Fortsetzungsroman

Die Dämonen, reloaded
von Klaus Link & Horst Senger

Im IT-Park unweit von Moutain View laufen alle Daten zusammen, werden selbst digitales Husten und Räuspern registriert und bewertet, nicht das leiseste Verschieben eines Bits im Cyberuniversum bleibt hier unbemerkt. Spezialisten lesen zwischen Datenlinien, wissen, was alles der Fall ist, fördern das Unausgesprochene algorithmisch zutage, aber das Wetter hat auch hier noch keiner im Griff. Schwere dunkel lila Wolken wälzen sich von den Santa Cruz Mountains auf das Areal zu. Es wird ein heftiges Gewitter geben. Im vollklimatisierten Konferenzraum von Incubus Inc. hat es sich schon entladen. Schweigen und Knistern durchzogen von einem leichten Hauch Angst erfüllen die Luft, bis CEO Dirk Meyer wieder das Wort an seinen Chefentwickler richtet:
„So ein Bull-Shit, Green, hast Du nicht gesagt, dass uns das den Durchbruch bringt, eine neue Stufe, hast Du gesagt und jetzt, wie stellst Du Dir vor, wie wir da wieder heil rauskommen?“
„Chef“, Alan Green hebt beschwörend die Hände, „klar, die Sache ist etwas unangenehm, aber das kriegen wir hin, und bist jetzt hängen wir doch noch gar nicht in was drin, die Presse hält still, dafür hat Thorben gesorgt, hat sie geködert mit Insider- Wissen, damit der eine oder andere ’nen schnellen Dollar machen kann, und außerdem, wir sind doch extra nach Deutschland gegangen, damit wir nicht durch mögliche Regresse ruiniert werden.“
„Und“, mischt sich nun der Vertriebschef für Europa Thorben Marxheimer ein, „zweitens sind die Deutschen heiß auf alles was ‚Punkt null‘ heißt und das Beste: Sie haben keine Ahnung davon.“
CEO Meyer gefällt das Gesagte nicht, lässt seine Hand leicht auf den Konferenztisch fallen.
„Leute, jetzt mal Luft anhalten.“ Kurz gleitet sein Blick zum Fenster hinaus. „Ihr wollt mir jetzt nicht wirklich weismachen, dass alles im grünen Bereich ist. Was wir da via Skype und an Datenaufzeichnungen gesehen haben, lässt doch wohl nur einen Schluss zu, nämlich, dass wir höllisch aufpassen müssen, dass uns das Projekt nicht aus dem Ruder läuft. Da hängt verdammt viel Geld drin und wenn das Ding floppt, wird’s nichts mit der Übernahme. Das wisst Ihr selbst gut genug. Und ich habe keinen Bock, Incubus an die Wand zu fahren. Also Green, mach was, ich will, dass diese seltsamen Phänomene nicht mehr auftauchen, ist mir egal, wie Du das schaffst.“
„Wir könnten uns Hilfe von unseren unsichtbaren Freunden besorgen“, wirft Thorben ein und zwinkert mit einem Auge, „was wir schon alles für die getan haben, da könnten die auch mal für uns aus dem Kreuz kommen.“
„Bist Du noch bei Trost, da könnten wir denen gleich unsere Bude für nichts verscheuern. Wenn die das mitkriegen, haben die uns an den Eiern und lassen nicht mehr los, nee, da müsste schon der Leibhaftige nach meinem Kittel greifen, ehe ich die ins Boot hole.“
„Okay, Chef, lassen wir den Notnagel, der für uns eher ein Sargnagel ist, mal außen vor. Aber ich glaube, es gibt da einen Mann, der wäre der richtige Sweeper für uns. Ich kann ja mal …“
„Meinst Du etwa …“
„Genau“, antwortet der Chefentwickler, „ich bin fest davon überzeugt, dass Bruno der Richtige ist.“
„Oh, nee“, stöhnt CEO Meyer, „nicht der, der war doch von Anfang an dagegen.“
„Eben“, sagt Green, „darum wird er es uns zeigen wollen und sich richtig reinhängen.“

Bruno Septin ist gut drauf, kaum ein Tag, an dem er sich nicht sagt, dass es ihm gut geht. Er muss nichts mehr machen, Kohle hat er genug. Er könnte bis ans Ende seiner Tage in der Hängematte liegen und in den Himmel starren oder sonst etwas machen. Nach seinem Ausstieg hat er das auch reichlich getan, aber weniger weil ihm das gefallen hat, sondern weil er nichts anderes tun konnte, als rumzuhängen und zu grübeln. Immer wieder hat er es sich ausgemalt, was gewesen wäre, wenn … Tausende Male hat er durchgespielt, was er hätte anders machen können. Und ob er nicht übereilt gehandelt hat, letztlich, ob es nicht vernünftiger gewesen wäre, dabei zu bleiben, um Schlimmeres zu verhindern. Eine Frage, die entscheidende Frage für ihn, für die er aber keine Antwort gefunden hat, und da hat er dann irgendwann aufgehört mit dem Grübeln, hat Schluss gemacht. Schwamm drüber, hat er sich gesagt, die können ihn mal und er hat losgelassen. Ganz langsam zwar, aber er hat Ruhe gefunden, auch innen. Bis gestern dann dieser Anruf gekommen ist. Wäre er bloß nicht dran gegangen, hätte er doch wieder aufgelegt, als er gemerkt hat, wer da am anderen Ende der Verbindung ist, aber er hat Alan Green zugehört und jetzt rumort es wieder in ihm. Soll er oder soll er nicht? Schließlich haben die sich den Schlamassel ja selbst eingebrockt. Aber damals hat keiner auf ihn gehört, als er gesagt hat, dass er nicht anfangen will mit dieser App, dass er seine Leute nicht loslegen lassen will mit der Programmierung, weil das Konzept noch nicht reif, noch nicht ausreichend durchdacht ist. Der Ansatz ist realistisch, birgt aber noch enorme Sicherheitsmängel. Das hat er Meyer und Marxheimer versucht zu erklären, aber die haben nicht hören wollen. Haben abgewunken und nur gesagt, dass er doch von allen im Haus derjenige ist, der die Sicherheitsprobleme am besten lösen kann, wer wenn nicht er, haben sie ihn gefragt und gleich hinzugesetzt, dass er schließlich der Beste ist, weshalb er auch so einen großen Batzen Geld bekommt. In dem ganzen Mountain-View-Areal bekommt keiner mehr als er, dabei ist Incubus ein kleiner Fisch in diesem High-Tech-Haifischbecken. Damit haben sie ihn eingesackt und Bruno hat sich an die Entwicklung gemacht. Die Hardware stammt aus der Medizintechnik, seine Aufgabe ist es gewesen, die Daten des Hirnscanners in 3D-Bilder zu wandeln und damit eine Weiterentwicklung eines 3D-Druckers zu füttern. Leicht gesagt und programmiertechnisch wahrlich kein Hexenwerk, aber wie immer steckt der Teufel in der Interpretation der gescannten Daten, genauer gesagt in der Übersetzung der gemessenen Hirnstrom- und Hirnregionenparameter in eine scharf konturierte Figur. Anfangs sind die größten Fortschritte gelungen, eine Reihe tadelloser Objekte konnte direkt aus der Imagination des Nutzers produziert werden. CEO Meyer hat die Korken knallen lassen und wider seine betriebswirtschaftliche Vernunft der Entwicklungsabteilung Sekt und Boni zukommen lassen. Revolution hat er gesagt, das ist eine Revolution, die alle Prothesen-IT hinwegfegen wird, das Aus für Datenbrillen, Tablets und SmartPhones. Jetzt geht’s ans Eingemachte. Der direkte Zugriff auf die Realität. Die anderen IT-Läden werden schäumen vor Wut, wenn sie feststellen, dass sie nicht selbst darauf gekommen sind. Und die größten unter ihnen werden mit den Geldscheinen wedeln, da ist sich CEO Meyer sicher gewesen und die Gewissheit hat klitzekleine Tränen in seine Augenwinkel gezaubert.

Franz Ka hat sich gefreut, nachdem sein Staunen abgeebbt ist. Er gehört zu den Auserwählten, denen Incubus den Incubus 3.0 angeboten hat, ein Schnupperangebot, die ersten drei Monate kostenfreie Nutzung des Gerätes, danach eine reduzierte Nutzungsgebühr, nicht teurer als das, was man für eine übliche Kommunikationsflatrate ausgeben muss. Freie Lieferung ins Haus. Die einzige Voraussetzung: ein klimatisierbarer Raum, in dem das Gerät betrieben werden kann – und die Unterzeichnung eines mehrseitigen Vertrags mit den üblichen Haftungsausschlüssen bei unsachgemäßem Gebrauch des Geräts. Da seine Wohnung über eine Klimaanlage für alle Räume verfügt und Ka sich nicht von mehrseitigen Verträgen abschrecken lässt, weil er sie ohnehin nicht liest, greift er zu. Die beschriebenen Features sind der Hammer. Mit diesem Incubus 3.0 kann man mittels der eigenen Imagination Objekte realisieren. Dinge, die man sich wünscht, wirklich werden lassen, wie Ka es für sich übersetzt. Die einzige Begrenzung stellt die eigene Imagination dar und von der hat er im Überfluss, glaubt er. Keine aufwendigen Planungs- und Fertigungsprozesse mehr, keine Kenntnis von komplexen CAD-Programmen vorausgesetzt, von der Birne direkt in die Realität, das Aus für jede Ingenieurskunst. Und vor allem, zum Abgreifen der eigenen Vorstellungen ist keine Apparatur nötig, die mit seinem Körper verbunden wird, keine längerfristigen Verdrahtungen sind erforderlich, erst recht keine Implantate, was für Ka den Ausschlag für seine positive Entscheidung gegeben hat, weil er die Mensch-Maschine-Symbiose hasst. Zu sehr erinnert sie ihn an die Kopplung von Mensch und Maschine im Krankenhaus, wenn das Ende nahe ist. Schon Kleidung mit RFID-Chips empfindet er als lästig. Er fühlt sich dann wie in einer Zwangsjacke, mögen die Stoffe noch so hautverträglich und ökologisch unbedenklich sein. Dabei geht es ihm gar nicht darum, dass ständig aufgezeichnet wird, wo er sich befindet, nein, die Überwachung stört ihn nicht. Es hat eher etwas mit seiner Leibgrenze zu tun, die sich mit dieser Art von Kleidung zu sehr nach außen verschiebt, wie er es bezeichnet. Ein Smartphon kann er irgendwo ablegen, aber nackt durch die Gegend zu laufen, ist keine Vorstellung, mit der er sich anfreunden kann.

CEO Meyer ist beruhigt für den Moment, aber nicht ausgelassen. Green hat ihm berichtet, dass Bruno bereit ist, den Job zu übernehmen. Der Chefentwickler hat richtig gelegen mit seiner Vermutung, dass Bruno nicht lange zögern wird. Nicht mal über das Honorar haben sie vorher gesprochen. Bruno hat einfach sein früheres Büro bezogen und erst einmal zwei Tage damit verbracht, sich mit der ausgelieferten Version des Incubus 3.0 vertraut zu machen. Wie üblich hat die Software für dieses Gerät die Bezeichnung Endversion getragen, aber das hat seit Jahrzehnten nicht mehr zu bedeuten, als dass das Produkt die Reife erreicht hat, an Kunden ausgeliefert zu werden, genauer gesagt an den Kreis von Menschen, die das Vertriebssystem als geeignete Kunden ermittelt hat. Schließlich lebt man schon lange im Zeitalter der personalisierten Produkte, die einer individuellen Testung für die Feinanpassung bedürfen. Serienprodukte sind von gestern, sagt CEO Meyer und lacht immer dabei.
„Und, Septin“, Alan Green lugt durch die offene Tür, „geht’s voran? Hast Du schon eine Ahnung, woran es hapert. Ein Muster erkannt?“
„Mach mal halblang, ich hab mir gerade einmal den Code reingezogen. Ihr habt da noch ganz schön rumgebastelt, nachdem ich, soll ich sagen, gegangen bin. Wenigstens habt ihr die wichtigsten Restriktionen beibehalten. Schwarze Liste der Objekte, Größe der zugelassenen Objekte und Dematerialisationsdauer. Schön, dass ihr da den Verlockungen widerstanden habt.“
„Oder dem Druck nachgegeben haben, könnte man auch sagen. Die Realwirtschaft, Du erinnerst Dich noch? Deren Lobby hat sich bei der Genehmigungsbehörde durchgesetzt. Von wegen Auswirkungen auf die Beschäftigungslage, Du kennst den ganzen Sermon, den die von sich geben, den sie immer von sich geben, wenn es um ihren Kram geht. Die können auch gar nicht anders als in den Kategorien von primär, sekundär und tertiär zu denken, die haben noch nicht geschnallt, dass wir keine Zulieferer sind, sondern Architekten, Architekten des Neuen …“
„Verschone mich mit dem Neuen und erst recht mit Visionen, Green, siehst ja, wie weit Ihr gekommen seid.“
„Okay, lassen wir das, wann kannst Du richtig loslegen und mit der Fehleranalyse beginnen. Brauchst Du noch was von uns?“
„Lass mich einfach in Ruhe. Wenn ich Dich brauche, sage ich Dir Bescheid. Ach ja, noch eins, bevor Du endlich gehst. Gib mir doch schon mal die Zugangsdaten zu den Nutzern, bei denen es zu den unerwarteten Ereignissen gekommen ist. Damit Du mich nicht falsch verstehst, nicht nur diejenigen für Incubus, sondern die zu all ihren vernetzten Geräten.“
„Zu allen?“
„Du hast richtig gehört. Ist das etwa ein Problem für Dich.“
Alan Green nimmt ein gewaltiges Grinsen mit, als er Brunos Büro verlässt.

Ka hat zwar vorher Bilder gesehen, ist aber doch überrascht, als die Männer der Spedition das kühlschrankgroße Gerät in die Wohnung bugsieren und in seinem Wohnzimmer neben dem Mediaregal abstellen. Anschließen muss er es selbst, sagen sie und drücken ihm den Code zum Einsehen und Ausdrucken des Manuals in die Hand, ehe sie wieder verschwinden. Das Gerät passt so gar nicht zur Einrichtung des Zimmers. Zu metallisch, zu kalt. Aber darum will Ka sich später kümmern, zu neugierig ist er, herauszufinden, was dieses Gerät kann. Er hat so viele Ideen, was er dem Gerät aufgeben könnte, herzustellen. Nach dem Überfliegen der Kurzanleitung zur Inbetriebnahme braucht Ka noch etwa vier Stunden, bis die LEDs von Objektformer und Hirnscanner die Funktionsbereitschaft signalisieren. Auch Ka versetzt sich in den Bereitschaftsmodus und bündelt seine Vorstellungsenergie, um innerlich einen Gegenstand zu visualisieren, den er materialisiert sehen will. Damit es nicht so lange mit der Fertigung dauert, fängt Ka klein an, schließlich will er zuallererst wissen, ob das Ding überhaupt funktioniert. Später kann er sich dann den sublimen Objekten seines Begehrens widmen. Vorsichtig hält er den Scanner über seinen Kopf, bis das Blinken der grünen LED-Lampe am Former zeigt, dass die Daten vollständig übertragen sind. Kurz darauf wird die voraussichtliche Gestehungszeit angezeigt. 10 Minuten. Zeit genug, sich einen Saft zu pressen und schon mal eine Zigarette zu drehen, die er genüsslich auf dem Balkon des Hauses rauchen wird, sobald sein Wunschgegenstand fertiggestellt ist. Nach exakt 10 Minuten, Franz Ka hat die Zeit auf seiner Breitling gestoppt, klingelt der Objektformer. Ka öffnet die Tür und findet auf der Bodenmitte ein Whisky-Glas. Fantastisch, da ist es nun, exakt sein Lieblings-Whisky-Glas, dass ihm vor ein paar Tagen auf den Küchenboden gefallen und zersprungen ist. Hammer, denkt Ka und gießt sich an seiner Hausbar einen Malt in das wiedergewonnene Whisky-Glas. Zufrieden mit seiner Kaufentscheidung und voller Vorfreude auf die nächsten Gestehungszyklen geht er auf den Balkon und steckt sich die Selbstgedrehte an. Er hat doch schon mal ein schöneres Feuerzeug gehabt, denkt er und lächelt in sich hinein.

Zu jedem Abschluss eines Incubus-Nutzungsvertrags liegt eine elektronische Dokumentation vor. Die darin gehorteten Daten sind geordnet nach Verkaufs- und Vertragsmerkmalen und beinhalten Nutzungsprotokolle, Ton-Aufzeichnungen von Kundenberatungen, schriftliche Kundenbeschwerden und Fehlermeldungen. Die betriebswirtschaftlichen Daten interessieren Bruno nicht. Er lässt sie unbeachtet, so wie er sich auch damals nicht darum gekümmert hat, wie der Laden wirtschaftlich läuft. Hauptsache, er hat sein Honorar pünktlich überwiesen bekommen. Aber um die Kohle selbst ist es ihm nicht gegangen, ihretwegen hat er nicht gearbeitet, sie ist kein Antrieb für ihn, damals ist sie es nicht gewesen und jetzt in dieser Situation erst recht nicht mehr. Ihm geht es um Professionalität, nur die zählt und dazu gehört vor allem, dass Absprachen eingehalten und dass keine halben Sachen gemacht werden. Man zieht durch, was man angefangen hat. Entweder ganz oder gar nicht. Nur das eine Mal hat er sich nicht an diese Regel gehalten, weshalb er froh ist, jetzt diese zweite Chance erhalten zu haben. Aber keiner seiner Ex-Kollegen, die sich immer noch bei Incubus Inc. rumtreiben, muss das wissen, am aller wenigsten Alan Green, dem er nicht über den Weg traut. Bruno wischt mit der Hand über den Schirm, damit verscheucht er seine Gedanken über Green und öffnet zugleich den Ordner mit den Kundenreklamationen. In der Datenübersicht ist leicht zu erkennen, dass sich die Beschwerden zu Beginn massiert haben. Das ist kein Anzeichen für das Auftreten von Irregularitäten, im Gegenteil, das geschieht immer am Anfang einer Auslieferung, weiß Bruno. Und beim ersten Überfliegen sieht er sich darin bestätigt, dass es sich auch in diesem Fall um anfängliche Gebrauchsschwierigkeiten handelt, wie die offizielle Redensart lautet. Bei Incubus intern nennen sie es schlicht Kundenblödheit. Bruno identifiziert zwei Hauptgruppen von Reklamationen: die Objekte entsprechen nicht exakt den Vorstellungen des Nutzers oder sie verschwinden nach kurzer Zeit wieder aus der Umgebung des Nutzers. Beides verdankt sich dem ungenügenden Studium der Bedienungsanleitung. Aber dagegen ist halt kein Kraut gewachsen. Seit Etablierung der flächendeckenden Push-Button-Technologie und der Adelung des Prinzips von Trial and Error zur wissenschaftlichen Methode, hat sich anscheinend durchgesetzt, dass jeder als Spießer gilt, der noch eine Bedienungsanleitung liest. Stattdessen ist es hip, erst einmal alle erreichbaren Knöpfe zu drücken, analoge wie digitale, und zu sehen, was dabei rumkommt. Riecht das Resultat schlecht oder versagt das Gerät gar seinen nie aufgenommenen Dienst, heißt es, man hat nicht genügend Augenmerk auf eine intuitive Benutzerführung gelegt. Um aufwendige Nachbesserungen oder wegen schlechter Presse Rückrufaktionen zu umgehen, kommt es auf eine sensible Kundenansprache an, bei der tunlichst jeder Vorwurf, die Anleitung oder andere schriftlichen Informationen nicht beachtet zu haben, unterbleiben muss. Und so hat die Reklamationsabteilung auch bei Incubus 3.0 ihr Bestes getan, den Kunden zum richtigen Gebrauch zu überreden. Der CEO hat sich nicht lumpen lassen und sogar einen Mentalcoach ins Team gesteckt, der via Skype in Einzelunterredungen Kunden trainiert hat, sich auf den gewünschten Gegenstand zu konzentrieren, der sie, anders ausgedrückt, gedrillt hat, die notwendige Kalibrierung für den Hirnscan korrekt durchzuführen, damit Vorstellung und geformtes Objekt einander so nahe wie möglich kommen können. Denen, für die dieses Kalibrierungsverfahren zu anstrengend oder zu unbequem gewesen ist, hat man eine Zurücknahme mit Bonuszahlung gegen Verschwiegenheit vereinbart. Dieses Angebot haben nur wenige angenommen. Die meisten fanden es wohl toll, neben solch einer Möglichkeitsmaschine auch noch in den Genuss eines Mentaltrainers zu kommen. Beim Verschwinden ist die Empörung der Kunden am heftigsten gewesen, sie haben gleich Betrug gewittert, kostenlose Nutzung zu Beginn, aber Objekte, die sich nach kurzer Zeit wieder in Luft auflösen, und nur ein begrenzter Vorrat an Material, um das Verschwundene erneut zu materialisieren. Das ist unglaublich dreist, haben vor allem diejenigen Kunden gewettert, deren Objekte ihren Erwartungen entsprochen haben, die anderen waren weniger empört, dass sich die missratenen Gebilde nach kurzer Zeit von selbst aufgelöst haben. Das hat wenigstens nicht ihr Müllbudget belastet. Die Hardcore-Meckerer hat man mit der Masche besänftigt und unschädlich gemacht, dass dieses Gerät in limitierter Auflage nur Kunden angeboten wird, die finanziell unabhängig sind und zudem das wahre Vermögen besitzen, etwas wirklich Neues, etwas noch nie Dagewesenes in die Welt zu setzen. Das hat bei den allermeisten verfangen, und bei den andern ist Marxheimer tätig geworden. Wie, das ist nicht in der Dokumentation festgehalten. Bruno will es auch gar nicht wissen.

Immer wieder brandneue funktionierende Objekte nach eigenem Gusto gewinnen zu können, ist keine so schlechte Option, um für Stunden Spaß damit zu haben oder sich Vergangenes handgreiflich vergegenwärtigen zu können. Eine Aura von Gestern und unbegrenztem Morgen umgibt, wie er selbst findet, Franz Ka, wenn er mal wieder überlegt, mit welchem Objekt er seine Welt bereichern möchte. Aber auch ein Moment Vergeblichkeit ist im Spiel, wenn er ehrlich zu sich selbst ist und den Gedanken zulässt, dass der Spuk bald wieder vorbei sein wird. Und an Tagen, an denen er grundverstimmt ist, befällt ihn Langweile bei dem Gedanken, wieder das Spiel von Materialisation, Dematerialisierung und Rematerialisierung zu betreiben. Dann will ihm auch nicht recht einfallen, was er mit dem Incubus 3.0 generieren will. Dann halt nicht, sagt Ka zu sich und verspürt den Drang eine Zigarette zu rauchen. Kein Problem, ihm nachzugeben, und auf dem Balkon beim Erzeugen von blaugrauen Luftwirbeln kommt Ka auf eine Idee. Mal sehen, denkt Ka, wie es ist, wenn ich den umgekehrten Weg gehe.