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K-14

Achtlos wirft er die Kippe beiseite, schlendert weiter durch die ihm wohlvertraute Einkaufsstraße, die erfüllt ist von gehetzten Passanten, in Wogen vorübergleitend. Er bahnt sich seinen Weg, teilnahmslos, durch die Menschenmenge in Richtung des kleinen Kaffeehauses in der Nähe des Marktplatzes. Dort will er einen Kaffee trinken. Es geht ihm dabei nicht ums Trinken, eher reizt ihn, draußen vor dem Kaffeehaus sitzen und die Vorbeigehenden beobachten zu können. Es ist ein schöner, nicht allzu heißer Sommernachmittag und er denkt nur daran, seine Zeit unbekümmert vertun zu können. Er liebt es, am Rande der Menschenströme irgendwo herumzusitzen und nach seine Sinne reizenden Passanten Ausschau zu halten. Am wohlsten fühlt er sich in Kaffeehäusern, zumal er dort die Gelegenheit hat, den Gesprächen anderer Gäste lauschen zu können. Am Kaffeehaus angekommen sucht er nach einem freien Platz. Er bewegt sich auf einen freien Tisch zu, bestrebt, sich so zu bewegen, dass keiner Notiz von ihm nimmt. Illusionär angesichts der geringen Größe des Kaffeehauses. Er wird bemerkt, mehr nicht. Es dauert eine Weile, bis er sich auf seinem Stuhl entspannt. Er sieht sich um. Zwei Pärchen treiben artig Konversation bei Tee und Saft, leise und unaufgeregt. Sie langweilen ihn. Ihnen gegenüber zwei ältere Damen, die Wehwehchen austauschen. Dass es sich wirklich um solche handelt, kommt ihm unwahrscheinlich vor angesichts des ungezügelten Appetits, mit dem die beiden wohlig ihre Kuchen verspeisen. Und dann sind da noch zwei Männer mittleren Alters, deren Habitus auf Beamte schließen lässt, die ihre Borniertheit mit einer Art Laisser-faire-Pose zu bedecken suchen. Sie stecken mit ihren Köpfen in Zeitungen, die sie in regelmäßigen Abständen rascheln lassen. Die Erzeugung des Raschelns geschieht rasch und geübt, begleitet von einem fast unmerklichen Aufrichten und Absenken des Oberkörpers. Die Technik des Umblätterns, fast synchron erfolgt es, enthüllt ihre Seelenverwandtschaft. So scheint es ihm. Er macht noch zwei junge Männer aus, hinten im Eck. Sie enttäuschen ihn. Ausdruckslose Leiber, flache konturlose Gestalten, behäbig sich in den Stühlen räkelnd. Das einzig Auffällige: ihre blassen Gesichter, die ihrer Erscheinung etwas Leichenhaftes verleiht. Die Bestellung des Kaffees reißt ihn aus seinen Beobachtungen. In Erwartung des bitteren Kaffeegeschmacks zündet er sich eine Zigarette an, lehnt sich, so weit er kann, in seinen Stuhl zurück, und saugt mit tiefen Zügen den Rauch ein. Er widmet sich wieder dem Glotzen, trifft unwillkürlich seine Wahl, auf welche Person in der Menge der Vorbeilaufenden er seinen Blick heftet, bis sie aus seinem Blickfeld verschwindet oder er von einer anderen abgelenkt wird. Die Zeit, in der er eine Person beobachten kann, ist kurz, viel zu kurz, um ausmachen zu können, was es ist, was ihn veranlasst, seine Aufmerksamkeit auf eben diese und keine andere Person zu richten. Er lässt seinen Augen freien Lauf, denkt er. Und dass er sich gern von schönen Frauen verlocken lässt, die er betrachtet wie Modelle auf einem Laufsteg. Keine gleicht dem Bild, stellt er fest, das er sich von seiner schönen Frau macht, auf die er wartet und doch auch wieder nicht. Er wartet nicht vorsätzlich. Er besitzt auch kein Bild von ihr. Es ist eher eine gestaltlose Idee, so etwas wie die Erwartung einer Überraschung, wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Aber nix da, nicht einmal ein Schock heute. Kein Blitzschlag, der ihn beim Anblick einer Frau trifft. Bis jetzt nicht – und da kommt auch nichts mehr. Er ist sich sicher.

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