Magic Bus

Magic Bus

Wie immer. Der Wecker klingelt früh, ich schleppe mich ins Bad, stelle mich unter die Brause, kleide mich an, brühe einen Kaffee auf, kurze Zeitungslektüre, während ich den Kaffee schlürfe und dann geht ’s aus dem Haus. Runter zur Bushaltestelle, an der ich heute zu meiner Verwunderung alleine bin. Noch mal ein Blick auf meine Uhr und die Datumsanzeige: korrekte Zeit, korrekter Wochentag. Ich habe mich also nicht geirrt, wenngleich mir Zweifel bleiben, die aber sogleich verfliegen, da ich die Scheinwerfer des Busses in der Dunkelheit ausmache. Als ich einsteige, registriere ich, dass sich all diejenigen, die ich an der Bushaltestelle erwartet habe, bereits im Bus befinden. Sobald ich Platz genommen habe, erheben sich die Fahrgäste wie auf ein geheimes Zeichen hin und beginnen lauthals zu singen: Happy Birthday! Ich möchte dem sofort Einhalt gebieten, protestiere, da ich keinen Geburtstag habe, dringe aber nicht durch, und ehe ich mich versehe, habe ich ein Sektglas in der Hand und muss unzählige, so kommt es mir vor, Glückwünsche entgegennehmen. Keine Frage, dass mein Widerstand längst zusammengebrochen ist. Ich füge mich beschwipst in mein Schicksal, was mir nicht schwerfällt, da die Stimmung im Bus an Fahrt aufnimmt, angeheizt durch laute Partymucke, die aus den Lautsprecherboxen dröhnt. Benommen von Musik und Stimmengewirr verliere ich jedes Gefühl für die Zeit, sodass ich nicht weiß, wie lange die Fahrt gedauert hat, an deren Ende ich in einen prächtigen Sonnenaufgang blicke, zusammen mit den anderen Fahrgästen, die wie ich den Bus verlassen haben. Nur der Busfahrer ist sitzen geblieben, so als wolle er nicht versäumen, rechtzeitig die Rückfahrt anzutreten. Aber an die Weiterfahrt denkt im Moment niemand, am wenigsten ich selbst. Ich mache mich auf den Weg zu einem Aussichtsturm, was einige Zeit in Anspruch nimmt. Trotz meiner Höhenangst besteige ich die Plattform des Turms und nach einigen Schwindelattacken gelingt es mir sogar, den Ausblick zu genießen. Verdorben wird er mir jedoch in dem Augenblick, als ich sehe, dass sich der Bus samt seiner Insassen in Bewegung setzt. Das Gefährt entfernt sich langsam aus meiner Blickrichtung. Ich muss mich wohl oder übel damit abfinden, dass die Geburtstagsgesellschaft mich offensichtlich vergessen hat. Meine anfängliche Hoffnung, dass ich auf meinem Rückweg Leuten begegne, die mich mit dem Auto zurücknehmen, zerschlägt sich. Keine Menschenseele weit und breit. Als ich endlich in den Ort komme, passiere ich einen Fernsehladen, auf den Monitoren flimmert die Tagesschau, wie ich im Vorbeigehen erkenne. Was den Impuls ausgelöst hat, stehen zu bleiben, kann ich nicht sagen. Fakt ist, dass ich es gemacht und zu meinem Erstaunen festgestellt habe, dass da ein Mann, der mir bis aufs Haar gleicht, ein Interview gibt: in einem voll besetzten Bus und allem Anschein nach bei bester Laune. Verstehen kann ich nicht, was der Mann sagt, denn von Draußen ist der Ton nicht zu hören. Sicher bin ich mir nicht, aber ich meine, einige der Personen erkannt zu haben, als diejenigen, die heute Morgen mit mir unterwegs gewesen sind. Was der Beobachtung entgegensteht, ist, dass ich mich nicht daran erinnern kann, im Bus gefilmt worden zu sein. Noch weniger daran, ein Interview gegeben zu haben. Nach dem, wie dieser Morgen verlaufen ist, verspüre ich keinerlei Irritation darüber. Ich werde schon eine Erklärung finden, sobald ich den Tagesschauausschnitt noch einmal sehe. Ich beschließe, obwohl ich sehr müde bin, das letzte Stück des Weges zu meinem Haus zu laufen. Dort angekommen, lege ich mich auf die Couch und schlafe sofort ein. Vom Geläut der Kirchenglocken wache ich auf. Es ist schon dunkel. Ich schalte den Fernseher an, vielleicht erfahre ich jetzt, was es mit dem Interview auf sich hat. Aber in den Nachrichten ist der am Mittag gezeigte Beitrag nicht mehr zu sehen. Meine Enttäuschung darüber hält sich in Grenzen, zumal ich gerade heute das unabweisbare Gefühl habe, dass es keinen Sinn hat, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Wie leicht passiert es dabei, dass die Magie des Moments auf der Stecke bleibt. Was immer schade ist, denke ich noch und gehe in die Küche, um den Abwasch zu machen.

Horst Senger
Lebt und arbeitet in Eltville als Autor.

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