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K-12

Kurzschlüsse des Denkens auf hohem Niveau, denkt Vier. Und weiter unten? Knallhartes Ressentiment, das Baseballschläger und Mollis zur Durchsetzung mit sich führt. Da vergeht Vier die Hoffnung auf einen rationalen Diskurs, zumal jetzt in Krisenzeiten. In seiner Krise? Zivilisation ist brüchiger denn je. Dünne Bildwände trennen die Menschen voneinander, halten sie, nicht immer und immer weniger, davon ab zuzuschlagen um des eigenen Vorteils willen. Manchmal denkt Vier daran, fast schämt er sich dafür, was wäre, gäbe es die Seifenopernwelt der Medien nicht. Wäre dieser Schein nur wirklich, triumphierte doch die Simulation über die Wirklichkeit. Traum ohne Welt. Endloser Rausch der Bilder, ohne Elend und Schmerz. Auch die Natur muss weg. Sie ist durch und durch schlecht.
So wie die Kälte, die Vier draußen gegen die Stirn klatscht. Fröstelnd durch die Straße, bis dann, hinein in den Mief einer Kneipe, in der die Zeit stehen geblieben ist. Backstage, Hardrock-Kneipe. Kein Neon, spärliches Licht, Zugluft und Römer Pils in bauchigen Gläsern. Abgenutzte Tische, harte Stühle. Vom Leben abgewetzte Gesichter. Die Schminke der Kellnerin, dick aufgetragen gegen Alter und Aufgedunsenheit. Betrunkene Gäste am Spielautomaten. Inmitten des Schankraums eine laute Skatrunde. Da unter den Unbekannten ein Vier vertrautes Gesicht, einer aus seinem Revier. Kantiges, spitzes Gesicht, gezeichnet von Alk und Speed. Vier kommt nicht auf seinen Namen. Was macht der denn hier? Er kommt auf Vier zu, stakst, beschleunigt seinen Schritt, bremst ab, schwankt, aber fällt nicht. Jahrelanges Training im Umgang mit dem Taumel. Ein kurzer Wortwechsel mit Vier. Belanglosigkeiten. Dann stakst er wieder davon. Hier drin ist die Großstadt fern, nichts hier drin verweist auf draußen, ein Draußen. Vier, hier, allein mit seinem Bier. Das Licht schein dunkler zu werden, oder Viers Augen lassen nach, haben keine Lust mehr die Umgebung zu sondieren. Kontrollverlust der Sehnerven? Vier kippt noch einen Absacker, bevor er die Kneipe verlässt.
Im HARVEYS Glanz und Gloria, die Augen erholen sich, ein riesiges Bistro. HIV-Positive sind willkommen. Sechs Meter hohe Wände, klassizistisches Dekor. Blaue Wände, goldene Ornamente. Am Ende des großen Raums eine Glasscheibe, die den Blick freigibt auf die Küche. Eine widerliche Indiskretion. Die Schuftenden müssen sich den Müßiggängern und deren kontrollierenden Blicken preisgeben. Das Aquarium der Arbeitstiere erhöht das wohlige Gefühl für das eigene Privileg, nicht arbeiten zu müssen. An den Tischen lauter schöne Menschen. Junge, braungebrannte Männer, makelloser Teint, die Körper durchtrainiert. Kein Gramm Fett zu viel, Ohrstecker mit Brillanten, Ringe mit Diamanten besetzt. Boutiquen-Outfit. Männer für den Laufsteg. Männer die aufs Glück tippen, auf Gold und ein sorgenfreies Leben. HIV-Positive willkommen, aber nicht anwesend im Gourmet-Tempel der Schönlinge, die der Tod nicht streift, und auch nicht das Leben. HIV-Positive willkommen, ein Angst abweisendes Emblem an der Eingangstür, mehr nicht. Vier trinkt und beäugt die schwule Inszenierung von Lebensfreude und Savoir-vivre. Hat genug vom Schauen und Trinken, und seiner schlechten Laune.
Am nächsten Morgen weiß Viers Hirn nicht, wo oben und unten ist. Jede seiner Bewegungen treibt den grauen Zellklumpen in seinem Schädel an, lässt ihn wie eine Gummikugel an die Schädelwände krachen. Ihm schwindelt. Der Kaffee macht es auch nicht besser. Er möchte zurück ins Bett, aber er darf nicht, er muss den Tag durchstehen, egal wie kaputt er ist. Der Körper schmerzt, fatal error im Stoffwechselprozess. Alles ist unbequem, das Denken lästig. Ein beschissener Tag für den Kater.

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