Weiß, überall.

Klar, im Winter muss man damit rechnen, aber so plötzlich und so heftig, das hat mich dann doch überrascht. Kann kaum 10 Meter weit sehen wegen des dichten Schneegestöbers. Der Wischer packt es kaum, die Scheiben frei zu halten. An den Rändern der Windschutzscheibe sammeln sich Schneeklumpen. Wenn es weiter so schneit, muss ich aussteigen und die Scheiben freiräumen. Ich komme nur im Kriechgang voran. Glaube kaum, dass ich das Gehöft noch erreiche, bevor die Pizza kalt ist. Pizzabote auf dem Land ist ohnehin ein bescheuerter Job, bei der Fahrerei riskiert man immer Kopf und Kragen – und das für so gut wie nix. Keine Ahnung, wie lange ich gebraucht habe, mein Ziel zu erreichen. Jedenfalls bin ich froh, heil angekommen zu sein, und bin innerlich schon auf der Rückfahrt, die bestimmt nicht leichter fällt, als mir geöffnet wird. Ich mache ja immer mein privates Beruferaten, ist so eine Marotte von mir. Und der Typ da, der jetzt vor mir steht, der ist bestimmt Lehrer, so ein richtiger Kontrollfreak. Kann mir lebhaft vorstellen, wie der die Hausaufgaben der Kinder durchsieht, immer mit einer Spur Spott im Lächeln. Aber noch ehe ich mich weiter in meiner Fantasie verlieren kann, tönt ein Schrei aus dem Hausflur, gefolgt von lautem Fluchen. Der Typ lässt mich mit meiner Pizza in der Tür stehen und stürzt in Richtung Fluchen davon. Gleich darauf vernehme ich weitere Flüche und Sekunden später jagt der Typ zurück in den Flur, reißt die Tür auf, die, wie ich feststelle, in den Keller führt. Und dann sehe ich es auch, was die Zornesrufe und plötzliche Unruhe in diesem Haus ausgelöst hat. Ein kleines Rinnsal erst, vom Raum hinter dem Hausflur kommend, vereinzelte Lachen, die sich zu kleinen Strömen verbinden und langsam den Boden vollständig bedecken. Noch ehe der Typ wieder zurückkehrt, steht für mich fest, dass er – und wer sich sonst noch in diesem Haus aufhält – ein Problem hat. Und ich hänge mich jetzt bestimmt nicht zu weit aus dem Fenster – was auf einen veritablen Wasserschaden hinausläuft. Wie zur Bekräftigung meiner Vermutung erscheint ein bedauernswertes Geschöpf mit tapsenden Schritten im Flur – in triefend nassen Socken. Zeitgleich taucht der Typ wieder aus dem Keller auf. Jetzt oder nie, denke ich, ist die Gelegenheit, mich in Erinnerung zu bringen, denn bei allem Verständnis für die angespannte Lage, befinde ich mich doch auch in einer gewissen Drucksituation. Ich stehe frierend in bester Zugluft, mit erkalteter Pizza, Schneeflocken treiben durch die geöffnete Tür und die Uhr steht längst auf Rückfahrt. Doch scheine ich eine Tausendstel Sekunde zu spät gekommen zu sein, denn mein Versuch, mich durch das Anheben des Pizzakartons ins Spiel zu bringen, scheitert kläglich. Die beiden Hausbewohner, jedenfalls nehme ich an, dass es zwei sind, denn andere habe ich bislang nicht gesehen, lassen mich sprachlos stehen und eilen zurück in die Wohnung. Es ist ja nicht so, dass ich zu denen gehöre, die auf Biegen und Brechen etwas durchsetzen wollen, aber hier ist mein Kerngeschäft betroffen. Also gehe ich den beiden nach, stapfe durch immer höheres Wasser, bis ich das Bad erreiche, wo sie damit beschäftigt sind, Handtücher auf den Boden auszubreiten. Als der Typ mich mit der Pizza bemerkt, hält er in seinem Tun inne, geht auf mich zu, dabei grinst er, was mich irritiert. „Ich weiß, dass Sie jetzt den Drang in sich verspüren, etwas, was ihnen wichtig erscheint, zu Ende zu führen. Sagen wir mal, dass sie sich einbilden, jetzt unbedingt den Auftrag ausführen zu müssen, eine Pizza auszuliefern und das Geld dafür zu kassieren. Aber solange ich hier zu tun habe, sie sehen ja was los ist, kümmert mich das einen Dreck.“ Ich habe ihn nicht ausreden lassen. Ich habe ihm einen Faustschlag verpasst, einen ordentlichen. Er ist einfach umgekippt. Die Frau hat aus Schrecken gelacht, als ich den Pizzakarton über ihm ausgeleert habe. Ich bin dann ruhig hinausgegangen. Draußen überall Weiß, aber ich habe mich deprimiert gefühlt.

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Horst Senger

Lebt und arbeitet in Eltville als Autor.

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