10 min später

Hat wirklich komisch ausgesehen mit seinem Papierklumpen im Mund, aber zu lachen habe ich nichts gehabt. Kaum aus dem Zimmer draußen, kommt der Schließer mit ein paar Kumpels zurück, die mich ruch, zuck bearbeiten, so nennen sie das hier. Danach kann ich kaum mehr aus den Augen schauen. Sie schleppen mich zum Chef, legen mich auf dem Sessel ab, ihm gegenüber, und verschwinden.
Sie sollten vorsichtiger sein, sagt er, nicht so große Sprünge machen, wenn sie wackelig auf den Beinen sind. Sie wissen doch, wie leicht man dabei ausrutschen kann! Aber deshalb habe ich sie nicht kommen lassen. Er nimmt ein Blatt Papier von seinem Schreibtisch, hält es vor sich, so als wollte er es lesen, legt es aber gleich wieder zurück auf den Tisch. Das war ja wohl nichts, brummt er. Ich schweige, warte was kommt. Der Chef ist launisch. Das ist bekannt. Und so unberechenbar, wie alles hier. Was haben sie sich dabei gedacht? Er deutet auf das Blatt Papier. Sagen sie nichts, man sieht es ja! Wir haben ihnen ein Chance gegeben und dann? Nichts, sie haben nichts daraus gemacht, haben einfach zehn Minuten durchgestrichen. Zeit kann man nicht durchstreichen, entgegne ich leise. Seien sie jetzt bloß nicht spitzfindig. Vorhin hätten sie sich beweisen können, die Gelegenheit am Schopf packen können. 10 Minuten haben ausgereicht, um zu wissen, was mit ihnen los ist. Da kommt nichts, da wird nichts mehr kommen, soviel steht fest. Ein bisschen Renitenz, das ist alles und entschieden zu wenig. 10 Minuten, das ist lächerlich, entfährt es mir. Sagen sie endlich, was sie von mir wollen. Sie wollen wohl nicht kapieren, ich will nichts mehr von ihnen. Und deshalb lassen sie mich kommen? Ach, hören sie doch auf, da kann ich doch …. Nichts können sie, herrscht er mich an. Sie gehen, wenn ich es ihnen sage. Es wird keine 10 Minuten mehr geben, für sie nicht! Ich schrecke auf und der Gedanke rast durchs Hirn, dass im nächsten Moment die Schließer wieder hereinstürmen oder sonst jemand sich auf mich stürzt und dass auf jeden Fall etwas Endgültiges passiert. Aber nichts geschieht. Es gibt keine zweiten 10 Minuten, höre ich ihn, bevor ich ins Schwarz sinke.

Horst Senger
Lebt und arbeitet in Eltville als Autor.

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