Leuchtendes Beispiel

Emil K. ist Rentner. Morgens steht er auf, obwohl er nichts mehr beruflich zu tun hat. Hobbys hat er auch nicht. Und dennoch steht er jeden Morgen auf. Er könnte auch im Bett liegen bleiben. Aber das macht er nicht. Er steht auf, frühstückt, liest Zeitung. Dann geht er mittagessen. Am Wochenende geht er woanders essen. Nach dem Mittagessen geht er heim. Legt sich auf die Couch für ein Mittagsschläfchen. 30 Minuten mehr nicht. Denn danach geht er spazieren. Wenn er länger schläft, wird es eng mit dem Spazierengehen. Das will Emil nicht, also schläft er mittags nur 30 Minuten. Wenn er an einem Fluss lebt, dann geht er an dessen Ufer spazieren, wenn er am Wald wohnt, dann geht er in den Wald, wenn weder Fluss noch Wald in der Nähe sind, geht er um den Block. Er schaut beim Spazierengehen darauf, ob sich etwas verändert hat, etwas anders ist als am Vortag. Er kennt sein Viertel, sein Flussufer und seinen Wald. Da macht er ihm keiner etwas vor. Ist der Spaziergang beendet, schmiert er sich ein paar Stullen, isst sie am Küchentisch, bevor er sich ins Wohnzimmer begibt, um das abendliche Fernsehprogramm zu absolvieren. Emil macht das jeden Tag, er könnte auch im Bett liegen bleiben, aber er will nicht. Emil steht jeden morgen aus dem Bett auf. Einkaufen muss er nicht, er hat eine Zugehfrau, die das für ihn erledigt, eine richtige Frau hat er nicht mehr. Emil hat seine festen Zeiten für die bestimmten, immer gleichen Unternehmungen. So taktet er die Zeit pro Tag. Emil denkt nur in Tagen, deshalb macht er immer das Gleiche, er könnte auch im Bett liegen bleiben, aber das macht er nicht. Er macht das Gleiche Tag für Tag. Emil ist Rentner und bleibt sich gleich. Sonst hätte er ja nichts von seiner Rente. Emil K. ist ein leuchtendes Beispiel. Er könnte ja auch liegen bleiben.

Kissen im Fenster

Ich wohne an einer Straße. Morgens gehen Kinder die Straße entlang zur Schule. Erst kommen zwei. Dann weitere drei. Manchmal kommt nur eines. Aber es kommen einige. Ich habe sie noch nie gezählt. Sie gehen hintereinander, nehmen keine Notiz voneinander. Nur am Samstag und am Sonntag geht keines in der Straße entlang. Wenn weder Samstag noch Sonntag ist und nach dem ich zu Mittag gegessen habe, kommen sie wieder. Diesmal laufen sie in die andere Richtung entlang der Straße. Erst kommen zwei. Dann weitere drei. Manchmal kommt nur eines. Ich nehme an, sie kommen alle wieder vorbei. Ich weiß es aber nicht, weil ich sie nicht zähle. Noch nie habe ich sie gezählt. Es sind einige. Dieses Kommen und Gehen dauert schon einige Zeit, eben seit ich in dieser Straße wohne. Davor habe ich in einer anderen Straße gewohnt. Dort sind die Kinder auch die Straße entlanggegangen, zur Schule. Erst sind zwei gekommen – immer kommen zuerst zwei, bevor dann die anderen kommen. Das ist komisch. Vielleicht ist es aber auch normal, wenn man an einer Straße wohnt, so wie ich.

Noch früher …

Es ist der 8. August 1773, als Helen von der Weiden eine folgenreiche Entscheidung trifft und ihren Lakaien Guntram damit beauftragt, den nun mehr gutartigen Wallach einzuspannen, um sie fürderhin nach ihrer Toiletten mit dem einzig verbliebenen Gespann in die Stadt zu kutschieren. Es ist Sommerschlussverkauf, da will sie nicht hinter den anderen in der Gegend verbliebenen Frauen zurückstehen und treibt Guntram zu Eile an. Dieser weiß, dass seine Herrschaft, auch wenn es eine Dame ist, und damit weiß er mehr, als all die Kommentatoren irgendwelcher sexistischen Auftritte drittrangiger Hofschranzen heutzutage wissen, ihn mehr als kritisierte, wenn er auch nur im mindesten dazu beitrage, dass sie zu spät an Grabbeltisch drei ankommt – und also gibt er dem Wallach die Peitsche – mit dem nicht vorhersehbaren Resultat, dass sich das Gefährt gemäß der Physik, aber entgegen dem Willen aller Beteiligten so sehr in eine der Kurven auf der Strecke neigt, dass es, um es einfach zu sagen, umkippt. Und dabei, was in keinem Geschichtsbuch vermerkt ist, den Bauer Aloisius zu Tode begräbt. Was damals keine Nachricht wert war, weshalb dieses Ereignis so lange im Dunkeln der Geschichte verblieben ist, bis heute, da wir es endlich ins rechte Licht rücken. Helen und Guntram haben den Sturz überlebt – und Helen war es, die Zeit ihres Lebens zu erzählen wusste, mehr hatte sie wohl nicht an Aufregung erlebt, dass es Bauer Aloisius war, der es verhindert hatte, dass sie eine wunderschöne Bluse aus grüner Gaze nicht zum Schnäppchen-Preis erwerben konnte. Womit eindrucksvoll belegt ist, dass im Jahr 1773 der Grundstein dazu gelegt worden ist, dass es keinen Zusammenhang zwischen Heidi Klum und gesunder Ernährung gibt.

Früher mal …

Es gibt ja zweifellos Menschen, die sich gern, ob in Kenntnis oder Unkenntnis der Geschichte sei einmal dahingestellt, in vergangene Zeiten katapultieren würden, wenn es denn nur diese Zeitmaschinen gäbe. Juri H. ist auch von einem solchen Wunsch beseelt. Er ist 25, arbeitet bei Ford in Köln und liebt seinem eigenen Bekunden nach die 50er- und 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Dabei denkt er aber nicht an die Nierentische oder den anderen verstaubten Möbel- und Einrichtungs-Schick eben dieser Jahre, auch nicht an die musikalischen Errungenschaften dieser seligen Vinyl-Zeit. Für die meisten Leute heute gar nicht mehr nachzuvollziehen, hängt sein Herz an dem Erfolg der damaligen Gewerkschaften. Gewerkschafter werden sie, liebe Leser, nun denken, dass sind doch diese armseligen Hansel, die vor irgendwelchen Betrieben oder Betriebsverwaltungszentralen herumhängen und Bittgesänge anstimmen, für mehr Lohn, für mehr Arbeitszufriedenheit, für mehr Gerechtigkeit, für mehr Friede auf Erden, ja da haben sie recht. Aber das war nicht immer so, wie Juri H. weiß. Damals, da waren die im Aufwind, Mitbestimmung haben die durchgesetzt, und haben voll aufgetrumpft, wenn denen von der Unternehmerschaft einer gekommen ist und gesagt hat, dann gehen wir halt nach Osten, dann haben die Gewerkschafter nur gelacht, die Führung und die Mitglieder, Letztere haben auch häufig anderen Gewerkschaftskritikern zugerufen, ja, dann geht doch nach drüben, das haben sie sich getraut, nicht nur den Unternehmern gegenüber. Da hatte die Gewerkschaft in den Betrieben noch das Sagen, wehe einer war nicht Mitglied, der hatte nichts zu lachen, anders als heute, denkt sich Juri H., der recht unzufrieden ist mit seiner Gewerkschaft. Opel ist kurz vor dem Abgrund, Ford kommt gleich dahinter, aber der gewerkschaftlich besetzte Betriebsrat hat so keine Idee, wie dem Einhalt zu gebieten wäre, was auch Ford droht: Irgendwie haben alle, sagen wir mal fast alle, Autos, viele sogar Zweit- und Drittwagen, die Flotten der Firmen sind ausreichend bestückt, und daran wird sich nicht viel ändern, zumal der Sprit knapp wird, dann ist es ja ganz aus mit den Autos: Was soll der Betriebsrat dagegen machen, die Gewerkschaft, was hat die für eine Vorstellung, wie es anders weitergehen könnte, als den Laden dichtzumachen. Keine, außer der Idee, es sollte sozialverträglich aussehen: das Ende. Man gründet Auffanggesellschaften, in denen Leute, die keiner mehr braucht, malochen, um Dinge oder Dienstleistungen zu produzieren, die keiner braucht, bis Unternehmer Ideen entwickeln, zu deren Realisierung sie wieder Arbeitende brauchen. Das hätte es damals, in Juris Traumzeit, nicht gegeben, denn damals hatten sich die Unternehmer einer gemeinsamen Idee verpflichtet gefühlt. Wer mag nun Juri H. erklären, dass es ein Segen ist, dass er die Zeitreise nicht antreten kann – und dass es einen enormen Fortschritt bedeutet, dass Unternehmen keiner Ideologie mehr frönen müssen. Sie können sich auch hinter keiner mehr verstecken. Wenn sie es schaffen, sich zu behaupten, ist es gut, wenn nicht, waren sie einfach zu schlecht.