eins und so weiter

eins

Glücklich, der weiß, worum es im leben geht. Worum es in der philosphie geht, ist in büchern festgehalten.

zwei

Intelligenz und traum und sehnsucht und alter und jugend, wörter für eine falle, in die man sein ganzes leben lang tappt. So oder so. Albtraum oder erotische fantasie, die intelligenz taugt nicht zur versöhnung.

drei

In der rückschau keine zeit, keine zeit für dementis. Nur die frage, ob ich mich erschlagen lassen will, von dem, was ich wahrnehme, noch zulasse, wahr zu nehmen.

vier

Jeder liest, was er weiß. Der autor weiß nichts, nicht mehr als niemand. Geschichten packen nichts an und sie laufen nicht weg. Sie bieten sich einfach an, dem an, der zusammenhänge stiftet, der sein garn spinnt, das andere auftrennen. So strickt sich jeder seine Vision vom Leben.

fünf

Nur die indianer versprachen mir viel. Für jeden lebensabschnitt einen namen, einen neuen namen. Keine qual mit der identität, keine saublöden sprüche von der art, dass nur wer sich änderte, sich treu bliebe. Man wandelt sich, schuppt sich, eine neue Haut, eine neue maserung auf der haut. Es zählt nicht, von wem man gezeugt wird, immer ist man mit dem stamm verwandt, dem, der schon verrottet ist, und dem, der noch wächst. Der apfel liegt immer gleich weit weg vom stamm.

Ich bin ein flüchtlingskind, das werde ich nicht mehr los. Jahrelang hatte ich einen koffer immer in reichweite, mit papieren und dem nötigsten gepackt.

sechs

Ich bin proletarischer herkunft, mit schönheit kann ich nichts anfangen.

sieben

Sie bleiben weg, wie sie einmal weg geblieben ist. Oben stehe ich voller furcht, vor der auflösung, festgeklammert am treppengeländer, blicke hinab durch den tränenschleier, die kehle wund, bis ich sie endlich wieder sehe. Oben wird mir immer schwindlig.

acht

Sterben ist was für andere, der tod immer skandalös.

neun

Ich habe glück, viele, die ich zum freund hatte, leben noch. Ich habe sie anders verloren. Manchmal war es ein aufbrausen, manchmal geschah es still. Und ich erinnere mich kaum, wie es gewesen war. Es waren nie viele, jetzt sind es noch weniger. flüchtlingskinder vertrauen niemandem. Sie sind sich ihrer zu ungewiss.

Ab und an scheint es mir, als sei es das einzig vernünftige, ich entwickelte mich zurück, holte wieder heim, was auf der strecke geblieben ist. Ob ich es überhaupt noch wieder erkennen würde, wenn ich mich auf die suche machte?

zehn

Das leben, das leben, es muss immer etwas großes sein. Tag für tag schauen, riechen, tasten, hören, das genügt nicht. Warum? Ist nicht das innen, das geschützte der trug?

elf

Der ethnologe Malinowski hat dem männlichen begehren ein für alle mal die natürliche grenze aufgezeigt: „you c‘ant fuck them all.“ Der Alkohol hat nichts süßes, verklebt die sinne, weitet die brust, macht schwache stark und starke schwach, macht fiebrig. Manchmal endet es im totschlag. Das ist alles. Damals haben wir alles genommen: upper, downer, mescal, lsd, schwarzen tee und huflattich. Das kiffen war wie zigaretten rauchen. Manche sind nie wieder von ihrem trip zurückgekehrt. Last exit eichberg. Anderen ist der beutel mit haschischöl, von nordarfrika kommend, während der passage übers mittelmeer im magen geplatzt. Sie versteht keiner mehr, sie sind selig. Der traum von der revolution ausgeträumt. Übrig geblieben die machtübernahme von mickrigen konvertiten, die das alte verantwortung-für-die-menschen-spiel weiter spielen, auf einem anderen feld, auf gepolsterten regierungsbänkchen, mit ernstem gesicht. Nur die pausbacken verraten die freude dabei zu sein, entronnen zu sein – dem scheitern. Nichts hat sich geändert in der bürger-söhnchen-kultur.

zwölf

Scheiße, mir hängt es zum halse heraus, diese verklärung des todes, die heldenepen, die verrückten-verehrung. Dieses sinnlose anrennen gegen die absolute grenze, gegen das getrennt-sein. Der eine ist nicht mehr oder er wurde gelöscht, der andere ist noch nicht verlöscht. Der andere muss nicht bleiben und er kann nicht bleiben. So viel zum werden.

dreizehn

Zukunft hat keine geschichte. Oder umgekehrt. Was zählt, ist gegenwart. Und nur melancholisches erinnern ist erlaubt. So werden kriege von verlierern erzählt, so wird es in deutschland gelehrt. Das leben ist schön, das leben ist schlecht, das leben kennt keiner. Mein leben ist stumm, ich bin diener meiner organe. Ich bin der leib und die seele. Wer meinen leib nimmt, nimmt mich. Mein körper kann meine seele nicht besitzen. Ich kann meinen körper nicht herrichten, um mich zu bewahren. Ich bin nicht pharao. Ich bin form und inhalt zugleich. Im krankenhaus habe ich das besonders zu spüren bekommen.

vierzehn

Eine meiner firmen, die ich nie gegründet hatte, hieß „nichts außergewöhnliches.“ Ich wollte vorbeugen.

fünfzehn

Alles ist gesagt. Alles ist immer gesagt worden. Es gibt nichts neues. Es kommt, wie es kommt. Dabei kommt nichts heraus. Kein surplus. Immer zeigt sich nur das, was da ist. Dennoch: zu jeder zeit lohnt es sich, genau hinzusehen. Denn wer hätte schon alles geschaut?

sechzehn

Ich habe mich weit hinaus gelehnt, aus dem fenster. Jetzt stecke ich fest, will nicht fliegen, kann nicht mehr zurück. Was tun?

Published by

Horst Senger

Lebt und arbeitet in Eltville als Autor.

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