Vor dem Loch

Manchen ist das ja ungeheuer wichtig, sie bezeichnen das als Ausweis von Bildung und Geisteshaltung. Man muss zeigen, dass man sich auszudrücken vermag und dass man in allem Stil hat. Anderen wiederum ist in erster Linie daran gelegen, dass man sich an die Regeln hält, einerlei, worum es geht. Man muss sich den Regeln gemäß verhalten und das gilt ausnahmslos. Wieder andere sind dagegen, gegen den Stil und die Regeln, halten sich aber für gebildet, wollen nur mal den Laden aufmischen. Mir ist die Rechtschreibung schnuppe. Es kommt doch nicht darauf an, wie die Leute schreiben, sondern dass man kapiert, was sie wollen. Bei Flüchtlingen gibt man sich ja auch Mühe, sie zu verstehen, weil man weiß, dass sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Da sieht man auch darüber hinweg, dass sie die Regeln nicht beherrschen, sie noch nicht einmal kennen. Oder bei den Kindern, da lauscht man auf jedes Wort, das sie rausbringen, und findet Fehler nicht nur nicht schlimm, sondern zuweilen geradezu süß. Aber spätestens in der Vorschule ist dann mit dem Verständnis Schluss, dann verzeiht man nicht mehr. Nur denen, die eine ihnen fremde Sprache nicht verstehen. Deshalb ist es für einen selbst so entspannt, wenn man im Ausland ist, die Sprachen nicht versteht, aber davon ausgehen kann, dass die Leute sich bemühen, einen zu verstehen, wenn man sich mit Händen und Füßen zu verständigen sucht. Weil sie einen nicht verstehen, hören sie zu. Das klingt paradox, aber es ist so. Und wirft ein bezeichenendes Licht auf den Mangel, der im eingenen Land herrscht. Es wird so viel geredet, geschwatzt, sich aufgeplustert, gebüllt und geschrien, aber es wird halt einfach nicht zugehört, vieles wäre besser, wenn die Leute zuhören würden. Für meine Kollegen bin ich ein Spinner. Gerade hier, sagen sie und tippen sich an die Stirn, wo diejenigen Leute sind, die am wenigsten etwas mit Zuhören anfangen können, willst du was reißen. Das ist einfach nur verrückt, sagen sie. Sie kapieren nicht, dass hier, gerade hier was getan werden muss, damit es aufhört, dass sich keiner um den anderen schert. Das fängt hier an und da sind vor allem wir selbst gefragt, die wir in dem Laden die Verantwortung haben, zuallererst wir. Es kann doch nicht sein, dass man einfach tatenlos zusieht, wenn sich die Jungs mal wieder in die Haare kriegen, und erst eingreift, wenn es blutig wird. Wie zum Beispiel gestern in der Schreinerei. Ich bin jedesmal enttäuscht, wenn ich sehe, dass meine Kollegen nicht von Anfang an eingreifen, sondern erst mal abwarten, wie sich die Sache entwickelt. Wenn ich sie darauf anspreche, dass sie meiner Meinung nach zu lange gewartet haben, winken sie nur ab. Insgeheim, glaube ich, genießt der eine oder andere von meinen Kollegen, wenn mal so richtig die Fetzen fliegen. Wenngleich ich nichts über meine Kollegen kommen lassen will, schließlich sitzen wir alle in einem Boot – und müssen uns aufeinander verlassen können. Auch wenn sie mich für einen Spinner halten, wissen sie doch, dass sie sich auf mich verlassen können. Andernfalls hätte ich mich hier gar nicht halten können. Über alle Differenzen hinweg gilt die Haltung, dass ein jeder für den anderen einsteht, ausnahmslos. Und auch die Insassen hier wissen, dass sie keine Chance haben, sollten sie auf die Idee kommen, uns gegeneinander auszuspielen. Klar laufen hier einige Deals, will gar nicht wissen, welche, weil sich die anderen auch nicht um meine kümmern. Aber eines ist klar: die große Linie stimmt. Wenn es darauf ankommt, weiß jeder, wo sein Platz ist. Desöfteren schon ist mir der Gedanke gekommen, dass es durchaus möglich ist, dass ich mich gegenüber den Kollegen nicht klar ausgedrückt habe, es also auch meine Schuld ist, dass sie der Idee des Zuhörens so ablehend gegenüberstehen. Ich bin immer davon ausgegangen, und damit komme ich wieder auf den zentralen Punkt des Zuhörens, dass wer mir zugehört hat, schon richtig deuten wird, was ich meine. Vielleicht ist das mein Irrtum und ich muss deutlicher werden, auch auf die Gefahr hin nicht mehr nur als Spinner, sondern als gefährlich zu gelten. So gefährlich wie unser spezieller Gefangener, den wir bei Wintereinbruch in den Spezialtrakt im Keller untergebracht haben, in dem die Heizkörper nicht so richtig auf Touren kommen. Wir reagieren nicht auf seine lautstarken Beschwerden. Das einzige, was wir machen, ist, dass wir seine Handschellen enger stellen, in der Hoffnung, dass er dann mal längere Zeit Ruhe gibt. Wir haben, schon bevor wir ihn in den Keller verfrachtet haben, alles Mögliche unternommen, um ihn weichzukochen. Wir haben da ja unsere Mittelchen, zwar hart an der Grenze, aber immer legal und mit Rückendeckung der Oberen. Aber wir haben es einfach nicht geschafft, ihm das Maul zu stopfen. Je härter wir ihn angefasst haben, desto mehr hat er uns genervt mit seinem Geschwätz, dass er nur helfen will. Wie sollte so einer, der im Knast gelandet ist, uns helfen können, habe ich mich gefragt. Und wie die anderen auch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass er einfach ein Durchgeknallter ist, dessen Masche es ist, auf Wiedergutmachung zu machen. Doch jetzt erscheint mir alles in einem anderen Licht. Ich weiß gar nicht mehr, an welchem Tag es gewesen ist, nur dass ich zu ihm in die Zelle geschickt worden bin, um ihn zum Arzt zu bringen, weil er beim letzten Randalieren so an den Handschellen gezogen hat, dass er sich eine Bänderdehnung zugezogen hat. Ich hätte Stein und Bein geschworen, dass so etwas gar nicht möglich ist. Jetzt weiß ich es besser. Wir haben vor dem Sprechzimmer des Arztes gewartet, als er sich an mich gewandt hat. Anfangs hat er leise gesprochen und er ist auch später nicht laut geworden. Ich weiß nicht, was den Ausschlag gegeben, dass ich ihm zugehört habe und nicht einfach auf Durchzug gestellt habe. Möglich, dass es daran gelegen hat, dass ich mich gelangweilt habe oder ich empfänglich für seine Worte gewesen bin, weil er so ruhig geredet hat. Im Endergebnis spielt das keine Rolle. Nach diesem Tag habe ich ihn, so oft es meine Zeit erlaubt hat, in seiner Zelle aufgesucht und mit ihm geredet. Es klingt alles recht vernünftig, was er sagt. Keine Spur von Wahnsinn. Ich verstehe jetzt, was er mit Helfen meint. Und ich bin kurz davor, viel fehlt nicht, ihn rauszulassen, damit alle auf ihn hören. Darauf kommt es schließlich an.

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