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Was für ein Tag

Just in time. Er ist gut in der Zeit, die Vorspeise fast fertig, das Fleisch im Backofen, er gießt sich einen Schluck Wein ein, weil alles so vortrefflich gelaufen ist, nur einen kleinen Schluck, weil sie nicht denken soll bei der Begrüßung, er weiß ja nicht, wie nahe man sich gleich kommt, dass er ein heimlicher Alki ist, ein winziger Schluck auf die Vorfreude, auf das was kommt. Kaum hat er das Glas abgesetzt, klingelt es. Er will schon zur Tür gehen, ihr öffnen, als er merkt, dass es sein Telefon ist, das läutet. Er erkennt sie sofort, das Säuseln in ihrer Stimme, die kleinen feinen Seufzer, wie zufällig zwischen ihre Worte gesetzt. Sie wird nicht kommen, es tut ihr leid, mal wieder ein Malheur mit ihrer Mutter. Auf ein anderer Mal, aber das hört er kaum mehr. Er gießt sich das Glas voll, nimmt tiefe Schlucke, hockt sich an den dekorierten Tisch. Schwer sitzt er im Stuhl. Sein Blick gleitet über den Tisch, aber er nimmt die Gegenstände darauf nicht wahr. Leer, innen und außen. Er schaltet den Backofen aus. Noch ein Glas Wein, wie Essig rinnt es über die Zunge. In seinem Kopf stoßen in rasendem Tempo die Bilder der letzten Stunden aneinander, verwirren sich zu einem Feuerwerk von Farben. Ihm schwindelt. In seinem Kopf stürzt alles in Eins. Nichts davor, nichts mehr danach. Er sucht Halt im Blick auf die Wände, auf das Muster der Tischdeko. Er starrt auf den Tisch, um den inneren Tumult zu beenden, fährt die imaginären Linien ab, die die Gegenstände auf dem Tisch verbinden. Lacht, schüttelt sich, geht im Raum umher, zwingt sich, zu überlegen, was nun zu tun ist. Aber er fühlt sich zu angeschlagen, um etwas zu tun, zu schlapp, um jemanden anzurufen, um ihn statt ihrer zum Essen einzuladen. Er versucht durchzuatmen, die Lage zu sondieren, nüchtern oder doch mit einem weiteren Glas Wein? Er setzt sich erneut, diesmal mit der Flasche an den Tisch. Die Oliven in der Schale vor ihm glänzen speckig schwarz, die Garnelen krümmen sich am Spieß, die jungen feinen Erbsen hüpfen in der Schüssel, wildes Gekicher aus ihrer Richtung, ein Rascheln unter den Salatblättern, die Wände schrumpfen, dehnen sich aus, in den Ecken dicke schwarze Spinnen, die Wände rücken näher, entfernen sich wieder von ihm. Ein beständiges Hin und Her. Er hält sich am Tisch fest, krallt die Fingernägel in das Tischtuch. Der Wein, er fragt sich, ob es am Wein liegt, aber so viel hat er doch nicht getrunken, dass er schon halluziniert. Er schließt die Augen, hält sich die Ohren zu, bis ihn sein eigener Pulsschlag ängstigt. Er scannt wieder den Tisch ab. Mustererkennung zur Beruhigung der Nerven, aber die Tischdeko widert ihn an, einfallslos ordentlich, unnütz, so wie ihm vor diesem Tag jede Deko vorgekommen ist, wenn er eine im Fernsehen gesehen hat, in den Dinnershows, die ihn ankotzen. So weit sein Arm reicht, fegt er den Tisch leer, steht auf, holt sich eine nächste Flasche. Und so weiter, Glas um Glas, bis er endlich ruhiger wird. Die Reste seines Denkens dümpeln in seinem Kopf wie Fische im Aquarium. Ab und an wabert ihr Gesicht an seinen alkoholgetrübten Augen vorbei, ein wächsernes, bleiches Gesicht wie eine Totenmaske. Beim letzten Vorbeiziehen wirft er ihm ein Glas hinterher. Der Faden, an dem die letzten Schemen der Wahrnehmung hängen, reißt. Sein Kopf schlägt ungeschützt auf die Tischplatte. Was für ein Tag!

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