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Ob-la-di, ob-la-da

Life goes on. Ich wollte mich damit nicht beschäftigen, ich war auch nie dort. Alles nur aus der Zeitung oder vom Hörensagen erfahren. Aber dann dieser Artikel, der mir beim Stöbern im Netz aufgefallen ist. Da muss ich dann doch, wenn auch mit einiger Verzögerung, etwas dazu sagen. Am 27. Juni wird Schluss sein, heißt es, dann wird das Camp vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt verschwinden. Dann geht es wieder ordentlich zu im Vorgarten der Bank. Das Ordnungsamt hat ein Problem weniger, die Bürger wieder eine saubere Grünfläche mehr. Und alle, die es schon besser gewusst haben, die es immer besser wissen, werden sich darin bestätigt sehen, dass nichts passiert ist. Und in der Tat hat sich weder die Zentralbank noch haben sich die anderen Banken in Frankfurt (und darüber hinaus) in ihrem Tun beeinträchtigt gesehen. Die Banker machen eben in Geld, die im Camp auf bessere Welt ohne Schulden und ohne geldwirtschaftliche Tyrannei. Da kommt sich ja keiner im Hier und Jetzt wirklich ins Gehege und insofern ändert sich nichts. Und so gilt manch einem das Occupy-Camp als eine folgenlose diskursorientierte, symbolische Besetzung. Aber mal anders herum gefragt, wie sollte denn eine handfeste, die mächtigen Banker herausfordernde Besetzung aussehen? Rein in die Bank und dann? Schulden per Zertrümmerung der Computer vernichten, Kröten an sich nehmen und in der Stadt verteilen? In der Bank ist gar kein kein Geld mehr, zumindest nicht in handgreiflicher Form, erst recht nicht in der Zentralbank. Keine Scheine oder Münzen, alles nur Zahlenkolonnen auf Monitoren, im Hochgeschwindigkeitstakt, im Millisekundentakt verschoben, von einem Konto zum anderen, Zahlen und Daten, gesichert, hundertfach repliziert, krisen- und kriegsfest gesichert. Ja, Jammerschade, die Robin-Hood-Nummer für immer perdu. Virtuellem Geld kommt man nur mehr virtuell per Hackerangriff bei. Aber Cyberraubzüge unternimmt man heimlich, still und leise. Solche Beutezüge werden nicht propagandistisch begleitet, weder von den Tätern noch den Opfern. Stören nicht wirklich, ändern auch nichts. Sind nur kleine systemirrelevante Umverteilungsmaßnahmen. Streng genommen sind solche Raubzüge noch nicht einmal die Ausnahme von der Regel, und waren auch keine, als man noch versucht hat, Goldmünzen zu klauen. Ja, die Regel, immer geht es um die Regeln und die Folgen ihrer Befolgung. Gibt ja Regeln all überall, selbst im Spiel, weshalb einigen die Wirklichkeit als Ensemble verschiedener Spiele gilt. In diesem Besetzungs-Spiel geht es den Campern wohl darum, dass die Banken nicht nur nach unfairen Regeln spielen, weil sie immer gewinnen, sondern auch insofern nur wenige mitspielen dürfen, jedoch auch die Zuschauer des Spiels von dem Treiben erfasst werden – und das in äußerst negativer Weise. Also sollen die Regeln geändert werden – und wie ehedem in fernen paradiesischen Zeiten, sollen die Zuschauer wieder darüber entscheiden, welches Spiel mit welchen Regeln sie sehen wollen. Darüber, wie die Regeln zu ändern wären, zerbrechen die Okkupisten sich streng rätedemokratisch die Köpfe auf ihren Asambleas, mit einer Konsequenz die einigen Beobachtern den Schaum vor der Mund treibt. Unfassbar, welch eine Verschwendung an Zeit und gutem Willen da praktiziert wird. Die interessierten und wohlmeinenden Besucher können darob nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Die Zeit drängt, die Probleme brennen, die Welt verlangt nach Lösungen – und da palavern die Camper Tag um Tag. Ist ja schön, sagen da die Protagonisten der tatkräftigen politischen Umwälzung, dass dieses Thema von den Campern besetzt worden ist, mit Hartnäckigkeit und ab und an deutlich sichtbar. Das mediale Feld ist bereitet, nun aber gilt es, vom medialen geradewegs in das politische Feld zu marschieren. Dieses, so ihr unerschütterliches Credo, gilt es einzunehmen: politische Schaltzentralen besetzen, und dann ratzfatz per Mehrheitsbeschluss neue menschenfreundlichere Bankenreglen dekretieren. Ja, dann ist die eine Schlacht geschlagen – und weil es so schön gewesen sein wird, kann man doch gleich nachlegen. Da sind ja noch die Firmenpleiten, die für die Mitarbeiter so unvorteilhaft sind, unwürdige Arbeitsbedingungen bei der Paketzustellung, beim iPhone zusammensetzen und und und. Aber halt, mag jetzt der eine oder andere einwenden, dieses Prozedere läuft doch so schon seit, sagen wir mal, 150 Jahren und hat zu dazu geführt, dass die Zeit jetzt drängt, die Krise sich ausweitet, und wenn wir mal die Zeit noch weiter zurückdrehen, ein bisschen in die Luft gehen und von da oben auf den silbern matt im Tal glänzenden Geschichtsstrom schauen, haben wir da nicht dieses Spenglersche Kribbeln im Bauch, dass uns bedeutet, dass Krisen kommen und Krisenbewältigungen gehen, und das in einem fort, sodass uns hernach das Gefühl überwältigt, dass es nie anders, geschweige denn besser werden wird. Ja, und in diesem Gefühl richtet man sich ein, behaglich, wenn man will und wenn man es denn kann.
Das Häufchen der Camper, den Älteren wird es an die Hippies früherer Tage erinnern, sieht sich eingeklemmt zwischen Behörden, Liebhabern der Ruhe und Regelmäßigkeit und den ungelduldigen Macht- und Effektivitätsdenkern, die die Lösung für alle Fragen parat haben. Schrill, bunt, kommunikativ und undurchsichtig, das ist was für die Kunst und für die abendliche Unterhaltung, aber doch nichts fürs wirkliche Leben. Eben mal die Welt retten, dazu braucht es einen kühlen Kopf und präzise Vorstellungen, oder?
Man kann die Frage nach der Veränderung auch ganz anders betrachten, wie zum Beispiel der Sänger von Ultra Vox, Midge Ure, der eingesteht, dass er wenig bewegt hat, aber „Live Aid“ immerhin gehört zu den Dingen, sagt er, die tatsächlich etwas gebracht haben. So einfach kann es auch gehen.

Ein Kommentar

  1. Die judäische Volksfront und die Volksfront von Jüdäa – wer hat sie nicht liebgewonnen, die putzigen Brian-Zeitgenossen, die sich nicht einigen können über Weg, Denken und Handeln in umbruchsschwangeren Zeiten, von denen uns die Herren der Monty Python’s Truppe zu erzählen wissen? Ist alles Kunst oder Politik, und geschehen die Dinge oder werden sie zum Laufen gebracht? Ich kann die Liste hier beliebig fortsetzen, die Liste der Fragen, die ja eines in jedem Fall sind: ins eigene Fettnäppchen getreten. Denn sobald man auch nur die Denkerrobe überstreift schlendert man ja bereits einen Weg entlang, den man ja eigentlich erst umkreisen wollte. Wenn Kunst „hilft“ – schon bei der Vorstellung kräuseln sich mir die Fußnägel – dann muss man doch in jedem Fall fragen: Wie? Wie geschieht denn das, was alle immer wünschen, wie verdammt, wie geht denn das? Man setzt den Bleistift zaghaft aufs Papier, und dann erwachsen tot geglaubte Regenwaldflächen, hier ein wenig den Lehm auf die Skulptur geklatscht und die Kindersoldaten sind nur noch ein Mythos, und, ach ja, die Banken, was war da jetzt noch gleich das Problem, die Krise, von der die Menschen im Radio immer sprechen, die Finanzkrise, die sogenannte, Krisen dachte ich sind etwas, was man nicht begreifen kann (stimmt), was man spürt (stimmt hierzulande nicht), aber außer, dass man nicht versteht, ja, nicht einmal, dass etwas ist, geschweige denn die Kontrollmechanismen, die Grammatik der Geschehnisse (in der Tat glaube ich nicht, dass hier irgendwas tatsächlich begriffen werden kann, auch wenn uns wahlweise Politiker, Banker, Nationalökonomen oder auch Soziologen gerne mal das Gegenteil glauben lassen wollen). Nein, hier geschehen Dinge, und die Happy Few erfreuen sich ihres Vorteils, 1929 sind die vergleichbaren Personen nicht selten vom Hochhaus gesprungen – wenn ich Geschehnisse nachträglich betrachte, mache ich Kausalitäten auf, die so bei der Entstehung nur in den seltensten Fällen wirklich am Wirken gewesen sind. Schreibe ich die sogenannten Stationen meines Lebens hintereinander auf, dann wirkt alles so überaus einleuchtend, aber, nun, ich will keineswegs über mich plaudern …
    Kann es wirklich so einfach sein, dass man einfach mal müsste, sagen wir nachdenken, moralisch sein, richtig handeln, schnell handeln, Menschen wachrütteln und so? Live Aid? Phil Collins mit 2 Auftritten auf zwei Kontinenten während eines Konzertes (das diesen Umstand gewährleistende Überschallflugzeug darf heute leider nicht mehr fliegen, da es just einige Jahre später abgestürzt ist), Herr Geldorf hatte hernach riesige Telefonschulden und einen Adelstitel mehr, ach ja, die Menschen haben nicht in Christo, sondern in Africa gefeiert und unwahrscheinlich viel bewirkt, live … Warum handeln Menschen? Weil sie betroffen sind! Die Hühner können weiterhin 3etagig stehen, solange ich mein Frühstücksei auf den Tisch bekomme, aber wehe denn die Viecher haben so’n blöder Erreger … Ich sage ja: Man fällt in die eigene Grube, denn hier geht’s ja wieder nur um Gebabbel, reden, schreiben, hilft aber auch niemandem – wem soll es denn helfen? Geht es wirklich um beste Ausbildung, Ernährung und Fürsorge jeglicher Art (auch ärztliche) für alle – aber muss man das sagen, schreiben? Oder geht es um die Differenz der angestrebten Tarifabschlüsse, die sich wegen einiger Prozente nicht einigen können? Um was mehr oder weniger mit der Kohle machen zu können? Mir scheinen diese Ideen mit denen der erwähnten Kindersoldatenproblematik wenig gemein zu haben. Und nein, nicht alles hängt mit allem zusammen, sonst brauche ich nur hier her zu schreiben, dass sich das gebrauchte Geschirr in meiner Küche jetzt mal bitte säubern soll, und dann ist das auch so, denn, wie ich eben ja erwähnte, alles hängt mit allem zusammen. Was denn nun: Lösung oder bittersüße Resignation? Alles ist immer im Fluss, findet man in manchen Philosophien, und ich meine nicht die antiken, vielmehr die, die sich beispielsweise der Revolte im 20. Jahrhundert verschrieben haben. Vielleicht ist es das: Die permanente intellektuelle Guerilla, das Hans Dampf in allen Gassen der Intervention. Ja, vielleicht – viel Leicht!

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