Teil 3

MIRROR, MIRROR ON THE WALL. Es ist nicht nur Eitelkeit, weshalb CEO Meyer so viel Zeit im Badezimmer verbringt, weshalb er immer wieder nahe an den Spiegel heranrückt und mit strengem Blick nach Stellen in seinem Gesicht sucht, wo er noch einmal nachrasieren muss. Er hat eine problematische Kinnpartie. Bei Terminen wie diesem kommt es auf die Details an, das weiß CEO Meyer, der erste Eindruck ist oft dafür entscheidend, welche Richtung das ganze Unternehmen nimmt. Und dabei zählt der eigene Eindruck ebenso wie der des Gegenübers. Meyer ist lange genug im Geschäft und hat genug Erfahrungen gesammelt: die beste Strategie ist selbstbewusstes Unterstatement, davon ist er überzeugt. Er schenkt seinem Spiegelbild ein zuversichtliches Grinsen. Ein selbstsicherer Auftritt, ohne die eigenen Qualitäten zu verbergen, aber auch ohne sie besonders hervorzuheben, markantes, poliertes Kinn. Die größte Wirkung stellt sich sozusagen subkutan ein.
„Du musst dem Gegenüber immer das Gefühl lassen, dass er Chef im Ring ist, er entscheidet sich lieber in deinem Sinne, wenn er glaubt, es sei sein freier Wille bzw. seine Entscheidung gründe auf vernünftiger, unvoreingenommener Analyse.“ Sein Spiegelbild grinst zurück. CEO Meyer muss immer mindestens lächeln, wenn seine Gedankengänge diesen Punkt erreichen. Er kennt seine Fähigkeiten zur Manipulation und er weiß, dass ein Hauptmerkmal seiner Methode ist sich selbst möglichst unangreifbar zu machen. Dazu gehört zuallererst die Standards einzuhalten: gepflegtes Äußeres, geschliffene Umgangsformen, das Talent nicht langweilig zu sein, was er nicht besitzt, aber immerhin verfügt er über ein paar mühsam erlernte Kniffe.
Hier im Bad, wo er allein ist mit sich selbst, gesteht Meyer sich auch gelegentlich ein, dass es ihm Selbstsicherheit gibt, wenn er äußerlich unangreifbar ist, wenn die Garderobe stimmt, wenn es an seinem Auftritt nichts auszusetzen gibt. Genau genommen besteht seine Selbstsicherheit aus guter Garderobe und einem souveränen Auftritt. CEO Meyer denkt an den bevorstehenden Termin. „C. van Appeldoorn“, sagt er tonlos und blickt ins Auge seines Spiegelbildes. „Weiblich.“ Er beschließt noch etwas Moschus aufzutragen, aber dezent.

Milena macht sich Sorgen, was sehr selten vorkommt, weil sie sich nicht darum kümmert, was andere machen. Sie lässt den Menschen, erst recht denen, denen sie freundschaftlich zugeneigt ist, ihren Lauf, und erwartet, dass auch sie von ihnen mit Einmischungen in ihr Leben verschont bleibt. Jeder macht sein eigenes Ding und wer keines hat, der ist selbst dran schuld. Sie hat keine Lust, anderen die Langeweile zu vertreiben. Von Franz Ka weiß sie, dass er nicht zu denen gehört, die mit ihrer Zeit nichts anzufangen wissen. Und so hat sie sich nicht gewundert, längere Zeit nichts von ihm gehört zu haben. Stutzig ist sie erst geworden, nachdem er tagelang nicht auf ihre Nachrichten reagiert hat, weder auf ihre Mails noch auf ihre Sprachnachrichten, denn Ka hat die altmodische Angewohnheit, stets auf Nachrichten zu antworten. Sie hat noch eine Zeit lang mit Spekulationen über sein abweichendes Verhalten zugebracht, ehe sie sich an einem Abend entschlossen hat, mit ihrer Maxime der Nicht-Einmischung zu brechen und ihn zu Hause aufzusuchen. Vor seinem Haus stehend registriert sie, dass einige Zimmer beleuchtet sind, und ab und an vermeint sie, die Silhouette Kas an einem der Fenster wahrzunehmen. Sie klingelt mehrmals und wartet auf den Türsummer oder ein Knacken im Lautsprecher der Sprechanlage. Nichts. Kein Ton. Sie klingelt nochmals, wiederum bleibt alles still. Auch ihr weiteres heftiges Klingeln bleibt unbeantwortet. Sie tritt einen Schritt zurück von der Haustür und schaut hinauf zu den erleuchteten Fenstern, als sich die Haustür langsam öffnet und den Blick freigibt auf Franz Ka, der den Kopf leicht gesenkt hat. So hat Milena Ka noch nie gesehen: Blasses, teigiges Gesicht, große dunkle Augenränder, zerzauste Haare, barfuß, Jeans und T-Shirt völlig verdreckt. Ka hebt leicht den Kopf und weist mit der Hand in den Flur.
„Kommen Sie rein“, Kas Stimme ist leise und brüchig.
„Aber, Franz, ich bin es doch.“
Milena geht auf ihn zu, ekelt sich aber davor, ihn zu umarmen. „Franz, ich bin es, Milena!“
Ka wendet sich mechanisch um.
„Habe nicht gedacht, dass die Firma eine Frau schickt, nichts gegen Sie persönlich, aber ich habe halt gedacht, ist ja auch egal … Hauptsache, höchste Zeit, dass jemand kommt. Ausräuchern, Sie müssen hier, radikal, in allen Ecken und Ritzen. Hoffentlich haben Sie genug dabei, ich meine, rückstandslos, anders, anders geht es nicht. Kommen Sie, ich gehe mal vor.“
Milena folgt Ka von Erschrockenheit benommen in den Flur.
„Franz, Franz, so bleib doch stehen, was ist los mit Dir.“ Ka reagiert nicht, läuft durch dunklen Hausflur. An dessen Ende eine Tür, die Ka öffnet.
„Hier ist die Küche. Denke mal, wird wohl am besten sein, Sie fangen hier an.“ Ka tritt zur Seite, fasst Milena an den Arm und mit einer Geschwindigkeit, die sie ihm in seinem Zustand nicht mehr zugetraut hat, zieht er sie zu sich heran und stößt sie ihren Schwung nutzend in die Küche. Milena kommt zu Fall. Ausgestreckt auf dem glatten Küchenboden hört sie, wie die Tür ins Schloss fällt und danach ein leises Klicken. Ka hat die Küchentür verriegelt.

„Ich will einfach nur von Dir wissen, warum ich eine so miese Beurteilung bekommen habe.“
„Seit wann duzen wir uns, Herr Schmitt?“, antwortet der Angesprochene im Fokus der Kamera.
„Lenk nicht ab, spuck endlich aus, dass Du mich einfach nicht leiden kannst, weshalb Du mir immer einen reinwürgen musst. Meinst Du, ich hätte nicht gemerkt, dass Du mich loswerden willst? Aber den Gefallen tue ich Dir nicht.“
„Noch einmal, Herr Schmitt, auch wenn wir uns nicht in der Firma befinden, gibt es keinen Grund, sich so respektlos aufzuführen. Das stimmt mich Ihnen gegenüber nicht positiver, um es vorsichtig auszudrücken.“
„Was bildest Du Dir ein, merkst Du den nicht, dass das hier kein Heimspiel für Dich ist. Also los jetzt, raus mit der Sprache, warum behandelst Du mich wie den letzten Dreck? Mach schon, sonst ziehe ich andere Seiten auf. Kann ganz schön ungemütlich werden.“
„Machen Sie sich doch nicht lächerlich, es ist immer das Gleiche mit Ihnen, Herr Schmitt, sie blasen sich zu jeder Gelegenheit maßlos auf und was dann kommt, ist kaum mehr als ein heißes Lüftchen. Wann hätten Sie denn schon jemals, ihre eigenen Leistungsvorgaben erreicht …“
„Weil Du mich schikanierst, jedes Mal, wenn ich vor einem Abschluss stehe, heißt es dann, Schmitt, so können sie das nicht machen …“
„Herr Schmitt, ich sage immer Herr Schmitt, und glauben Sie mir, mir ist das nicht leicht gefallen, aber die meisten von Ihren anvisierten Abschlüssen, ich habe das jedes Mal durchgerechnet, wären ein Nullsummenspiel für die Firma gewesen, klar, Ihre Provision, für Sie hätte es sich erst mal gelohnt, aber on the long run haben Sie auch nichts davon, wenn die Firma kein Plus erzielt. Aber Sie checken das einfach nicht. Ich habe es Ihnen immer beizubringen versucht, aber Sie kapieren es nicht, ich weiß nicht, ob Sie nicht wollen oder ob Sie einfach zu blöd sind, …“
Die bislang ruhig auf den Mann im Businessdress gerichtete Kamera gerät in Bewegung in Richtung des Mannes, Hände, aus dem Rückraum der Kamera kommend, greifen nach seinem Hals, dann heftige Zitterschwenks, wildes Kreisen der Kamera, ein Bildertaumel, das Gesicht des Mannes, seine Arme und Beine, stürzende Wände, die Bilder verwischen. Zwei Minuten etwa, bis die rasende Kamerafahrt endet. Schwarz danach.
„Herr van der Weiden, wollen Sie noch immer behaupten, dass Sie nicht in der Wohnung Ihres Mitarbeiters gewesen sind?“, fragt Kommissar Kleinfeld.
„Ich behaupte nichts, gar nichts, ich war einfach nicht in seiner Wohnung, glauben Sie mir doch.“
„Ach so, und in dem kurzen Film, wer soll das gewesen sein, wenn nicht Sie?“
„Keine Ahnung, Herr Kommissar, weiß ich nicht, ja, sieht aus wie ich, aber ich war nicht dort.“
„Ein Doppelgänger“, Kommissar Kleinfeld lacht laut auf, „Sie wollen mir ernstlich weismachen, dass Sie das nicht sind, Manteufel, gehen Sie mal zurück und zoomen Sie dann auf das Gesicht.“
Manteufel macht, wie ihm geheißen. Auf dem Schirm die vergrößerte Ansicht des Gesichts, deutlich zu sehen ein Muttermal auf der rechten Wange.
„Und, sehen Sie das, das Muttermal, dasselbe wie auf Ihrer Wange. Hören Sie doch auf zu leugnen, dass Sie dort waren. Ein Streit, ein Handgemenge, Schmitts Kopf knallt gegen die Tischplatte und aus, er liegt da und Sie hauen ab. Warum nur? Warum haben Sie denn nicht einen Krankenwagen geholt, statt abzuhauen? Jetzt wird es ganz eng für Sie. Totschlag oder mindestens Körperverletzung durch Unterlassen mit Todesfolge. Drunter kommen Sie nicht davon, van der Weiden. Kapieren Sie?“
„Aber, verdammt noch mal, wie oft soll ich denn noch sagen, dass ich nicht dort war? Keine Ahnung, was das für ein Film ist. Ein Fake, das muss ein Fake sein.“

Nun sitzt er im „Tadsch“, einem angesagten indischen Restaurant in einem Außenbezirk Mountain Views, auf Empfehlung von Bruno Septins Assistenten, der es für seine traditionelle Küche gelobt hat und auch für den Verzicht auf übermäßigen Ethno-Kitsch in der Einrichtung. Er hat sich einen Tisch in der Nähe der Küche geben lassen, wo er durch eine große Glasscheibe den Köchen bei ihrem schweißtreibenden Hantieren am Tandoori-Ofen beobachten kann. Als Ortskundiger hat er dieses Lokal für das Treffen vorgeschlagen und Miss van Appeldoorn ist einverstanden gewesen, nicht zuletzt, weil sie die indische Küche liebt, wie sie zu sagen pflegt.
CEO Meyer blickt auf seine Armbanduhr. Zehn Minuten, stellt er fest. Zehn Minuten nach acht Uhr. Er lächelt vor sich hin. Sie lässt ihn warten, das gehört zum Spiel, ausprobieren, antesten, erste Marken setzen. CEO Meyer knabbert an einem Stück Chapati. „Ab 20 Uhr 15 steigt der Preis mit jeder Minute um 5 Prozent.“ Er wischt ein paar Brotkrümel vom Hemdsärmel, müßig fällt sein Blick auf den Koch hinter der Glasfront, der sich über den Lehmofen beugt, um neue Fleischstücke hineinzulegen. Es dampft und brutzelt über offenem Feuer, Kochgeschirr wird hin und her gereicht, Zutaten in Windeseile zubereitet, es herrscht geschäftiges Treiben in der Küche, ein kulinarisches Schauspiel, das den Restaurantgästen die Wartezeit verkürzt, dabei alles im Stummfilmmodus, kein Geräusch dringt durch die Glasscheibe. Cleveres Gastronomiekonzept, stellt CEO Meyer fest. Er beobachtet den Tandoori-Koch, der mit schweißnasser Stirn in der Dampfwolke steht, und als sich der Dampf ein wenig verzieht, sieht Meyer – er sieht es genau, kann den Blick gar nicht abwenden – wie der Schweiß des hart arbeitenden Mannes vom Kinn in den Ofen tropft, wo das Fleisch gart.
CEO Meyer sucht Halt an seinem Weinglas und beschließt sich auf die andere Seite des Tisches zu setzen, von wo er keinen Einblick in die Küche hat.
„Mister Meyer? Incubus Inc.?“ Er hat sie gar nicht kommen sehen und schreckt auf, als er plötzlich angesprochen wird. Doch schnell fasst er sich, erhebt sich und rückt der Neuangekommenen galant den Stuhl zurecht. „Miss van Appeldoorn, wie ich vermute. Ich freue mich sehr Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Die Begrüßung ist formvollendet.
Miss van Appeldoorn macht einen durchaus positiven Eindruck auf CEO Meyer. Elegantes Businesskostüm, zurückhaltendes Make-up, vielleicht ein wenig zu streng das Erscheinungsbild. Er hätte ihr geraten, die langen, blonden Haare nicht gar zu straff nach hinten zu binden. Aber eine angenehme Person, wie er findet. Ob er einen ebensolchen Eindruck auf Miss van Appeldoorn macht, ist zweifelhaft.
„Habe ich Sie erschreckt, Mister Meyer? Ich hoffe nicht“, sagt sie, nachdem sie Platz genommen hat. Meyer winkt ab. „Ich bitte Sie, Miss van Appeldoorn. Ich war nur ein wenig in Gedanken. Sie wissen, wie sehr mir dieser Termin am Herzen liegt.“ Insgeheim schaut er auf seine Uhr. 20 Uhr 14. Miss van Appeldoorn kennt die Regeln.
Der Kellner erscheint, um die Bestellung entgegen zu nehmen. Sie fragt nach der Qualität des Tandoori Chickens. Der Kellner betont, dass es zu den Spezialitäten des Hauses gehört. Meyer wagt nicht zu widersprechen, als sie es bestellt. Er selbst bevorzugt ein Curry-Gericht.

Krachend öffnet sich die Tür. Bruno Septin und Prakash Manjeer blicken von ihren Monitoren auf.
„Gehts nicht auch ein wenig sanfter?“, hält Septin dem hereinbrausenden Alan Green entgegen.
„Am Ende soll ich wohl auch noch anklopfen und auf ein sanftes Herein warten, bis die Herren empfangsbereit sind“.
„Genau, wäre nicht schlecht“, sagt Septin, „apropos sanft, als Du mich überredet hast, wieder hier her zu kommen, hast Du geschnurrt wie ein Kätzchen, Alan.“
„Man muss halt wandlungsfähig sein, nicht so ein Sturkopf wie Du, Bruno. Aber Schluss mit dem Geplänkel, wie siehts denn aus? Habt Ihr schon was Greifbares gefunden oder seid Ihr immer noch mit Glotzen von Aufzeichnungen beschäftigt.“
„Du weißt, Alan, dass wir von der exakten Truppe sind, nicht von der speditiven“, mischt sich Manjeer ein, „sonst wirds nichts mit Greifbarem.“
„Manjeer hat recht, aber mir scheint, Du hast unsere tabellarische Aufstellung der aufgezeichneten Ereignisse nicht zur Kenntnis genommen, sonst würdest Du nicht so blöd fragen. Wir sind bei der Einkreisung der Fälle, die die Firma in Schwierigkeiten bringen könnten. Macht keinen Sinn, Ursachen zu suchen, solange wir nicht genau die Art der Probleme identifiziert haben.“
„Ja, die Tabelle schön und gut, aber mir geht das nicht schnell genug, das Meiste habt Ihr in die Kategorie einfache Kundenunzufriedenheit eingeordnet und da ist ja auch unser Beschwerdemanagement dran, da brennt nichts an. Lasst das weitere Sichten, konzentriert Euch auf die Ursachen-Analyse von einem herausragenden Problem-Fall und entwickelt eine Lösung dafür. Möglicherweise können wir die auf auch auf die anderen Fälle anwenden.“
„Vielleicht, vielleicht, was faselst Du da. Du weißt doch genau, wie komplex Incubus 3.0 ist, da kannst Du doch nicht davon ausgehen, einen einzigen Programm-Fehler ausfindig zu machen, der für alle möglichen Abweichungen vom erwarteten Funktionieren der Anwendung verantwortlich ist“, entgegnet ihm Septin leicht angesäuert.
„Jetzt stell dich nicht so an, Septin, Du weißt doch wie der Hase läuft, wir haben nicht viel Zeit, und wenn die Suppe dann doch nach oben kocht, müssen wir was Vorzeigbares vorweisen können. Du weißt doch wie der CEO Meyer tickt, der macht richtig Druck. Der ist doch im Panikmodus.“
„Ihr müsst Euch entscheiden“, Septin räkelt sich in seinem Bürostuhl, „entweder Ihr macht weiter auf Flickschusterei und Improvisation, die Euch den Schlamassel eingebrockt haben, oder Ihr bemüht Euch um eine gründliche Fehlerkorrektur. Für Ersteres stehe ich nicht zur Verfügung, überlegt es Euch.“
„Ja, ja, aber lass doch mal die Fünfe gerade sein, ich bitte Dich! Wenn der Laden hier hochgeht, ist es auch aus mit der Gründlichkeit. Das musst doch auch Du einsehen. Septin, ich bitte Dich, nimm Dir die Sache mit dem Toten vor und dem druchgedrehten Ka, damit wir den Druck aus dem Kessel kriegen. Komm lass mich nicht hängen!
„Sieh mal an, da schnurrt ja wieder unser Kätzchen“ sagt Manjeer grinsend.
„O.k., Alan, ich mache es, aber nicht, weil Du es bist“, brummelt Septin. „Und jetzt hau endlich ab und lass uns arbeiten.“

Man kommt sich schnell näher, man wird vertraulich. Noch befindet man sich im halboffiziellen, unverbindlichen Bereich, noch geht es darum Witterung aufzunehmen, was vom anderen zu halten ist, ob sich schon erste Forderungen und Vorstellungen formulieren lassen, ob sich Positionen abstecken lassen, wie groß das Entgegenkommen der Gegenseite ist. Miss van Appeldoorn beherrscht ihr Metier und CEO Meyer gibt sich Mühe dagegenzuhalten.
„Unser Unternehmen ist immer interessiert an lohnenden Investitionen, wie Sie sich denken können, Mister Meyer“ sagt sie. „Und das Produkt, das Ihre Firma anbietet, ist zweifellos interessant.“
„Das Produkt, das Incubus Inc. anzubieten hat, wird den Markt für Unterhaltungselektronik revolutionieren.“ entgegnet CEO Meyer. „Und nicht nur diesen. Es wird Sie nicht wundern, Miss van Appeldoorn, dass auch staatliche Stellen schon an uns herangetreten sind.“
„Incubus Inc. ist eine Firma, die durchaus ihre Meriten hat, Mister Meyer. Aber dieses Projekt erfordert den Einsatz von Kapital in einer Größenordnung, die die Kapazitäten von Incubus Inc. um einiges übersteigen dürfte. Ich bin nicht von meiner Geschäftsleitung befugt, schon bestimmte Zusagen zu machen, allerdings darf ich Ihnen versichern, dass wir einer Partnerschaft mit Ihrer Firma wohlwollend gegenüberstehen.“
Es schwirren Begriffe über den Tisch wie Blaupause, Quellcode, Patentrechte, Copyright, Kostendecke, Finanzvolumen, Input-Output. Während das Gespräch also phasenweise unbestimmt hin und her dümpelt, widmet man sich dem aufgetragenen Menü. Etwas unbehaglich verfolgt CEO Meyer, wie seine Verhandlungspartnerin sorgsam das Hühnchenfleisch portioniert, um es dem Mund zuzuführen.
Und dann sieht er es. Ein Piercing? Am Nasenflügel? Nein, nicht in ihrer Position. Nicht als Verhandlungsführerin eines milliardenschweren Investors. Kein Piercing, das ist Rotz. Eindeutig. Miss van Appeldoorn klebt aus welchem Grund auch immer ein Popel am linken Nasenflügel. Eine unverzeihliche Nachlässigkeit. CEO Meyer ist sichtlich verstört. Dies passt keineswegs in seine Vorstellung von souveränem Auftritt und selbstsicherem Outfit. CEO Meyer ist in einer unangenehmen Lage, weil die Gesprächs- und Verhandlungssituation noch keineswegs den Punkt erreicht hat, wo er diesen Fauxpas für sich nutzen könnte. Noch weiß er nicht, wie entschieden das Interesse des vermeintlichen Geschäftspartners ist. Noch weiß er nicht, ob er diesen Fauxpas nutzen kann für sich und seine Absichten. Noch scheint Zurückhaltung und Diskretion angesagt. Aber er kann den Blick nicht wenden von jenem prekären Punkt am linken Nasenflügel.
Miss van Appeldoorn versteht sich aufs Verhandeln. Wenn offizielle Statements nicht weiter helfen, behilft sie sich mit Abschweifungen ins Persönliche. Insgeheim stellt sie einen leichten Silberblick bei Mister Meyer fest, wenn er sie ansieht. Und er sieht sie nachdrücklich an. „Sagen Sie, Mister Meyer, sollten wir uns nicht mit den Vornamen anreden, wo unsere Unternehmen eine starke Kooperation anstreben?“
CEO Meyer hat auf diesen Punkt des Gesprächs gewartet. Es ist quasi ein Highlight seiner Gesprächsführung. Hier denkt er besonders viele Punkte zu machen, auf persönlicher Ebene sozusagen. Seine Eltern hatten ihm den eher langweiligen Namen Dirk gegeben, doch im Laufe seines Berufslebens hatten sich seine Mitarbeiter und Untergebenen angewöhnt, ihn auch in vertraulichem Gespräch mit CEO anzureden, ein Name, eine Berufung, und er selbst hatte sich angewöhnt diesen Namen zu führen. Irgendwie fühlte er sich gut an.
„Ich heiße CEO, Miss van Appeldoorn.“ sagt CEO Meyer also und will mit einer Erklärung dieses amüsanten Akronyms fortfahren. Christian Ernest Oswald, die Namen hat er sich ausgedacht. Doch er kommt nicht dazu.
Ob sie ihn falsch verstanden hat oder ob sie falsch verstehen will, ist nicht ausgemacht, jedenfalls entgegnet Miss van Appeldoorn: „Theo, ein schöner Name. Mein Name ist Conzuela, meine Freunde nennen mich Concha.“ CEO Meyer ist irritiert und fühlt sich außerstande den Irrtum aufzuklären. Da ist immer noch der Popel.
„Sagen Sie, Theo, wissen Ihre Leute, dass Sie mit uns verhandeln?“
„Deshalb bin ich CEO, damit ich immer ein paar Schritte vorausdenke“ sagt er wie beiläufig und registriert ihr wissendes Schmunzeln. Ja, man kommt sich näher. Wenn nur der Popel nicht wäre.

Das Blinken der LED zeigt Franz Ka an, dass der Bildungsprozess im Former an sein Ende gekommen ist. Endlich wird Ka wissen, was Incubus 3.0 aus seinem Nicht-Denken gemacht hat. Langsam öffnet er den Former. Noch ehe er die Tür ganz geöffnet hat, springt etwas aus dem Innern des Formers, das Ka nicht erkennen kann, so schnell bewegt sich dieses Wesen. Es rast im Wohnzimmer umher, eine Spur der Verwüstung hinterlassend. Bilder lösen sich von der Wand, krachen auf den Boden, Vasen und Gläser zersplittern, Stühle kippen um, selbst der schwere Tisch bewegt sich aus seiner Position. Wie ein panisches Tier, denkt Ka, nachdem er den ersten Schrecken abgeschüttelt hat. Ein Wiesel oder ein Frettchen, vermutet er und zweifelt doch sofort wieder, weil dieses Wesen weitaus größer ist, als es solche Tiere sind. Das Holz einer der beiden Türen seines Wohnzimmerschranks zerbirst unter dem Aufprall des Wesens. Stille dann. Es bewegt sich nicht mehr. Nichts bewegt sich im Raum, selbst die Zeit steht still und Ka hält den Atem an, so als könnte er damit sicherstellen, dass das Wesen nicht von Neuem zu toben beginnt. Lange hält er das nicht durch, aber er versucht so geräuschlos wie möglich zu atmen, um das Wesen nicht aufzuscheuchen. Vielleicht ist es tot, vielleicht hat es sich den Kopf eingeschlagen, das Genick gebrochen, hoffentlich ist es tot, denkt Ka, noch immer leise atmend und nach einer Weile unschlüssig zwischen den Gedanken hin- und herpendelnd, etwas tun zu müssen und doch nicht zu wissen, ob er nicht schlecht geträumt hat. Ka beschließt, der Frage, ob er träumt, nicht weiter nachzugehen, da aus ihrer Beantwortung keinerlei Konsequenz für sein Verhalten in dieser Situation erwächst. Stattdessen entscheidet er sich dafür, nach dem Wesen zu sehen. Vorsichtig nähert er sich dem Schrank, öffnet langsam die zerstörte Tür und geht zitternd in die Knie, als er ins Innere blicken kann. Der Anblick des im Innern des Schrankes Verborgenen verdunkelt seinen Blick vom Rand her und treibt Ka an die Grenze zur Ohnmacht. Ein Schock, der in Wellen seinen Körper durchquert. Da kauert ein Kind, den Kopf gesenkt, die Hände um die Knie geschlungen. Nachdem das Beben in seinem Leib nachgelassen hat, registriert Ka ein leichtes Heben und Senken der Kinderbrust. Es atmet. Es lebt. Fünf Jahre alt, könnte es sein, schätzt Ka und streckt eine Hand nach dem Kind aus, streicht sanft über dessen Haare, woraufhin das Kind seinen Kopf hebt und in Richtung Ka blickt. Das Gesicht ist Ka vertraut. Und darüber erschrickt Ka erneut aufs Heftigste. Nimmt das denn gar kein Ende, geht es Ka durch den Kopf, und dass er ruhig bleiben muss, um aus dieser Situation heil herauszukommen. Und wie vor nicht allzu langer Zeit besinnt er sich darauf, durch Atmen und die Vorstellung, alles untergehen zu lassen, sein inneres Gleichgewicht wiederzuerlangen.
„Komm“, sagt Ka, „komm raus! Brauchst keine Angst zu haben. Komm, gib mir Deine Hand, ich helfe Dir raus.“
„Lass mich, fass mich nicht an, ich will hier drin bleiben“, blafft das Kind Ka an.
„Na, gut. Wie Du willst. Aber wenn Du Hunger bekommst, meldest Du Dich, ja? Ruf einfach, ich heiße Franz.“
„Weiß ich, ich bin auch ein Franz.“

Fortsetzung folgt