Glauben

Wie weiß man denn, was man glauben kann und was nicht. Wird etwas sicher oder beständig dadurch, dass es sich wiederholt. Ist es sicher, dass morgen wieder die Sonne aufgeht, weil ich schon 10.000-mal erlebt habe, dass sie am Beginn des Tages aufgegangen ist. Geht sie nicht mehr auf, wenn ich nicht mehr sehe, dass sie aufgeht, weil ich den Raum verdunkelt habe, in dem ich mich aufhalte oder weil ich tot bin. Und ist es nicht auch so, dass Handlungen sich verändern, dass das Erleben, das die Handlung begleitet, ein anderes wird, wenn ich immer wieder das gleiche mache. Werden die Dinge dadurch stabiler, dass sie immer wieder benutzt werden, oder ist es nicht so, dass sie verschleißen. Wie verhält es sich mit meinen Gewissheiten? Worauf kann ich sie gründen? Woher und wie kann ich wissen, dass diese Gründe sicher sind. Heißt sicher wissen nicht soviel, wie begründet wissen – und hocke ich so fragend nicht hoppla, hopp und unversehens in einer Endlosschleife, aus der ich nur aussteigen kann, indem ich mich auf Glaubenssätze beschränke, die ich durch ständiges Aufsagen bestätige und frisch erhalte. Aber wie finde ich zu den Sätzen, zu meinen Sätzen. Wähle ich sie mir unter den vielen, gleich schwerwiegenden aus, fallen sie mir zu, auf den Kopf und bleiben darin stecken, auf immer und ewig. Darf ich sie austauschen, wenn sie mir Schwierigkeiten und Ärger bereiten, weil ich mich an sie halte, indem was ich tue oder denke. Gibt es Glaubenssätze, die man nicht glauben darf, weil sie andere mit ihren Glaubenssätzen verletzen. Gibt es Glaubenssätze, die man diskret behandeln kann, also für sich behalten kann. Und wenn diese Sätze wirksam sind, also für einen etwas taugen im Alltag und für das eigene Seelenheil, sollte man sie dann nicht weitergeben. Aber wie, da man sie doch für sich behalten sollte? Eine der größten Schwierigkeiten: Kann man fest und unerschütterlich an etwas glauben, obschon man so ziemlich an alles glauben kann. Will sagen, was taugt ein Glauben, der sich nicht bewähren kann, weil der andere ebenso wenig zu erschüttern ist. Aber um solche Fragen geht es nicht, erst einmal. Für denjenigen, der bitterlich enttäuscht wurde, geht es um weniger grundsätzliche, gleichwohl bedeutsame Fragen. Wie kann er entscheiden, ob der Riss der Enttäuschung, der erschienen ist, in der Welt verläuft oder nur in seinem Kopf. Wenn er in der Welt ist, wird es schwierig mit dem Kitten. Der Kleber, der die Welt zusammenhält, ist nicht so einfach, ach was, der ist gar nicht anzurühren. Wenn der Riss seinen Kopf, sein Bewusstsein durchzieht, dann besteht die Chance einer Rettung. Er muss sein Denken dicht machen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Er muss sein Denken abriegeln, die Worte, die Begriffe müssen eingepasst werden, eng an eng, nicht wie der Handwerker sagt: passt, sitzt, wackelt und hat Luft, sondern dicht an dicht, in einem wabenartigem Gespinst müssen die die Wörter eingefasst sein. Nichts soll durch sie hindurch nach draußen kommen, noch weniger von draußen in sein Denken eindringen. Wenn diese Operation klappt, eine Hermetik im Denken zu schaffen, dann bedeutet dies nicht gleichermaßen, seine Empfindungen und Gefühle, sein Begehren und seine Abneigungen einzupferchen, ganz im Gegenteil. Wenn die Wörter wohl geordnet sind, ausgerichtet für die Schlacht und gegen das, was außerhalb ihrer selbst möglicherweise existiert, dann können sich die Leidenschaften austoben, bis zur völligen Verausgabung, folgenlos für das Denken, denn dafür stehen ja die Wörter gerade.

Horst Senger
Lebt und arbeitet in Eltville als Autor.

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