oder der Welt vor seiner Zimmertür, mutmaßt er, ein Mangel, nur soviel steht fest. Er hat das Bad noch nicht erreicht, als es an der Haustür klingelt. Durchs Türglas kann er A. erkennen. Er lässt ihn ein. Behäbig lässt A. sich in der Küche nieder und kommt rasch zur Sache. Ob Vier ihn beim Spazierengehen begleiten will, fragt er. Schönes Wetter, keine Zeit in der Bude hocken zu bleiben. Vier ist verwirrt, raucht erst einmal eine Zigarette. Was tun? Er will A. nicht einfach abweisen, hat aber keine Lust, weil sein Plan keinen Spaziergang, zumindest nicht in Begleitung anderer, vorgesehen hat. Nach einigem Hin und Her willigt er in eine Runde im Kranichsteintal ein. Danach kann man sich seinetwegen noch die Sonne auf den Pelz brennen lassen, im Park oder sonst wo, wo eben die Sonne scheint. Auf dem Weg dorthin dringt A. schnell zu seinem Lieblingsthema vor: das ferne, sichere und verlockende Ausland. Er will wieder nach Australien und wünscht, dass Vier ihn begleitet. Am Anfang des neuen Jahres soll es losgehen, erklärt er, und dass es ein langer Aufenthalt werden soll. Vier sei geradezu prädestiniert für die gemeinsame Unternehmung, wenn er nur endlich seinen bescheuerten Job hinschmeißen würde. Für die Frauen, die natürlich zurückbleiben, kann man ja auch sorgen, indem man einen Geldfonds einrichtet, aus dem sie ihre Kosten bestreiten können. Vier kann dem aber nichts abgewinnen, denkt Vier und sagt es nicht. Er wird sich dort nicht zurechtfinden, er ist sich da verdammt sicher, zumal auf einem anderen Kontinent. Lauter fremde Menschen um ihn herum, das wird ihn nur verstören. Hat schon hier genug mit den Leuten zu kämpfen. Außerdem kann er Kängurus und endlose Ödlandschaften nicht ausstehen. Er weiß nicht, was er dort soll, nicht einmal, ob Australien überhaupt außer auf Landkarten existiert und man dort in Dollar oder Pfund bezahlt. A. unterbricht sein Reden, hält inne, sie starren stumm auf den Himmel, bis A. wieder anhebt und über die Schikanen in seinem Umschulungsbetrieb klagt. Die Prüfungen, die er über sich ergehen lassen muss, sind widerlich und lächerlich, das Abscheulichste aber die Tatsache, dass er von der Arbeitsagentur schon eine Arbeitsstelle zugewiesen bekommen hat. Von wegen freie Beschäftigungswahl. Da hat es jemand auf ihn abgesehen, meint er und vermutet eine Kampagne, die gegen seine Person gerichtet ist und zum Ziel hat, ihm das Leben zu versauen. Vier widerspricht auch dieses Mal nicht.
Wieder zurück vom Kranichsteintal, schaut Vier Glotze, Berichte von einem Wahlspektakel. Langweiliges Geschwätz umtriebiger journalistischer Hofschranzen, die den Politikern Worte abluchsen, die sie schon zum hunderttausendsten Mal von sich gegeben haben. Er lässt sich widerstandslos berieseln, faul und träge vom Essen und dem Bier. Beim Duschen hat er noch daran gedacht, am Abend einige Protokolle zu lesen oder an seinem Bericht weiterzuschreiben, aber jetzt so mit aufgetriebenem Bauch nimmt er Abstand davon. Ihm schwant, dass es nur zur Kneipe reichen wird.

16. Dezember 2011 von Horst Senger
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K-14

Achtlos wirft er die Kippe beiseite, schlendert weiter durch die ihm wohlvertraute Einkaufsstraße, die erfüllt ist von gehetzten Passanten, in Wogen vorübergleitend. Er bahnt sich seinen Weg, teilnahmslos, durch die Menschenmenge in Richtung des kleinen Kaffeehauses in der Nähe des Marktplatzes. Dort will er einen Kaffee trinken. Es geht ihm dabei nicht ums Trinken, eher reizt ihn, draußen vor dem Kaffeehaus sitzen und die Vorbeigehenden beobachten zu können. Es ist ein schöner, nicht allzu heißer Sommernachmittag und er denkt nur daran, seine Zeit unbekümmert vertun zu können. Er liebt es, am Rande der Menschenströme irgendwo herumzusitzen und nach seine Sinne reizenden Passanten Ausschau zu halten. Am wohlsten fühlt er sich in Kaffeehäusern, zumal er dort die Gelegenheit hat, den Gesprächen anderer Gäste lauschen zu können. Am Kaffeehaus angekommen sucht er nach einem freien Platz. Er bewegt sich auf einen freien Tisch zu, bestrebt, sich so zu bewegen, dass keiner Notiz von ihm nimmt. Illusionär angesichts der geringen Größe des Kaffeehauses. Er wird bemerkt, mehr nicht. Es dauert eine Weile, bis er sich auf seinem Stuhl entspannt. Er sieht sich um. Zwei Pärchen treiben artig Konversation bei Tee und Saft, leise und unaufgeregt. Sie langweilen ihn. Ihnen gegenüber zwei ältere Damen, die Wehwehchen austauschen. Dass es sich wirklich um solche handelt, kommt ihm unwahrscheinlich vor angesichts des ungezügelten Appetits, mit dem die beiden wohlig ihre Kuchen verspeisen. Und dann sind da noch zwei Männer mittleren Alters, deren Habitus auf Beamte schließen lässt, die ihre Borniertheit mit einer Art Laisser-faire-Pose zu bedecken suchen. Sie stecken mit ihren Köpfen in Zeitungen, die sie in regelmäßigen Abständen rascheln lassen. Die Erzeugung des Raschelns geschieht rasch und geübt, begleitet von einem fast unmerklichen Aufrichten und Absenken des Oberkörpers. Die Technik des Umblätterns, fast synchron erfolgt es, enthüllt ihre Seelenverwandtschaft. So scheint es ihm. Er macht noch zwei junge Männer aus, hinten im Eck. Sie enttäuschen ihn. Ausdruckslose Leiber, flache konturlose Gestalten, behäbig sich in den Stühlen räkelnd. Das einzig Auffällige: ihre blassen Gesichter, die ihrer Erscheinung etwas Leichenhaftes verleiht. Die Bestellung des Kaffees reißt ihn aus seinen Beobachtungen. In Erwartung des bitteren Kaffeegeschmacks zündet er sich eine Zigarette an, lehnt sich, so weit er kann, in seinen Stuhl zurück, und saugt mit tiefen Zügen den Rauch ein. Er widmet sich wieder dem Glotzen, trifft unwillkürlich seine Wahl, auf welche Person in der Menge der Vorbeilaufenden er seinen Blick heftet, bis sie aus seinem Blickfeld verschwindet oder er von einer anderen abgelenkt wird. Die Zeit, in der er eine Person beobachten kann, ist kurz, viel zu kurz, um ausmachen zu können, was es ist, was ihn veranlasst, seine Aufmerksamkeit auf eben diese und keine andere Person zu richten. Er lässt seinen Augen freien Lauf, denkt er. Und dass er sich gern von schönen Frauen verlocken lässt, die er betrachtet wie Modelle auf einem Laufsteg. Keine gleicht dem Bild, stellt er fest, das er sich von seiner schönen Frau macht, auf die er wartet und doch auch wieder nicht. Er wartet nicht vorsätzlich. Er besitzt auch kein Bild von ihr. Es ist eher eine gestaltlose Idee, so etwas wie die Erwartung einer Überraschung, wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Aber nix da, nicht einmal ein Schock heute. Kein Blitzschlag, der ihn beim Anblick einer Frau trifft. Bis jetzt nicht – und da kommt auch nichts mehr. Er ist sich sicher.

15. Dezember 2011 von Horst Senger
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