Nayka – Flug ins Ungewisse

Gar nicht so einfach, zu entscheiden, wohin die Reise geht. Schließlich hat man ja Verantwortung für seine Figur, kann sie ja nicht einfach in eine Krisenregion schicken und dann sagen, sieh mal zu, wie du hier zurecht kommst, und man selbst sitzt vor dem prasselnden Kaminfeuer. Das gehört sich nicht. Und auch nicht die Sache mit ihrem Namen. Sie hat einen anderen verdient. Sagen wir mal: Nayka. Ja, sie heißt jetzt Nayka. Und nun, da dies klar ist und Reisen in Krisengebiete ausgeschlossen sind, kann es eigentlich losgehen mit der Geschichte, die schon begonnen hat. Aus purer Lust und Laune und ohne einen Gedanken daran, was mit der Entscheidung losgetreten sein könnte, fällt die Wahl auf Island. Die Flugzeit beträgt 3 Stunden, dann noch die Abfertigung am Flughafen, Zeit genug also, sich auf die Situation einzustellen, da Nayka die Ankunftshalle des Keflavik International Airport verlässt, um mit dem Taxi in das etwa 38 Kilometer entfernte Reykjavik zu fahren. Da sie keine Ahnung von irgendetwas auf dieser Insel hat, gibt sie auf gut Glück als Adresse das Best Western an und landet einen Volltreffer. Der Taxifahrer stellt sich als schweigsames Wesen heraus, auch Nayka ist, was ihre momentane Stimmung anlangt, unzugänglich. Die Fahrt zieht sich hin und das Schweigen im Innern des Taxis ebenfalls. Später passiert auch nicht mehr viel. Nayka checkt ein, begibt sich auf ihr Zimmer und behält alles für sich, was den Fortgang der Geschichte an dieser Stelle nicht gerade befördert. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend und nach ein paar Stunden schon klopft ein nächster Tag und der Zimmerservice in Gestalt eines blonden jungen Mannes sanft an Naykas Tür. Sie lässt ihn nach kurzem Zögern, in dem sie sich rasch vergewissert, wo sie sich befindet, ein. Und hier an dieser Stelle könnten sich die Dinge verwickeln, aber aufgrund einer gewissen Befangenheit gegenüber dem Beau, der routiniert das Frühstück serviert, lässt Nayka die Gelegenheit ungenutzt verstreichen und ihn davonziehen. Nach dem Frühstück erkundet sie die Stadt, lässt sich vom Zufall durch die Straßen treiben und landet schließlich in einem Restaurant. Während sie aufs Essen wartet, schaut sie den vorübergehenden Passanten nach und bemerkt selber nicht, dass sie von einem anderen Gast beobachtet wird. So lange nicht, bis er vor ihrem Tisch steht und sie anspricht. Eigentlich macht sie so etwas nicht, aber in diesem Augenblick bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich erfreut zu zeigen, sich einzulassen auf das Gespräch und sogar darauf, dass sich der Mann, der sich ihr als Largo vorstellt, zu ihr setzt und sie gemeinsam speisen. Sie hat keine Wahl gehabt in diesem Moment, da es darauf ankommt, dass ihr Leben eine Wendung ins Unerwartete nimmt. Und also haben die beiden, die sich auf so einfache Weise kennengelernt und offensichtlich aneinander Gefallen gefunden haben, den Nachmittag gemeinsam verbracht, auch den Abend, an dem er sie ins Kino ausgeführt hat. Beim Abschied verabreden sie sich für den nächsten Tag. Als Nayka schließlich im Bett liegt, kann sie nicht begreifen, was passiert ist. Sie will es auch gar nicht, fühlt sie doch nur Leichtigkeit, eine großartige Leichtigkeit, der nur die leise Furcht beigesellt ist, abzuheben und völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und an diesem Zustand ändert sich erst einmal nichts und nichts deutet daraufhin, dass sich daran etwas ändern wird. Nayka und Largo, Largo und Nayka, die einander eng umkreisen und sich selbst genug sind. Die Weihnachtsfeiertage verbringen sie in einer Ferienwohnung in einem kleinen Ort, in Olavsvik, an der Küste. Am Nachmittag des zweiten Weihnachtsfeiertags fährt Largo zurück nach Reykjavik, um einen Freund zu besuchen, worüber Nayka nicht erfreut ist, was sie aber auch nicht seltsam berührt. Als Largo am Abend jedoch nicht zurückkehrt, auch telefonisch nicht erreichbar ist, kippt Naykas Stimmung sofort. Sie ist in Sorge, in allergrößter Sorge und Aufregung, durchwacht die Nacht, weiß nicht, was sie machen soll, da sie keine Ahnung hat, wo Largo stecken könnte. Sie kennt noch nicht einmal seine Adresse. Sie kann, stellt sie nüchtern fest, nur warten. Und so sucht sie den inneren Tumult zu bezwingen, Ruhe zu bewahren – und hofft inständig, dass kein Unglück passiert ist. Die Tage vergehen, schlaflos, aber Largo kehrt nicht zurück, bleibt unauffindbar für sie. Sie reist nach Deutschland, aber nur für kurze Zeit und mit dem unbedingten Willen, alles daran zu setzen Largo zu finden. Wieder in Island beauftragt sie einen Detektiv mit Nachforschungen, die allesamt ergebnislos verlaufen. Natürlich hinterlässt das Spuren bei ihr, große seelische Abdrücke des Schmerzes, weshalb bei mir langsam Reue aufkommt, wenn ich mitansehen muss, wie sie durch Reykjavik schleicht. Vielleicht habe ich übertrieben mit den Belastungen, denen ich sie ausgesetzt habe, und es hat sicherlich auch Gelegenheit gegeben, es dabei bewenden zu lassen, dass sie in Largo ihr spätes Glück findet. Aber auch wenn richtig ist, dass man für seine Figuren verantwortlich ist, stimmt doch auch, dass man sie nicht zur Gänze im Griff hat.

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