He Leute, wir ...

Männerfreundschaft auf dem Weg in die Abruzzen: Fünf Mitglieder eines ominösen „Sozialistisch-Katholischen Künstlerbundes“ machen sich auf die Reise in das Land, wo die Zitronen blühen, in jene Landschaft, die blaßköpfige Schreiber schon immer angelockt hat. Auch die fünf haben ihr Handwerkszeug, die Schreibmaschine, nicht daheim gelassen, sondern mitgeschleppt auf der windigen, halsbrecherischen Fahrt im VW-Bulli. Ihre Profession, das Geschichten-Erzählen, kennt halt keine Freizeit und so sucht man, selbst in Ferien und Urlaub, eifrig nach einer „brauchbaren Geschichte, traktiert ebenso fleißig das Papier wie den Hörer mit Anekdoten-Schatz und Geschwätzigkeit. Ein Stück über das Erzählen und Schreiben also?

[Ekkehard Skoruppa, epd}

 

 

von Manteuffel:

Die Dichter beschreiben die Welt von gestern.

Lippschitz:

Von Manteuffel, entschuldige, ich beschreibe überhaupt nichts. Weder was von gestern noch was von morgen, am allerwenigsten das Heute. Ich schreibe.

von Manteuffel:

Die Wissenschaft, Lippschitz, ist den Schreibern voraus. Die Wissenschaftlacht sich tot über die Poeterei. Obwohl sie nicht aus der Wahrheit der fünf Sinne kommt.

Freudenreich:

Die Revolution ist das einzige, was ich im Auge und im Herzen behalte, trotz mehrerer Herzinfarkte und zunehmender Blindheit.

von Manteuffel:

Anekdoten, ohne Zusammenhang, wie Träume so verständlich, alles muss verständlich sein. Ich befürchte, das Hörspiel heute ist zu hermetisch. Der Sinn der Dialoge bleibt letztlich dunkel.

Lippschitz:

Gedichte, Romane, Theaterstücke, Hörspiele, müssen irgend etwas ähneln, und damit sie es tun, muss es Realismus geben. Selbstverständlich haben alle Schriftsteller Realismus. Schriftsteller und Leser und Hörer und Seher haben immer einen Realismus. Schließlich ist das Leben, in dem wir leben, immer auch real. Aber der Realismus der Gegenwart ist neu, weil der Realismus der Vergangenheit nicht mehr real ist.

Ramirez:

Unser Verlangen nach großen Verbrechen ist drängender als das Verlangen nach kleinen Verbrechen. Aber damit ist nur die halbe Wahrheit der Logik gesagt. Es ist den Leuten nicht immer begreiflich zu machen, dass ein toter Körper aussieht wie ein Lebendiger.

Grynspan:

Ich sag da nichts. Alle behaupten, sie hätten was zu sagen. Ich hab nichts zu sagen. Alle sagen was. Nichts sag ich. Ich kann mir mein Leben lang überlegen, wie ich mich an den Menschen räche, Scheißkerle, ihr.

Freudenreich:

Was istTrag uns eines deiner hübschen Gelegenheitsgedichte vor, erfreu deine Freunde, traktier uns mit deiner Kunst, deine einfältige Raffinesse wühlt nicht nur die Leiber der Weiber auf. Tu uns weh, Gryspan, mit deinen charmanten, auf den Nenner gebrachten Wehleidigkeiten.

Grynspan:

Meine Gedichte, die paar leichten Oden, haben Zusammenhang, da könnt ihr singen, Klugscheißer, was ihr wollt. Sie propagieren kein großes Verbrechen, sie propagieren kein kleines Verbrechen. Sie sind lebendig und real wie eine bunte Kuh, ich entschuldige mich nicht bei euch Korinthenkackern dafür. Ich weiß, meine Gedichte sind wertlos. Deswegen bleiben sie in der Schublade; bis die Schublade brennt.

 

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