10 min

Hier! Der Schließer grinst, legt ein paar Blatt Papier und einen Stift auf den Tisch. 10 Minuten! Mehr Zeit hast Du nicht! Der Schließer grinst noch einmal breit und geht. Mehr Zeit hast du nicht? Was soll das? Wartet das Exekutionskommando auf mich? Habe ich da etwas nicht mitbekommen? Bin ich in das Pelican Bay State Prison gebeamt worden? Eine Giftspritze oder was wartet jetzt auf mich? Weshalb nur noch 10 Minuten? Und was soll ich mit dem Schreibzeug? Einen letzten Wunsch formulieren, mein Testament machen, für wen? Was geht hier vor? Meine letzten zehn Minuten mit Schreiben verbringen? Worüber denn? Über die letzten 10 Minuten? Die letzten 10 Minuten schreibe ich also aufs oberste Blatt Papier, ich notiere: Die letzten 10 Minuten, ich streiche die 10 durch, sind doch jetzt höchstens noch 8. Das muss doch ein Scherz sein, ja es ist bestimmt ein blöder Scherz. Mit allem, was ich notiere, gehe ich ihnen auf den Leim. Sicherlich machen sie sich lustig darüber. Schau mal, werden sie vielleicht sagen, das fällt dem Trottel in seinen letzten 10 Minuten ein. Nicht viel! Schade um das schöne Papier! Und werde sich schütteln vor Lachen. Ich streiche die 8 durch, steht jetzt nur noch Minuten da. Weiß ohnehin nicht, wie viele mir noch bleiben. Und wenn es doch kein Scherz ist? Was erwarten sie denn? Ein Beichte. Ich habe nicht mehr zu sagen als vorher, habe ihnen alles gesagt, deshalb bin ich doch hier. Gibt es möglicherweise ein paar Worte, eine Formulierung, die die 10-Minuten-Frist aufhebt, ein treffendes Wort, das ich finden und aufs Blatt bringen muss, das bewirken könnte, dass ich mehr Zeit bekomme. Oder ist mein Schreiben gar nicht für sie bestimmt? Vielleicht lesen sie es nicht, heften das Papier nur ab, eine Art Abschlussdokument. Meine letzten Worte, damit niemand sagen kann, ich bin überrascht, sondern ordnungsgemäß davon unterrichtet worden, dass meine Zeit abgelaufen ist. Und wenn ich nichts schreibe? Vermassele ich ihnen dann die Tour? Ich streiche auf dem Blatt auch noch die Minuten durch. Die Tür geht auf. So! Her damit! sagt der Schließer. Ich zerknülle das oberste Blatt und stecke ihm den Knäuel in den Mund.

Horst Senger
Lebt und arbeitet in Eltville als Autor.

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