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Hammer

Ein Mann wacht auf. Es geht ihm gut, er hat nichts Besonderes vor. Er will machen, was eben so anliegt, was sich ihm als Aufgabe in den Weg stellen wird an diesem schönen oder doch zumindest mittelprächtigen Morgen. Mit einem Mal stellt er fest, dass sein Hammer weg ist, einfach verschwunden. Sein Hammer ist weg. Er wird von einem Gefühl ergriffen, als stürze der Himmel über ihm zusammen. Unfassbar. Er sucht überall, im Keller, im Werkzeugschuppen, im Kühlschrank, aber nichts zu sehen von dem Hammer. Er befragt seine Frau, seine Kinder. Er fragt sie fest und bestimmt, damit sie wissen, dass es ihm ernst ist. Es geht um eine wichtige Angelegenheit. Sein Hammer ist weg. Panik pur im Kopf und in den Adern rauscht es. Er kann nicht klar denken, denn sein Hammer ist weg, nicht irgendein Hammer, nein, sein Hammer. Und deshalb hilft es auch gar nicht, einfach in den nächsten Supermarkt, den nächsten Baumarkt zu fahren, um einen neuen Hammer zu kaufen. Er braucht keinen neuen Hammer. Er braucht seinen Hammer. In den Phasen der geringsten Aufregung kommt er zu einem Entschluss. Der Nachbar. Er sucht nach seinem Hammer bei seinem Nachbarn, dem Nachbarn unmittelbar gegenüber. Er klingelt bei ihm. Er fragt nach seinem Hammer. Der Nachbar sagt ihm, dass er seinen Hammer nicht hat. Aber er lässt nicht locker, verlangt Einlass. Dabei wedelt er nachdrücklich und mit geballter Faust vor dem Gesicht des Nachbarn herum, der ihm zögerlich zwar, aber schließlich doch den Einlass gewährt. Er durchkämmt das Anwesen des Nachbarn, findet Hämmer zuhauf, aber nicht seinen Hammer. Er findet einen ähnlichen Hammer, in dessen Schaft «m.h.» eingeritzt ist, «m.h.» für mein Hammer. Ja, er ist ähnlich, aber es ist nicht sein Hammer, denn dann stünde dort «s.h» oder etwas anderes, was bezeugt, dass es sein Hammer ist. Aber darauf kommt es gar nicht an. Er kennt ja seinen Hammer. Alte Liebe rostet nicht. Er kann seinen aus Tausenden bau- und herstellungsgleicher Hämmer mit einem Blick ausmachen. Es steht ihm gar nicht der Sinn danach, eine neue Wetten-dass-Wette daraus zu machen. Die Lage ist zu ernst dazu. Er rennt weiter, von Nachbar zu Nachbar in seiner Straße. Bei den letzten in der Reihe der Häuser wird ihm nicht mehr aufgetan, weil längst schon die Kunde die Runde gemacht hat, dass da ein Außer-sich-Seiender auf der Suche nach seinem Hammer ist, mit unkalkulierbarem Risiko für die Unversehrtheit und Gesundheit derer, die diesem Verrückten aufmachen. So kommt er nicht weiter und nicht zur Ruhe. Es tost in ihm und er weiß sich nicht zu helfen, bis dann dieser Satz in seinem Kopf auftaucht, grell wie Neonbuchstabenreklame flackert der Satz hinter seiner Stirn: «Sie brauchen professionelle Hilfe.» Er beauftragt eine Detektei mit der Suche. Glücklicherweise hat er ein jüngeres Foto seines Hammers, das er dem Schnüffler mitgeben kann. Er ist sich sicher, das wird nicht billig, aber schließlich geht es um nichts weniger als seinen Hammer. Er versucht sich in Geduld zu üben, auf das Resultat des Schnüfflers zu warten. Nicht vergeblich. Seine Qual währt nur einige Tage, für ihn sind es Jahre gewesen. An jedem dieser Tage hat er dem rasanten Altern seines Gesichts im Spiegel zusehen können. Vom Schnüffler erfährt er dann endlich, dass am anderen Ende der Welt, also von ihm aus gesehen am anderen Ende, ein Kerl tatsächlich seinen Hammer hat. Er hat ihn als Geisel genommen und will ihn nur zurückgeben, wenn er die Frau seines besten Freundes heiraten kann. Wahnsinn, denkt er, und was um alles in der Welt hat das zu bedeuten? Aber er hat nicht lange Zeit darüber nachzudenken, denn er will, er muss seinen Hammer wieder bekommen. Zugleich weiß er, dass es natürlich unannehmbar ist, diese Forderung zu erfüllen. Das kann er beim besten Willen nicht von seinem Freund verlangen, geschweige denn von dessen Frau. Eine verdammt Patt-Situation, denkt er noch, aber auch, dass er keine andere Wahl hat. Unter Androhung des Endes einer langen Freundschaft überredet er seinen Freund, sich mit ihm auf den Weg zu machen zu dem Fremden mit dem unsittlichen Angebot. So reisen sie denn ans andere Ende der Welt zu einer Hochzeitsfeier, bei der er die Braut ist. Er ist als Braut verkleidet, als die Frau des Freundes, und der Freund geht als Freund. Nach beschwerlicher, weil mit Bauchgrimmen begleiteter Reise treffen sie bei dem Fremden ein. Der Fremde ist ihm auf Anhieb so unsympathisch, wie er vermutet hat. Dennoch ist er bereit, mit ihm und seiner Sippschaft Vermählung zu feiern. Zu diesem Zweck sind sie ja schließlich angereist. Es bleibt jedoch nicht aus, so groß ist seine Angst, noch größer die Ungewissheit, ob sein Plan klappen wird, dass er das Misstrauen des Fremden erregt. Er nährt seine Zweifel, ob er wirklich die ersehnte Gemahlin und also seine Frau sein wird, weil er sich ungeschickt anstellt, das Kleid nicht zu raffen weiß, zu gierig und mit zu großen Bissen die angebotenen Speisen verschlingt. Aber sein Freund, sonst wäre er es ja nicht, haut ihn in den brenzligen Situationen heraus. Und so gelingt die scheinbare Vermählung und der Fremde legt nach vollbrachter Zeremonie seiner Nun-Frau, also ihm, den Hammer in den Schoß. Endlich, sein Hammer! Er hat seinen Hammer wieder. Überwältigt von grenzenloser Freude und einem kosmischen Rappel nimmt er den Hammer, seinen Hammer, und erschlägt den Fremden und die ganze Festtagsgesellschaft gleich mit – bis auf seinen Freund.

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