Kafka hört noch ...

Ein außerordentlich vertracktes Hörspiel alles in allem, süffig anzuhören, auf intelligente Weise amüsant, in seinen extremen, durch äußerst strenge Sprachbehandlung gezügelten Denkmäandern herausfordernd. Es kann Spaß machen, sich anzustrengen und jener Kunst der Kommunikation zu huldigen, die wir ständig brauchen und nur manche von uns lernen: die Kunst des Zuhörens.

[Mechthild Zschau, epd]

 

 

Kafka:

(wählt eine Telefonnummer)

Telefonfee:

Hallo.

Kafka:

Jaja.

Telefonfee:

Hier die Telefonfee.

Kafka:

Bin ich, Entschuldigung, richtig verbunden?

Telefonfee:

Natürlich bist du richtig.

Kafka:

Früher gab es keine Telefone.

Telefonfee:

Gibts aber schon lange.

Kafka:

Was ist eigentlich, Fräulein, eine Telefonfee?

Telefonfee:

Ich bin die Telefonfee.

Kafka:

Ein schöner Name.

Telefonfee:

Das wusstest du doch.

Kafka:

Was wusste ich?

Telefonfee:

Hast meine Nummer gewählt.

Kafka:

Jaja.

Telefonfee:

Mich also wolltest du sprechen.

Kafka:

Sie sind sehr nett.

Telefonfee:

Sag endlich du zu deiner Sexi-Telefonfee.

Kafka:

Ich bin es gewohnt, Leute, die ich nicht kenne, nicht zu duzen.

Telefonfee:

Was willst du? Zeit ist Geld, so funktioniert das Leben.

Kafka:

In dieser Woche werde ich hundert Jahre alt.

Telefonfee:

Das hört man dir, alter Knabe, nicht an. Ich hab viel ältere Kunden.

Kafka:

Da bin ich ja nicht Neues.

Telefonfee:

Auch junge Kundschaft hab ich. Manche sind noch keine vierzehn.

Kafka:

Das ist aber ein Unterschied.

Telefonfee:

Die älteren sind mir lieber.

Kafka:

Da hab ich aber Glück gehabt.

Telefonfee:

Ich geb dir jetzt mein Konto, ja?

Kafka:

Ihr Konto?

Telefonfee:

Dann haben wirs hinter uns.

Kafka:

Jaja.

Telefonfee:

Dresdner Bank, die ist solid. Du hast doch Geld?

Kafka:

Auf der Dachauer Volksbank. Ich bin Beamter, aber schon pensioniert. Studienrat.

Telefonfee:

Siehst du!

Kafka:

Eigentlich wollte ich Milena anrufen.

Telefonfee:

Ihre Freundin?

Kafka:

Ich bin Franz Kafka.

Telefonfee:

Freut mich, Franz.

Kafka:

Was freut Sie?

Telefonfee:

Soll ich Milena sein?

Kafka:

Sie hat Blut gespuckt.

Telefonfee:

Blut kann ich nicht ausstehen. Genausowenig wie Spinnen.

Kafka:

Ich spucke auch Blut. Wie verrückt. Ich sterb dran. Milena war Morphinistin. Meine Frau war auch Morphinistin. Ich weiß, Milena, ich bin für dich nur eine Episode, nicht die erste, nicht die letzte und überhaupt nicht die wichtigste. Am Telefon vergess ich geradezu alles. Du gehörst zu mir, selbst wenn ich dich nie mehr sehen kann, was der Fall ist. Wie kommt es, Milena, dass du noch immer nicht Angst und Abscheu vor mir hast?

Telefonfee:

Soll ich dir ein Höschen schicken?

Kafka:

Ein Höschen?

Telefonfee:

Das ich getragen hab.

Kafka:

Milena ist tot. Im KZ ist sie ermordet worden.

Telefonfee:

Ich hab fast nichts an.

Kafka:

Ist es schon so spät?

Telefonfee:

Meine Brüste sind nackt. Die Warzen hab ich rot angemalt.

Kafka:

Ich hab viel an. Mir wird leicht kalt. Verstehen Sie das?

Telefonfee:

(legt wütend den Hörer auf) Allerdings.

 

Zurück