Teil 2

Nein, schön ist das nicht. Kein schöner Anblick. Der massige Oberkörper lehnt sich vom Sessel aus weit über die Schreibtischplatte. Er stützt sich auf kurze, dicke Arme, die in kurzen Hemdsärmeln stecken. Die oberen Knöpfe sind offen, die Krawatte locker mit unordentlichem Knoten, aus dem Kragen quillt ein Stiernacken in dreifachen Wülsten. Die großen Schweißflecken unter den Achseln sind nicht nur den sommerlichen Temperaturen geschuldet. Ebenso wie die dicken Schweißtropfen, die sich auf Stirn und Glatze zu kleinen Rinnsalen zusammenfinden und den Quadratschädel hinabfließen. Kein schöner Anblick, wahrlich nicht, denkt Bruno Septin, und gut riechen kann der auch nicht. Wieder einmal stellt Bruno fest, dass sie bei ihrer Entwicklung den olfaktorischen Aspekt vernachlässigt haben. Auch so ein Punkt, den es zu korrigieren gilt.
Bruno beobachtet die Gestalt hinter dem Schreibtisch, die sich unangenehm weit zu ihm herüberbeugt, ohne den Tisch als Hindernis würde sich diese menschliche Bulldogge zweifellos auf ihn stürzen, unwillkürlich weicht Bruno ein wenig zurück. Sein Gegenüber ist nicht nur ausgesprochen hässlich, sondern auch ausgesprochen aggressiv. Geifer in den Mundwinkeln, Bruno ist froh, wenigstens von der feuchten Aussprache verschont zu bleiben.
Ein unangenehmer Zeitgenosse und nicht der erste, mit dem es der zurückgekehrte Cheftechniker der Firma Incubus Inc. zu tun hat. Es ist der Typus von miesen Vorgesetzten, mit denen die Büros dieser Welt vollgestellt sein müssen, jedenfalls legen Brunos Recherchen der letzten Tage diese Vermutung nahe. Arrogant, autoritär, cholerisch.
„Was für ein Arschloch“, brummt Bruno.
Er beobachtet den schwitzenden Fettsack, der ihn mit rotem Kopf anschreit, ihm irgendwelche Vorwürfe macht und mit irgendwelchen Konsequenzen droht, die Bruno nicht versteht und auch gar nicht versucht zu verstehen. Der andere beugt sich immer weiter zu ihm herüber, bald wird er sich entscheiden müssen, ob er auf den Tisch klettert oder nach vorne umkippt, denkt der Mann auf der anderen Seite amüsiert, den der Wutausbruch seines Gegenübers nicht im Mindesten beeindruckt. Stattdessen interessiert sich der Techniker für andere Details und macht sich Notizen. Was jetzt folgt, kennt Bruno schon. Er ist versucht diesen Teil zu überspringen, aber er ist diszipliniert genug, um nicht zu schludern. Er will nichts übersehen, zumindest nicht aus Langeweile oder Unachtsamkeit.
So wundert sich der Techniker also nicht, als er plötzlich eine Pistole in der Hand hält und eine Stimme zischt, die nicht die seine ist: „Halt´s Maul! Halt endlich deine widerliche, jämmerliche Fresse!“
Der Fettsack wird am Kragen gepackt und über die Tischplatte gezogen. Der Coup ist ein voller Erfolg, dieser unangenehme Typ liegt bäuchlings auf dem Schreibtisch und strampelt mit den Beinen in der Luft. Vor Überraschung vergisst er tatsächlich zu schreien und zu belfern. Seine Schweinsäuglein blicken tumb und sonderschön, begreifen die Welt nicht mehr. Bruno glaubt in ihnen hinter dem üblichen aggressiven Misstrauen auch endlich die aufkeimende Angst zu erkennen. Kein Wunder, haben sie den Pistolenlauf doch direkt vor der Nase.
Wieder spricht die unbekannte Stimme: „Na, das hättest du nicht erwartet, was? Wer ist jetzt das Würstchen von uns beiden? Wer sieht sich jetzt besser nach einem neuen Job um? Ach, vergiss es! Du wirst keinen Job mehr brauchen.“
Obwohl es nicht neu ist, schreckt der Techniker doch wieder zusammen, als der Schuss fällt, der massige Leib reglos auf den Tisch kracht und dabei diverses Büromaterial abräumt.
Bruno schaut auf die Bescherung und schüttelt den Kopf. Er weiß, wie es weiter gehen wird: Noch ein paar Minuten, in denen nichts Besonderes mehr passiert, dann ist der Spuk vorbei.
Bis auf ein paar Kleinigkeiten, und dieses olfaktorische Dings natürlich, funktioniert Incubus 3.0 doch ausgezeichnet.

Er hat spät angefangen, sehr spät für diese Hochgeschwindigkeits-Branche, auf die man sich eigentlich schon im Kindergarten vorbereiten muss, um noch rechtzeitig auf den Erfolgszug aufspringen zu können. Er hat in verschiedenen Start-Ups als freier Mitarbeiter gearbeitet, ab und an sein Talent aufblitzen lassen, gerade so viel und fein dosiert, dass diejenigen, die auf den winzigen Feldherrnhügeln der flachen Hierarchien stehen, auf ihn aufmerksam geworden sind und diejenigen auf gleicher Höhe mit ihm sich nicht erschreckt haben. In den modernen IT-Turnschuh-Wohlfühlfirmen gilt es, den feinen Unterschied zu markieren, gilt es, gleicher als andere Gleiche zu sein, ohne Durchsetzungsspuren zu hinterlassen. Sich in der Konkurrenz der Gleichen in ein Kampfgetümmel zu verstricken, ist auf dem Karriereweg kontraproduktiv, wie es heutzutage verharmlosend ausgedrückt wird. Wer zu früh und zu viel von seinem Potenzial zeigt, das weiß Alan Green, hat schon verloren. Und also hat er sich keine Eile verordnet und hat lange Zeit als freier Kodierer an einzelnen Modulen komplexer Programme gearbeitet, ehe er das Angebot von Incubus Inc., für die Entwicklung von Special-Apps zu arbeiten, angenommen hat. Und auch da hat erst mal stillgehalten, hat dem IT-Technik-Chef zugearbeitet und auf seine Stunde gewartet. Und derweil alles vorbereitet. Bruno Septin ist als IT-Entwickler nicht schlecht gewesen und vielleicht hätte er sich noch länger gedulden müssen, wenn Septin nicht seinen moralischen Rappel bekommen und hingeworfen hätte. In diese Vakanz ist dann Green gestoßen und hat den Posten als Chefentwickler bekommen, wohl zu allererst aus dem Grund, dass er eingearbeitet gewesen ist und ein Externer in dieser Entwicklungsphase des Projekts ein zu großes Sicherheitsrisiko gewesen wäre. Ab diesem Zeitpunkt hat er zeigen können, was in ihm steckt – und doch ist er von seinem Prinzip nicht abgerückt, seine wirkliche Klasse verborgen zu halten. Man spielt seine Trümpfe nicht aus, um dann blank dazustehen, wenn es darauf ankommt, das Spiel zu entscheiden. Natürlich hat Green auch gesehen, dass Incubus 3.0 zum Zeitpunkt der ersten Auslieferungen noch einige beträchtliche Risiken in sich getragen hat, aber wer wie Septin zaudert, den verschlingen die Marktgesetze, da haben CEO Meyer und der Vertriebschef recht. Aber in ihrer Fixiertheit auf das Geld, das damit zu machen ist, haben sie die eigentliche Power diesen neuartigen Instruments nicht auf ihrem Schirm. Sie denken an das große Geschäft und dabei doch ganz klein. Nachdem diese Phänomene, wie sie es gern nennen, aufgetaucht sind, haben sie Fracksausen, und das auch noch aus den falschen Gründen. Nicht zuletzt deshalb haben sie seinem Vorschlag so schnell zugestimmt, Septin als Trouble-Shooter zu engagieren. Sie setzen auf Septins Fähigkeiten, die Schwachstelle von Incubus 3.0 ausfindig zu machen. Wenn Septin scheitert, denken sie, ist das Projekt gescheitert. Für Green beginnt es dann erst richtig.

Bruno Septin lehnt sich hinter seinem Schreibtisch zurück und blickt gedankenverloren aus dem Fenster hinüber zu den kahlen, schroffen Felswänden der Santa Cruz Montains, die sich im Licht der untergehenden Sommersonne orangerot gefärbt haben. Er fährt aus seiner Reglosigkeit auf, als die Tür zu seinem Büro geöffnet wird. Herein tritt sein persönlicher Assistent und Famulus Prakash Manjeer und bringt einen neuen Stapel CDs hinein mit Videoprotokollen von den Einsätzen des Incubus 3.0 und also von dem, was die ausgewählte Kundschaft mit diesem Wunderding bisher angestellt hat. Prakash Manjeer ist nicht der einzige Inder bei Incubus Inc. und schon gar nicht in Mountain View, wo die indischen IT-Fachleute eine nicht unbedeutende Community bilden. Was Septins Assistenten von diesen unterscheidet und zum Exoten macht, ist nicht nur seine ungewöhnliche Kleidung, denn Manjeer verweigert sich nicht nur dem liberalen und legeren Dresscode, der unter den dynamisch-aufgeklärten Computer- , Vertriebs-, PR- und sonst was Spezialisten herrscht, die sich in den hiesigen HighTech-Laboren und den vielen optimistischen Start-Up-Unternehmen tummeln. Manjeer hält nichts von Jeans und T-Shirts, er besteht darauf auch an seinem Arbeitsplatz bei Incubus Inc., wo die Zukunft entwickelt, wo die Zukunft erfunden wird, seine traditionelle indische Kleidung zu tragen: Dhoti und Kurta, Wickelhose und knielanges Hemd ohne Kragen. Selbst seine Landsleute begegnen ihm mit mildem Spott, wenn sie ihn so durch die vollklimatisierten, hypermodernen, mit allem aktuellen Schnickschnack ausgestatteten Räume von Incubus Inc. kommen sehen, in der Hand ein Notebook oder Mobilphone. Deplatziert und wie vom Himmel gefallen wirkt er. „Demnächst soll ein Papua mit Penisrohr eingestellt werden“, hat Marxheimer vom Vertrieb einmal geulkt, der sich für keine rassistische Bemerkung zu schade ist.
Prakash Manjeer begegnet Kollegenscherzen mit einer Mischung aus Gleichmut und Hochmut, wobei Hochmut wohl den größeren Anteil hat. Er weiß schließlich, was er kann. Und er weiß, dass Bruno Septin das ebenfalls weiß. Dieser hat es zur Bedingung gemacht, dass ihm wieder Prakash zugeteilt wird, ehe er zu Incubus Inc. zurückgekehrt ist. Er schätzt die Fähigkeiten des skurrilen Inders als Programmierer und Fehleranalyst, aber genauso schätzt er dessen Loyalität, die auch ein offenes Wort nicht scheut.
Nun steht Prakash Manjeer in seinen Wickelhosen vor Bruno Septin und setzt den Stapel CDs auf den Tisch. Incubus Inc. hat sich für dieses antiquierte Speichermedium entschieden, um die Arbeitsprotokolle seiner revolutionären Entwicklung zu sichern. Zu pikant die Inhalte, zu brisant die innovative Technik, zu viele Hacker und Spione, als dass man einen unerlaubten, unerwünschten Zugriff übers Netz von wem auch immer riskieren kann.
Etwas resigniert starrte Bruno Septin auf das kleine Türmchen übereinander gestapelter CD-Boxen. „Die letzte Ration?“, fragt er ohne wirkliche Hoffnung.
Prakash lächelt kurz, dann sagt er: „Es sind noch Berge draußen. Die Standards und den Durchschnitt habe ich schon aussortiert. Du bekommst nur die interessanten Fälle, Bruno. Aber die reichen noch bis zum Wochenende.“
Septin seufzt schicksalsergeben.
„Außerdem hat sich Alan Green angesagt,“ fügt der Assistent hinzu. „Er will in einer halben Stunde vorbeischauen. Und er hofft auf Ergebnisse, wie er sagt.“
Bruno schnauft. Das kann er sich vorstellen, dass Green Hummeln im Hintern hat, dass ihm sein Hummelhintern auf Grundeis geht. Er hat auch Green, dessen Chef er damals gewesen ist, ins Gewissen geredet, dass Incubus 3.0 noch nicht marktfähig ist, dass es noch ein paar unkalkulierbare Risiken gibt, die eliminiert werden müssen, und hat ihn um Unterstützung gebeten, bei der Geschäftsführung durchzusetzen, dass noch ein halbes Jahr Entwicklungszeit gewährt wird. System und Gründlichkeit, darum geht es, hat er Green gesagt. An dieser Stelle ist Green meist in lautes Lachen und Gezeter ausgebrochen. „Du weißt selbst, was ein halbes Jahr Aufschub bedeuten würde. In unserer Branche. In einem halben Jahr sehen wir vermutlich nur noch die Rücklichter von unseren verehrten Mitbewerbern. Nein, nein. Zeit ist die Ressource, von der wir am wenigsten haben.“ Da ist Green die getreue Stimme seiner Herrn gewesen, was sich für ihn ja auch ausgezahlt hat. Na, und nun ist´s auch egal, dass Septin Recht behalten hat. Das Kind ist in den Brunnen gefallen und er darf es wieder rausholen. Wieder einmal.

System und Gründlichkeit. Septin hat beschlossen und Majeer hat ihm zugestimmt, dass sie sich bei der Fehlersuche, bei der Suche nach der Ursache dieser merkwürdigen Phänomene beim Einsatz des Incubus 3.0, die eine Gefahr für das gesamte Programm werden können, die letztlich sogar die Existenz von Incubus Inc. bedrohen können, dass sie systematisch und gründlich vorgehen wollen. Also keine Stichprobenhudelei, keine Mutmaßungen und keine Ahnungen, sondern ein Schritt nach dem anderen, step by step, vertikal und horizontal. Und dann klare Analysen und klare Entscheidungen. Die Hardware ist durchzuchecken, ein Part, den zum Glück Green übernommen hat, denn dies ist die Sparte, die Bruno am wenigsten reizt. Algorithmen müssen nachgerechnet werden, Schnittstellen kontrolliert, worum sich Prakash kümmert, und Septins Aufgabe ist, die Arbeitsprotokolle nach Auffälligkeiten, Ungereimtheiten zu sichten und dann auf die geniale Eingebung zu warten, das Sesam-öffne-dich, das die Erklärung liefert für die mysteriösen Erscheinungen.
Bruno Septin hat beschlossen chronologisch vorzugehen. Vom erstmaligen Gebrauch bis zu den routinierten Bedienungen, die in der Regel erst Wochen später stattgefunden haben. Vertragsbedingung für die Nutzer von Incubus 3.0 ist deren Zustimmung gewesen, dass alle deren Anwendungen des Gerätes aufgezeichnet werden, was mittels einer Sonderfunktion des Hirnscanners kein Problem ist. Die Videoaufzeichnungen haben allerdings immer die Perspektive des Nutzers, was gelegentlich lästig ist und zu Ungenauigkeiten führen kann. Selbstverständlich ist den Kunden voller Datenschutz und absolute Vertraulichkeit zugesichert worden. Trotzdem haben die Jungs und Mädels aus der Technik die Kollegen und Kolleginnen aus anderen Abteilungen herbeigerufen, um besonders kuriose Einfälle der Kundschaft zu beschmunzeln und zu bespötteln, wenn sie in den Videoprotokollen fündig geworden sind.
Septin selbst ist ein wenig enttäuscht über das, was die Nutzer mit dem Gerät anstellen, an dessen Entwicklung er maßgeblich beteiligt gewesen ist. Schließlich verschafft es der Kundschaft die Möglichkeit, sich jeden Wunsch zu erfüllen, wirklich jeden und wenn´s ein Wunsch in den hintersten Hirnwindungen ist. Aber wie ähnlich sind die Wünsche der Leute, wie ungenutzt lassen sie die Möglichkeiten, die ihnen Incubus 3.0 bietet. Aber das sind Überlegungen, die Bruno sozusagen privat anstellt. Was geht es ihn an, was die Leute so treiben und was ihre Vorlieben und wie erbärmlich ihre Phantasien sind. Sein professionelles Interesse gilt anderen Aspekten. System und Gründlichkeit.

Gar nicht so einfach in diesem Fall, es anders herum zu machen. Möglicherweise ist es sogar in den meisten Fällen schwierig. Franz Ka denkt da ans Laufen, vorwärts kein Problem, aber rückwärts, der verdrehte Kopf, der unsichere Schritt, sobald das Gelände keine plane Fläche ist, wird es schwierig heil ans Ziel zu kommen. Aber selbst wenn man den Rückweg in der Vorwärtsbewegung absolvieren will, ist es kein dem Hinweg gleiches Unterfangen. Man vergisst gern die Zeit, die vergangen ist und was sie aus dem Weg gemacht hat. Es ist nicht der gleiche Weg, wenn man es genau nimmt, er kann es nicht sein. Jedem ist es sofort klar, wenn er nur daran denkt, wie es ist, morgens ins Büro und abends wieder nach Hause zu fahren. Die gleiche Route, der gleiche Stau, die gleiche überfüllte Bahn und doch steht man abends zu Hause angekommen nicht wieder am morgendlichen Ausgangspunkt, hat man die gleiche Strecke nicht einfach zweimal in entgegengesetzter Richtung zurückgelegt, nicht wirklich und nur, wenn man sich auf den Reißbrett-Standpunkt eines Geometers stellt, für den die Strecke AB identisch mit der Strecke BA ist. Wieder so eine gedankliche Abschweifung, die nichts bringt, tadelt sich Ka, hält inne und beginnt von Neuem. Und doch: Je mehr sich Ka darauf konzentriert, es umgekehrt zu machen, also nicht an etwas Bestimmtes zu denken, sondern an nichts Bestimmtes, also Nichts, kommt sein Vorstellungsvermögen in Schwung, immer mehr Dinge, Personen und Begebenheiten tauchen vor seinem inneren Auge auf, die er durchstreichen muss und jede Streichung provoziert eine neue Vorstellung, die wiederum durchgestrichen werden muss. Kas Denken kreiselt, aber vom Nichts nichts zu sehen. Ka schüttelt sich, bewegt heftig seinen Körper, um aus dem Kettenkarussell der inneren Erscheinungen auszusteigen. Pause. Raus auf den Balkon, eine Zigarette, dem Denken seinen Lauf lassen, um sich aus ihm herauszustehlen. Nach ein paar tiefen Zügen drückt er die Zigarette aus und ist entschlossen, die so gewonnene Beruhigung für einen erneuten Anlauf nach Drinnen mitzunehmen. Vor dem Objektformer sammelt er sich, versucht bewusst zu atmen, sich nur auf das Atmen zu konzentrieren, ein regelmäßiges langsames Heben und Senken der Brust. Sei ein Blasebalg, sagt sich Ka, ein mechanischer Blasebalg, der keine Vorstellung von sich hat. Lass aber auch diese Vorstellung im Atmen untergehen. Lass alles untergehen, auch den Untergang, denkt Ka und fühlt sich endlich bereit, greift den Hirnscanner und fährt mit diesem langsam über seinen Kopf. Wie die Male davor signalisiert das Blinken der LED am Objektformer, dass der Gestehungsprozess läuft. 10 Minuten, dann wird Ka endlich wissen, was sich im Objektformer aus seinem gedachten Nichts herangebildet hat. Immerhin weiß Franz Ka schon jetzt, dass sein Denken an nichts, das System des Incubus 3.0 nicht zu irritieren vermocht hat.

Schnell lässt sich ein bestimmtes Schema ausmachen. Der Neukunde beschränkt sich am Anfang bei der Nutzung von Incubus 3.0 in der Regel auf kleine Gegenstände, die er sich von der Maschine materialisieren lässt. Dinge, die einen persönlichen Wert für sie haben, wie verlorene Eheringe, Kleidungsstücke, die sie im Katalog gesehen haben oder auch nur mal ein Glas Bier.
Für viele Nutzer ist es ein regelrechter Schock, wenn sie merken, was sie sich mit diesem Wunderding Incubus 3.0 alles erschaffen können. Und Bruno gesteht sich ein, dass es dieses Schockerlebnis der Kundschaft ist, das ihn besonders befriedigt. Ein Gefühl der Größe, das in ihm Platz greift, wenn er sich gewiss wird, welche enormen Möglichkeiten die Kunden seinen Fähigkeiten, ja, seinem Genie verdanken. Nicht nur einmal beobachtet Septin, wie Anwender in eine Art Schockstarre verfallen, wenn sie mittels dieses kühlschrankgroßen Kastens nicht nur tote Materie, sondern auch Gestalten aus Fleisch und Blut in die Welt gesetzt haben, mit ein wenig Übung sogar komplette Szenerien mit mehreren Personen, ganz wie sie ihrer Einbildung entsprungen sind. Tagelang lassen sie die Finger von dem Gerät, um sich dann mit umso größerer Euphorie auf den Incubus zu stürzen. Die „Tierversuche“ hat Septin schnell abgehakt, die meisten Nutzer haben sich zuerst Hamster, Hund und Katze oder ein Goldfischglas mit entsprechendem Inhalt generiert, bis sie sich an größere Aufgaben getraut haben. Aber es hat nicht lange gedauert, bis sie sich auch den Chef ins Haus geholt, um ihm mal richtig die Meinung zu sagen. Ihre moralische Reißleine, ihr Sicherheitsgurt war das Bewusstsein, dass die von ihnen geschaffene Materialisation sich nach einer überschaubaren Zeit wieder in Nichts auflöst, und dieses Bewusstsein lässt die meisten mutig werden oder skrupellos. Szenen wie die am Morgen, als er teilhaftig geworden ist, wie sich ein gedrückter und gedemütigter kleiner Angestellter an seinem widerlichen Vorgesetzten rächt, indem er ihn zur finalen Aussprache bietet, hat Bruno schon im Dutzend gesehen. Anfangs haben sie ihn irritiert, jetzt langweilen sie ihn eher. Private Gastauftritte von Popstars und auch die erwartbaren erotischen Téte-a-tétes mit Filmschönheiten oder anderen Diven interessieren ihn nicht weiter. Festzustellen ist freilich die Tendenz, dass viele Nutzer bei ihren Schöpfungen zunehmend auf die umfangreiche Datenbank zurückgegriffen haben, die Incubus Inc. ihnen zur Verfügung stellt. Offenbar trauen sie ihren eigenen Phantasien nicht oder sie sind ihnen zu langweilig oder zu mühselig, weil allzu bekannt. Unverkennbar jedenfalls ist der Trend zur konfektionierten Nutzung des genialen Gedankengenerators, den er mitentwickelt hat, und das ist für Bruno Septin schon eine kleine Enttäuschung. Sein eigentliches Interesse gilt allerdings anderen Aspekten. In vielen Videoaufnahmen sind Mängel an den Materialisationen festzustellen. Stellen, an denen etwas fehlt, oder Stellen, die völlig leer gewesen sind. Bei einem Hollywoodstar z.B. hat der linke Daumen gefehlt, was umso peinlicher ist, weil dieses Geschöpf der firmeneigenen Datenbank entsprungen ist. Bei etlichen Manifestationen komplexerer Natur sind Unschärfen aufgetreten, merkwürdige Verpixelungen, die Bruno überrascht haben und die er dem Hardwarespezialisten Alan Green auf´s Brot schmieren wird, wenn er denn gleich kommt „und Ergebnisse sehen will.“