K-15

Wach. Am Morgen hört Vier des Öfteren ein Klingeln. Er macht nicht auf, denn heute ist sein freier Tag, jetzt, nachdem sie das Haus verlassen hat. Er will ihn ruhig auf sich zukommen lassen, wie den Sonntag letzter Woche, will Musik hören, im Wald laufen, seine Zeit mit all den Nichtigkeiten vergeuden, die ihm zufallen werden. So ist der Plan, und doch fühlt er sich unbehaglich, hat er die Ahnung, dass der heutige Tag nicht so verlaufen würde wie der vorige Sonntag. Etwas ist anders. Das Datum ist es nicht. Irgendetwas an ihm, seinem Körper oder der Welt vor seiner Zimmertür, mutmaßt er, ein Mangel, nur soviel steht fest. Er hat das Bad noch nicht erreicht, als es an der Haustür klingelt. Durchs Türglas kann er A. erkennen. Er lässt ihn ein. Behäbig lässt A. sich in der Küche nieder und kommt rasch zur Sache. Ob Vier ihn beim Spazierengehen begleiten will, fragt er. Schönes Wetter, keine Zeit in der Bude hocken zu bleiben. Vier ist verwirrt, raucht erst einmal eine Zigarette. Was tun? Er will A. nicht einfach abweisen, hat aber keine Lust, weil sein Plan keinen Spaziergang, zumindest nicht in Begleitung anderer, vorgesehen hat. Nach einigem Hin und Her willigt er in eine Runde im Kranichsteintal ein. Danach kann man sich seinetwegen noch die Sonne auf den Pelz brennen lassen, im Park oder sonst wo, wo eben die Sonne scheint. Auf dem Weg dorthin dringt A. schnell zu seinem Lieblingsthema vor: das ferne, sichere und verlockende Ausland. Er will wieder nach Australien und wünscht, dass Vier ihn begleitet. Am Anfang des neuen Jahres soll es losgehen, erklärt er, und dass es ein langer Aufenthalt werden soll. Vier sei geradezu prädestiniert für die gemeinsame Unternehmung, wenn er nur endlich seinen bescheuerten Job hinschmeißen würde. Für die Frauen, die natürlich zurückbleiben, kann man ja auch sorgen, indem man einen Geldfonds einrichtet, aus dem sie ihre Kosten bestreiten können. Vier kann dem aber nichts abgewinnen, denkt Vier und sagt es nicht. Er wird sich dort nicht zurechtfinden, er ist sich da verdammt sicher, zumal auf einem anderen Kontinent. Lauter fremde Menschen um ihn herum, das wird ihn nur verstören. Hat schon hier genug mit den Leuten zu kämpfen. Außerdem kann er Kängurus und endlose Ödlandschaften nicht ausstehen. Er weiß nicht, was er dort soll, nicht einmal, ob Australien überhaupt außer auf Landkarten existiert und man dort in Dollar oder Pfund bezahlt. A. unterbricht sein Reden, hält inne, sie starren stumm auf den Himmel, bis A. wieder anhebt und über die Schikanen in seinem Umschulungsbetrieb klagt. Die Prüfungen, die er über sich ergehen lassen muss, sind widerlich und lächerlich, das Abscheulichste aber die Tatsache, dass er von der Arbeitsagentur schon eine Arbeitsstelle zugewiesen bekommen hat. Von wegen freie Beschäftigungswahl. Da hat es jemand auf ihn abgesehen, meint er und vermutet eine Kampagne, die gegen seine Person gerichtet ist und zum Ziel hat, ihm das Leben zu versauen. Vier widerspricht auch dieses Mal nicht.
Wieder zurück vom Kranichsteintal, schaut Vier Glotze, Berichte von einem Wahlspektakel. Langweiliges Geschwätz umtriebiger journalistischer Hofschranzen, die den Politikern Worte abluchsen, die sie schon zum hunderttausendsten Mal von sich gegeben haben. Er lässt sich widerstandslos berieseln, faul und träge vom Essen und dem Bier. Beim Duschen hat er noch daran gedacht, am Abend einige Protokolle zu lesen oder an seinem Bericht weiterzuschreiben, aber jetzt so mit aufgetriebenem Bauch nimmt er Abstand davon. Ihm schwant, dass es nur zur Kneipe reichen wird.

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Horst Senger

Lebt und arbeitet in Eltville als Autor.

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