KlassikPlus

So hingebungsvoll müßten die Frauen von heute sein. So schwärmerisch wie das Käthchen von Heilbronn, so schmachtend wie Gretchen und so dahinschmelzend wie Klärchen. Femministinnen späterer Generationen mag sich der Magen umdrehen angesichts der Rückhaltlosigkeit, mit der sich diese Damen ihren Angebetenen hingaben, angesichts der „Ahs“ und „Ohs“, mit denen sie ihren Bekenntnissen Nachdruck verliehen. Männern geht das Herz auf, wenn sie diese Frauen hören, die den Köpfen von Kleist, Goethe und Hebbel entstiegen. Oder?
Elmar Podlech, dem 1936 in Linz geborenen Radioautor, langjährigem Hörspieldramaturgen und Schriftsteller offenbar nicht. In seinem neuen Stück „Käthchen. Gretchen. Klärchen.“ taucht das gefühlsselige Klassiker-Trio als modernes Frauen-Gespann auf - als Käthchen Rosenheim, Klärchen Rüsselsheim und Gretchen Wolkenheim, welches die Männerwelt nicht durch alles durchdringende Empathie erobert, sondern durch eisige Distanz.
Podlech schickt seine Protagonistinnen auf einen dreifachen Salto durch die Zeiten und läßt sie landen, wo sein Radiostück spielt - in der zeitgenössischen Mediengesellschaft. Bereits in seinem letzten Hörspiel, „Szene Colet Flaubert“, stellt der Autor seine ausgeprägte Fähigkeit unter Beweis, historischen Figuren neues, oft auch heutiges Leben einzuhauchen. „Käthchen. Gretchen. Klärchen.“ präsentiert sich als kräftige Satire auf Frauen- und Männerbild einst und jetzt: Phantasien und Gespinste in Schriftstellerköpfen, auf die Interpretationen dieser Schrift gewordenen Gestalten in späteren Zeiten und auf den ausgefuchsten Realismus, mit dem sich seine drei Hauptfiguren durch die Jetztzeit schlagen. Oliver Sturm hat das Hörspiel mit Valerie Koch, Kathrin Angerer und Mira Partecke als wunderbar schlagfertiger Damenmannschaft realisiert. Matthias Habich, Ulrich Noethen und Oliver Stern stehen ihnen männlicherseits gegenüber. Auf welcher Seite die Zuhörer stehen, ob weiblich oder männlich, wissen sie am Ende dieses amüsanten und excellent besetzten Hörspiels selbst nicht mehr.

[Frank Olbert, Frankfurter Allgemeine Zeitung]

 

 

Richter:

Man klagt Sie an, Käthchen Rosenheim, einen Mord begangen zu haben.

Käthchen:

Aber Herr Richter. Wen soll ich jetzt schon wieder ermordet haben?

Richter:

Ihren Psychiater, der auch Ihr Therapeut war.

Käthchen:

Ein Glück, das plötzlich kommt, macht was es will mit einem.

Richter:

Es ergibt keinen Sinn. Ich sehe keinen weit und breit.

Käthchen:

Sehen Sie, Sinnlosigkeit herrscht im Gericht, Herr Richter, der Sie von Amts wegen böse sein müssten.

Richter:

Keiner erklärt mir die Welt. Allein bin ich auf mich gestellt.

Käthchen:

Die Welt, Herr Richter, ist nicht geschaffen worden, damit man sie versteht. Sie interessiert sich nicht für Erklärungen.

Richter:

Ich habe versucht, wie ich es gelernt habe, Ordnung zu schaffen, aber es ist mir niemals gelungen.

Käthchen:

Es lässt sich eine Seele nicht berechnen.

Richter:

Sätze zur Sache brauch ich.

Käthchen:

Meine Sätze und mein Leben sagen nichts über mich aus, was Sie interessieren dürfte.

Richter:

Ich muss, weil ich es jeden Tag tue, einen Mord aufklären.

Käthchen:

Jeder liebt mich. Ich bin populär. Eine Seltenheit bei Frauen.

Richter:

Haben Sie Ihren Psychiater, der auch Ihr Therapeut war, geliebt?

Käthchen:

Ach, verloren für das ganze Leben seid ihr Männer, wenn ihr Frauen liebt. Umgekehrt wird kein Schuh draus. Der Schmerz fliegt aus mir heraus. Die Lust kriecht in mich rein.

Richter:

Wie oft sind Sie verurteilt worden?

Käthchen:

Mein Leben ist ein Glanz aus Freisprüchen. Nicht ich, die Leute werden langsam irre an mir. Ich würde mich schon gern gründlicher kennen lernen. Weil ich mich dann gründlicher vergessen könnte.

Richter:

Ich verkünde das Urteil. Es war Liebe im Spiel von Anfang an in dieser Mädchenseele. Kein Mord. Kein Totschlag. Freispruch.

Käthchen:

Um davon träumen zu können, wie schön ein Wald im Herbst aussehen kann, müsste man blind sein.

Richter:

Ich stelle einen Antrag. Mein Antrag ist ein Heiratsantrag, Käthchen.

Käthchen:

Meinen guten Beruf behalte ich.

Richter:

Meinetwegen.

Käthchen:

Ach.

 

Zurück