2026

Wir schreiben das Jahr 2062 und Kommissar Vier flucht. Soeben hat er den heikelsten Auftrag seines Lebens erhalten. Er ist schon lange in Diensten des Departements für Transparenz und Geschmeidigkeit, aber so etwas ist ihm noch nicht untergekommen. Bislang hat er Menschen aufspüren müssen, und nun soll er einen Text oder ein Buch, ganz klar ist ihm das auch nicht, ausfindig machen. Alles was seine Chefs ihm gegeben haben, sind ein paar bedruckte Papierschnipsel in einer dreckig grauen Laufmappe. „Vier, suchen Sie den vollständigen Text, tot oder lebendig“. Was er da in der Mappe hat, ist bei den Aufständischen des Großen Verschwindens gefunden worden. Das einzige, was übriggeblieben ist, nachdem sie sich selbst in die Luft gesprengt hatten. „Der vollständige Text, Vier, verstehen Sie, wir wollen den vollständigen Text.“ Lustlos legt Kommissar Vier die Textschnipsel aneinander und liest:

„Wieder Angst vor Bekenntnissen, Wallfahrten, Kinderkreuzzügen und verschwisterten Opfermählern. Ich schreibe ihnen dieses Gedicht zwischen die exakte Anmut ihrer reinen Schurwollenjacke, zuerst mit Händen, dann mit Füßen und auch mit meinem Blut. Wie jemand Ruhloses durchkreuzt es die Nacht, weiß nicht wohin. Aber du (kannst auch darin ertrinken) und ich haben keine Antwort darauf. Nur ein Gedicht, Arbeitslagersicherheit, Steinbruchgedicht und ein Album mit Fotografien. Mundfertig! Finster entblättern die Vormittage die Silben, von den Lippen perlen sie. Aber: Geschwätzig ist er nicht. Er kann schweigen, sich zurücknehmen, kühl genug. In 37 Jahren pausenloser Arbeit an der Schreibmaschine hat er sich daran gewöhnt, die Tasten zu traktieren wie der Pianist sein Klavier. Schreiben ist Rhythmus und Musik. Dann versagen die Finger den Dienst: Polyarthritis. Unerwartete Korrespondenz über die Zeiten hin, und wer will Richter sein über die Zeitendifferenz? Wer weiß, wie groß die Blätter der Bäume waren, wie stark die Tiere fühlten, wie schön die Farben der Blumen leuchteten? Eine Stimmung aus Eiter und blutenden Barrikaden säumt die Boulevards – Soldaten hetzen durch die Straßen und feuern wahllos auf alles, das sich bewegt.“

Kommissar Vier versteht ganz und gar nicht, was ihn nicht beunruhigt. Normal. Er loggt sich ins Zentrale Textarchiv (Neue Weltreichsschriftenkammer), um einen automatischen Textvergleich durchzuführen: „Suche Text ´Wieder Angst…` in allen Texten“. Bald wird er wissen, woher die Textfetzen stammen, und den vollständigen Text rekonstruieren können.

Als nach 14 Tagen die Meldung über den Schirm flimmert, weiß er, dass alles immer schlimmer als erwartet kommt: „Volltextsuche ergab 0 Treffer! Ähnlichkeitssuche beginnen?“

Und haben gelacht …

ja, so muss es sein, haben einfach gelacht, grundlos, ohne Freude und ohne einen Gedanken an die Zukunft, tick, tack, geht der Zeiger, die Zeit ist rund, und lachen noch viel mehr, laut, vernehmlich und auch zu unangebrachter Stunde, zwischen Tick und Tack, daneben und darüber hinaus die Geschichte aller bisherigen Geschichten, ein ununterbrochener, bald versteckter, bald offener Kampf, schon in ersten abgedunkelten Fluchten, beim Flackern des Feuers, Jagdszenen auf die Wände gebracht, nach den Blumen, Bäumen und Tieren die Lichtgestalten in Fenster gebannt, hölzerne Zeichen in die Erde gerammt, später, viel später dann bei schönem Wetter nach draußen, die Staffelei aufgestellt, der Landschaft den Spiegel vorgehalten, die Reflexion und das Schöne entdeckt und enorme Städte geschaffen, und haben auf den Türmen gestanden und gelacht, von Ideen gesprochen, Naturstoff gegen die Seele gesetzt, Berechnungen angestellt, die Sterne gedeutet, die Gelegenheit am Schopf gepackt, Truppen aufeinanderprallen lassen, Felder mit Blut und Knochenmehl gedüngt, Schlachtengemälde und Heldenportraits gemalt, unter Triumphbögen Heil dem Sieger! gebrüllt, sich untergefasst, geschunkelt und Lieder gesungen, von kommenden Gemetzeln geträumt, natürlich ist noch mehr passiert, aber man kann ja nicht alles auf so engem Raum unterbringen, das passt da nicht rein, weshalb Sprünge und Ortswechsel unvermeidlich sind und Blickwechsel, und haben dann zugeschaut, wie Ordnungen untergegangen sind und Reich für Reich, von oben betrachtet, ja, nur so kann es sein, es bleibt sich alles gleich, was sich ändert sind die Gestalten, und haben dort oben gelacht aus vollem Hals und die Narren auf dem Schiff willkommen geheißen, das wieder und wieder ausläuft, solange sich genug finden, die dafür bezahlen.

Leuchtendes Beispiel

Emil K. ist Rentner. Morgens steht er auf, obwohl er nichts mehr beruflich zu tun hat. Hobbys hat er auch nicht. Und dennoch steht er jeden Morgen auf. Er könnte auch im Bett liegen bleiben. Aber das macht er nicht. Er steht auf, frühstückt, liest Zeitung. Dann geht er mittagessen. Am Wochenende geht er woanders essen. Nach dem Mittagessen geht er heim. Legt sich auf die Couch für ein Mittagsschläfchen. 30 Minuten mehr nicht. Denn danach geht er spazieren. Wenn er länger schläft, wird es eng mit dem Spazierengehen. Das will Emil nicht, also schläft er mittags nur 30 Minuten. Wenn er an einem Fluss lebt, dann geht er an dessen Ufer spazieren, wenn er am Wald wohnt, dann geht er in den Wald, wenn weder Fluss noch Wald in der Nähe sind, geht er um den Block. Er schaut beim Spazierengehen darauf, ob sich etwas verändert hat, etwas anders ist als am Vortag. Er kennt sein Viertel, sein Flussufer und seinen Wald. Da macht er ihm keiner etwas vor. Ist der Spaziergang beendet, schmiert er sich ein paar Stullen, isst sie am Küchentisch, bevor er sich ins Wohnzimmer begibt, um das abendliche Fernsehprogramm zu absolvieren. Emil macht das jeden Tag, er könnte auch im Bett liegen bleiben, aber er will nicht. Emil steht jeden morgen aus dem Bett auf. Einkaufen muss er nicht, er hat eine Zugehfrau, die das für ihn erledigt, eine richtige Frau hat er nicht mehr. Emil hat seine festen Zeiten für die bestimmten, immer gleichen Unternehmungen. So taktet er die Zeit pro Tag. Emil denkt nur in Tagen, deshalb macht er immer das Gleiche, er könnte auch im Bett liegen bleiben, aber das macht er nicht. Er macht das Gleiche Tag für Tag. Emil ist Rentner und bleibt sich gleich. Sonst hätte er ja nichts von seiner Rente. Emil K. ist ein leuchtendes Beispiel. Er könnte ja auch liegen bleiben.

Zukunftssorge

Immer mehr Menschen sind einer Umfrage zufolge besorgt darüber, dass ihre Zukunft nicht planbar ist. Was, so äußert sich ein Großteil der in qualitativen Interviews Befragten, sie gegenüber der Zukunft misstrauisch macht. Zukunft ist nicht mehr das, was sie einmal gewesen ist. Ehedem verlockend, erweist sie sich nun als Hemmschuh für gute Gefühle und dies bereits in der Gegenwart, also noch bevor die Zukunft eingetreten ist. Das Misstrauen gegenüber der Zukunft reicht bei manchen sogar so weit, dass sie die Zukunft rundweg ablehnen. Sie wollen in der Gegenwart bleiben, auch auf die Gefahr hin, dafür ihr persönliches Fortkommen opfern zu müssen. Befragt nach den Gründen für ihre Ablehnung hat eine erhebliche Anzahl angegeben, dass für sie als aufgeklärte Menschen die Gewissheit eine eminent wichtige Rolle spielt, die sie in der Zukunft aber nicht mehr aufgehoben sehen. Möglicherweise liegt das daran, so ihre Spekulation, dass mit dem Beschleunigungstempo des digitalen Zeitalters in den letzten Jahren so vieles dazugekommen ist, alles so viel mehr geworden ist, und da ja bekanntlich alles mit allem irgendwie zusammenhängt, eben eine Unübersichtlichkeit auf die Welt gekommen ist, die die Zukunft unvorstellbar macht. Und wer keine Vorstellung hat, so die weitere Argumentation, kann nun mal keine Pläne schmieden. Das Umfrageteam ist über das Ausmaß der Sorge über die Zukunft überrascht, insbesondere das Auftreten der radikalen Verfechter der Ablehnung der Zukunft wirft ein kritisches Licht auf die gesellschaftliche Entwicklung. Wenn das so weitergeht, so die Äußerung des Leiter des Umfrageteams, können wir, salopp gesagt, die Zukunft vergessen. Möglicherweise hat der Fortschrittsoptimismus der vergangenen Epochen die Zukunft gründlich ruiniert, so sein pessimistisches Fazit. Er selbst hat dessen ungeachtet einen Bausparvertrag abgeschlossen, weil der Mensch zumindest einen Plan haben muss, Zukunft hin oder her.

Bestimmungsgemäßer Gebrauch (der Zeit)

Während in Frankfurt und Umgebung die Sonne aufgeht, bewegen sich – aus allen Richtungen kommend – noch lichtbewehrte vierrädrige Gefährte mit ihren ortlosen Lenkern auf die Stadt zu, um dann dort in der Regel etwas mehr als acht Stunden Rast zu machen, während ihre Fahrer dann ihren Bestimmungsort eingenommen haben, um dort weisungsgebunden die Zeit mit Tätigkeiten auszufüllen, die für sie erfunden worden sind, damit die Zeit vergeht. Während die Zeit vergeht, passiert nichts, ebenso wenig, wenn sie verrinnt. Wenn sie rast, passiert nichts, man wird dann allerdings leicht vom Schwindel erfasst. Wenn man die Zeit verschwendet, passiert auch nichts, jedoch stellt sich dabei leicht das Gefühl ein, dass man Gründe dafür hat. Wenn die Zeit vergeht, passiert rein gar nichts, was einige sehr bedauern. Wenn nichts passiert, kommt es gelegentlich auch dazu, dass die Zeit stillsteht. Wenn die Zeit stillsteht, sehnt man sich nach Bewegung und fährt morgens nach Frankfurt, um dort bestimmungsgemäßen Tätigkeiten nachzugehen, damit die Zeit vergeht. Die Zeit vergeht damit, dass man morgens nach Frankfurt fährt oder nach Wiesbaden, nach Mainz, nach Darmstadt oder irgendwo sonst hin. Damit die Zeit vergeht, kann man auch in Frankfurt und Umgebung wohnen, oder in Wiesbaden, in Mainz, in Darmstadt oder irgendwo sonst, um dort bestimmungsgemäß Tätigkeiten auszuführen.