Hinter den Wänden

Die letzten tragischen Worte der Nacht
springen von meinem Schreibtisch,
verpuffen lautlos in den ersten Strahlen
und meine Zweifel kriechen zurück
in die feuchte Erde des Morgens.

Staubdurchwirkt und aufdringlich
überzieht das Hell mit scharfkantigen Streifen das Zimmer.
Hinter den Jalousien der Lärm der Straße,
dazwischen eine verstörte Vogelstimme.

Ein neuer Tag tropft taktlos vom Himmel.

Nackt liege ich auf aschefarbener Matratze,
ausgebreitet für die Zeit danach,
jenseits von Körper und logischem Denkvermögen.
Nebenan streicht sich eine Frau geschickt
Überdruss und Mattigkeit aus ihrem Leib.
Ein Stöhnen stürzt vom Balkon,
bleibt unversehrt auf der Straße liegen.

Hochoben rauschen metallene Flügel im klaren Blau.

Lautlos ruhe ich neben schädlichen Spinnen
in der großen Hitze ohne Zauberwort,
warte auf den kostbaren Sonnenuntergang.
Im Stockwerk darüber keucht ein TV-Apparat,
weiden Augen zwischen geöffneten Frauenschenkeln.

Draußen an menschenleerer Straßenkreuzung staut sich leises Schluchzen.

Flimmernde Stille umtanzt das Hochhhaus,
im Treppenhaus verdorrt der Nachmittag.
An den Wänden Ungezieferzeichen,
die von Tod und Traum sprechen.
In den Ecken lungern verklungene Leidenschaften.
Durch ein Lautsprechergitter züngelt Gesang,
eine Melodie unaufhaltsam zum Ende hin.

Schwarze Wolken hängen über dem Schwefelgelb des ausgefransten Horizonts.

Unter einer Lampe torkeln zügellose, anämische Fliegen,
berauscht vom Schwirren ihrer Flügel.
Auf dem Boden vor meinen ausgestreckten Füßen
beginnen Wörter zu scharren.
Lange höre ich das Fliegensummen
in der dunkel aufziehenden Nacht.
An den Wänden wabern Schwämme voller Ölfarbenmusiken,
während das Tageshell in den Gängen versickert.

Weit unten Jubelgeschrei und Gesang vorbeiziehender Säufer.

Ich beschreibe Zettel um Zettel,
treibe die Wörter zum Äußersten,
und bin doch traurig, weil die Sonne fehlt,
auf dem Papier und im Gedächtnis.
Und an der Wohnungstür erblicke ich ein schweigsames Auge,
durch dessen weit geöffnete Pupille Neonlicht ins Zimmer sticht.

Horst Senger
Lebt und arbeitet in Eltville als Autor.

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