Teil 4

Das Gerät steht in der Mitte des Raumes. Ein weiß lackierter, aufrecht stehender Quader von monolithischer Strenge und Schlichtheit. Durch die große Fensterfront fällt das Licht der Spätsommersonne und bricht sich schimmernd an der abgerundeten Kante des Incubus 3.0. Die fünf Männer umstehen den kühlschrankgroßen Kasten und beobachten andächtig, wie die LED-Anzeige runter zur Null zählt. Dann macht es „Bing“ wie bei einer Mikrowelle und Alan Green öffnet die Klappe des Incubus, greift hinein und befördert etwas zutage, das er dann triumphierend in die Höhe hebt.
Voilà,“ sagt der Chefentwickler. „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ Er reicht die materialisierte Baccara-Rose CEO Meyer, der neben ihm steht. Dieser betrachtet das Objekt anerkennend von allen Seiten und nickt zufrieden. „Gute Arbeit, Green. Die Materialisationen sind erstaunlich wirklichkeitsecht, ich muss schon sagen. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert.“
Das ist die Wirklichkeit!“, entgegnet Alan Green, während er den Hirnscanner vom Kopf nimmt.
Inzwischen hat Thorben Marxheimer die Blume an sich genommen und studiert sie breit grinsend. „Ich wusste gar nicht, dass du über solch eine botanische Vorstellungskraft verfügst, Alan.“ Bei dem Vertriebsleiter weiß man nie so genau, wie viel Ironie er seinen lobenden Worten beigibt.
Der Chefentwickler spart sich einen Kommentar, die Edelrose ist Antwort genug. Er spart sich auch den Hinweis, dass er für ihre Materialisation sich der firmeneigenen Datenbank bedient hat.
Die Rückmeldungen unserer Testkunden sind zu 98 Prozent begeistert bis euphorisch. Incubus 3.0 wird einschlagen wie die Erfindung des Rades. Wir werden den Markt revolutionieren! Wir werden uns vor Bestellungen nicht retten können! Wir werden abräumen, das hat die Welt noch nicht gesehen! Da kann die Konkurrenz einpacken auf alle Zeit! Sorry, sorry, sorry.“ Marxheimers Begeisterung droht die Dimension überwältigter Erst-User zu erreichen. „Willst du uns nicht mal ein paar Flaschen Pommery generieren, Alan?“ Überschwänglich klopft er seinem Kollegen auf die Schulter.
Inzwischen hat Bruno Septin die Rose in der Hand. Septin ist deutlich zurückhaltender. Er schnuppert an der Blüte, dann sagt er: „Cognac.“
Marxheimer starrt verblüfft auf den wiedergekehrten Star der Entwicklungsabteilung der Firma Incubus, dann ruft er lachend: „Wenn du lieber Cognac trinkst, Septin, dann soll Alan dir eben einen Hennessy herzaubern. Das wird kein Problem sein, nicht wahr, Alan? Oder bevorzugst du eine andere Marke?“
Die Rose riecht nach Cognac“, stellt Septin trocken fest und reicht die Blume weiter zu seinem Assistenten. Prakash Manjeer schnuppert und nickt. „Cognac, eindeutig.“
CEO Meyer schnappt sich die Rose und tunkt seine Nase in die roten Blütenblätter. „Tatsächlich. Sie riecht nach Cognac“, murmelt er. Auch Chefentwickler und Vertriebsleiter überzeugen sich von dem Befund, dann sagt Alan Green: „Es gibt noch ein paar Baustellen im olfaktorischen Bereich, CEO. Aber das sind Petitessen, die wir spätestens in der nächsten Generation des Incubus beseitigt haben werden. Jedenfalls sind diesbezügliche Kundenrückmeldungen und Reklamationen marginal.“
Trotz dieser beschwichtigenden Worte hat sich eine Wolke vor CEO Meyers eben noch heiterste Gemütsverfassung geschoben. Er steckt den langen Stiel der Blume in eine bereitstehende Vase. Sein Blick wird nachdenklich. Er denkt an Miss van Appeldoorn, Conzuela van Appeldoorn, Concha für Freunde. Die Verhandlungen sind weit fortgeschritten und befinden sich jetzt in einem heiklen Stadium. Es wird Zeit, dass er Miss van Appeldoorn endlich etwas Handfestes präsentieren kann. Der Chef der Firma Incubus reibt sich sein kantiges Kinn.
Ohne den Blick von der Vase zu wenden, sagt er: „Hast du nicht gesagt, dass alle Probleme gelöst seien, Green? Sind wir nicht deshalb hier? Haben wir uns nicht aus diesem Grund hier im Labor getroffen, weil du uns vorführen wolltest, wie reibungslos der Incubus 3.0 nun funktioniert?“ Meyers Stimme ist ruhig, fast tonlos und lässt nichts Gutes ahnen. Septin und sein Assistent halten sich im Hintergrund und schweigen. Auch Marxheimer hält es für geraten nichts zu sagen. Doch ein breites Grinsen steht nach wie vor in seinem Gesicht, eingefroren, wie auf Abruf.
Der Chefentwickler hat sich neben seinen Chef gestellt. „Das sind die üblichen Verzögerungen und Handicaps bei der Produktentwicklung. Das weißt du doch, CEO. Herrgott, es ist eine Rose, nur eine Rose. Der Incubus 3.0 ist in der Lage wesentlich komplexere Objekte zu schaffen als eine Blume mit roter Blüte, wie du weißt. Wen kümmert es da, ob die Rose nach Cognac riecht?“
Unverwandt starren die beiden Männer auf die langstielige rote Schönheit in der Vase. Zunächst unmerklich, doch dann immer deutlicher wahrnehmbar beginnen die Konturen von Stiel und Blüte sich aufzulösen, die Farben verblassen und schließlich ist die Blume wie durch Geisterhand verschwunden und die Vase bleibt leer zurück.
Na, wenigstens funktioniert die Dematerialisierung problemlos“, sagt Meyer.

Das Kind sitzt im Schrank, Ka glaubt, dass das Kind im Schrank sitzt. Ein Junge, der nicht aus dem Schrank herauskommen will, bis jetzt nicht herausgekommen ist. Wie viele Stunden sind vergangen, fragt sich Ka, seitdem das Kind aufgetaucht ist, das er im ersten Moment für einen wieselähnlichen Derwisch gehalten hat, der sein Wohnzimmer verwüstet hat und seinen Verstand. Er weiß es nicht. Aber er weiß, dass er den Jungen schon einmal gesehen hat, auch wenn er sich jetzt nicht daran erinnern kann, wo und wann er ihn gesehen hat. Das Gesicht kommt ihm bekannt vor. Aber er will sich jetzt nicht anstrengen, in seinen Erinnerungen zu kramen, um die passende hervorzuziehen, die ihm Klarheit bringen kann. Er ist ganz auf die augenblickliche Situation konzentriert, sitzt in ihr fest, hockt in der Küche und wartet auf eine Fortsetzung, darauf, dass sich etwas rührt, dass sich das Kind bewegt, nach draußen kommt. Aber im Wohnzimmer ist es ruhig, er vernimmt keine Regung. Es macht ihm Angst. Er traut sich nicht, etwas zu tun, sitzt weiter in der Küche und wartet darauf, dass sich das Kind, das sich Franz nennt, meldet. „Ich bin auch Franz“, hat es gesagt, und dann nichts mehr. Ka gießt sich ein Glas Wein ein. Ruhe. Nochmal durchgehen, was passiert ist, überlegen, was er jetzt tun kann. Ein Kind in seinem Schrank, gezeugt aus seinem Nicht-Denken, seinem Denken an nichts. Ein Fehler der Maschine oder ein Defekt seines Denkens? War er nicht leer genug, sein Hirn nicht inaktiv genug, als er den Scanner aktiviert hat, oder ist die Maschine auf nichts nicht eingestellt. Einerlei, da ist etwas in dem Schrank seines Wohnzimmers, er hat es doch nicht geträumt. Ob er doch mal nachschauen soll, schließlich kann er nicht für immer in der Küche ausharren, bis sich etwas regt. Vielleicht ist es verschwunden, wie die Dinge, die er vorher mit dem Incubus 3.0 produziert hat. Wäre doch möglich, dass sich das Kind verflüchtigt, ins Nichts auflöst, das doch die Grundlage gewesen ist für seine Entstehung. Kaum hat sich Ka dem Schrank angenähert, erhöht sich sein Puls wieder, werden seine Schritte unsicherer, zieht Zittern wellenartig durch seinen Leib. Atmen, ruhig ein- und ausatmen, es kann doch nicht sein, dass er sich vor einem Kind ängstigt, denkt Ka. Er öffnet vorsichtig die Schranktür. Franz, das Kind, hockt noch immer so da, wie Ka es in seiner Erinnerung zurückgelassen hat. Er streckt die Hand aus, fährt dem Kind über die Haare, die sich nicht wie Haare, eher wie Katzenfell anfühlen. Das Kind hebt den Kopf, richtet seinen Blick auf Ka und stößt seine Hand zurück.
Geh, dann komme ich raus“, sagt es. Ka steht, auf tritt ein paar Schritte zurück, das Kind windet sich aus dem Schrank, geht auf ihn zu und klammert sich mit beiden Händen an sein Bein.
Ich habe Hunger,“ hört Ka es sagen und verspürt im nächsten Augenblick einen heftigen Schmerz in seinem Oberschenkel. Es hat zugebissen. Reflexartig will er das Kind von sich stoßen, aber es hängt an seinem Hosenbein. Ka lässt sich auf seine Knie fallen und packt das Kind, um es dann mit voller Kraft von sich wegzustoßen. Geschafft. Das Kind kracht gegen ein rechteckiges Tischbein, fällt zu Boden. Schreit, greift sich an seinen Hinterkopf, schreit lauter, Blut an der Hand, Blut auf dem Teppich. Nicht viel, genug aber, dass Ka zu spüren glaubt, wie eine heiße Flüssigkeit schubweise in seinen Kreislauf gepresst wird. Peitschenhiebe von Hitze passieren seine Adern und blitzartige Reue durchquert sein Denken. Was hat er da nur gemacht? Auf allen vieren kriecht er zu dem Kind, nimmt es in seine Arme und drückt es an seine Brust, wiegt es hin und her, um es und auch ihn zu beruhigen. Und tatsächlich beruhigen sich beide. Ka schaut sich den Kopf des Kleinen an. Ein kleine Wunde am Hinterkopf, die schon nicht mehr blutet, stellt er fest, nicht schlimm also. Ka steht auf, geht mit dem Kleinen an der Hand in die Küche, setzt ihn auf einen Stuhl.
Lust auf ein Müsli?“, fragt Ka den Jungen.
Ja, – und dann, Nudeln mit Tomatensoße, mach mir Nudeln mit Tomatensoße, kannst Du das, Nudeln mit Tomatensoße?“
Klar, kann ich das. Mach ich Dir. Wie willst du Dein Müsli, mit Milch oder mit Saft?“
Mit Schokostückchen“, sagt der kleine Junge bestimmt.
In dem Müsli, das ich habe, sind leider keine Schokostückchen, willst Du nun Milch oder Saft?“
Schokostückchen, ich will Schokostückchen“, brüllt der Junge los.
Beruhige Dich, ich kann Dir nachher ein Schoko-Müsli …“, weiter kommt Ka nicht, denn in diesem Augenblick ist der Junge vom Stuhl aufgesprungen, auf Ka zugestürzt und hat ihn gebissen. Diesmal nicht ins Bein, sondern in die Hand. Einmal und kräftig. Noch ehe Ka darauf reagieren kann, rennt der Junge aus der Küche, hinein ins Wohnzimmer. Ka folgt ihm, sieht wie der Junge sich wieder in den Schrank kauert. „Nicht schlagen, schlag den Franz nicht, bitte, nicht schlagen, Papa.“

Inzwischen haben dienstbare Geister einen kleinen Imbiss für die Herrenrunde ins Labor hereingebracht, was die Atmosphäre wieder ein wenig entspannt. Etwas abseits von den anderen sagt Prakash zu Septin: „Das sollte heute seine Show werden, hat Green getönt. Bisher läuft´s wohl nicht so, wie er sich das dachte. Meyer schaut, als hätte der Incubus gerade seine Lieblingsschwiegermutter hergezaubert.“
Nein, es läuft gar nicht gut für Green und ich fürchte, es kommt noch dicker. Warum muss er den Mund auch so voll nehmen“, gibt Bruno leise zurück.
Der Vertriebsleiter gesellt sich zu den beiden. Er hat seine gute Laune wieder gefunden und ruft laut, aber kaum verständlich: „Es geht doch nichts über echte Räucherlachsschnittchen, nicht wahr, Jungs?“ Was an einem jener Schnittchen liegt, auf dem er herumkaut.
Derweil berichtet der Chefentwickler von der Kundenresonanz auf jene wesentlich komplexere Objekte, die die Anwender mittels des Incubus 3.0 in die Welt setzten. Er bemüht sich um einen heiteren Tonfall, denn das Misstrauen CEO Meyers bleibt ihm natürlich auch nicht verborgen. Lang, breit und blumig erzählt Green von den überschwänglichen Danksagungen eines Ehepaares, das sich unabhängig voneinander bei Incubus Inc. bedankte, weil der Incubus 3.0, dieses Wunderding, ihre Ehe nicht nur gerettet, sondern auf eine neue Stufe gestellt habe. „Wenn der Mann auf Arbeit ist, lässt seine Frau zu Hause sich von unserem Incubus nämlich eine Kopie von ihm materialisieren, die dem Original bis aufs Haar gleicht, aber ganz ohne dessen Macken und Allüren. Endlich habe sie ihren Traummann und nie habe sie lieber ihrem Manne morgens die Frühstücksbox in die Aktentasche gepackt und sie bedauert nur eines, dass nämlich in Kürze der Jahresurlaub ansteht und sie dann unseren Incubus nicht nutzen kann.“ Dann fügt Alan Green schmunzelnd hinzu: „Ihr Mann verfährt im Übrigen ähnlich, wenn sie zum Kaffeekränzchen bei der Freundin ist. Man kann also sagen, dass unser Incubus geradezu therapeutische Fähigkeiten besitzt.“
CEO Meyers Miene hellt sich tatsächlich auf. Er beschließt diesen amüsanten Fall demnächst im Gespräch mit Miss van Appeldoorn anzubringen. Vielleicht auch die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das nicht länger auf den Weihnachtsmann warten wollte, auch wenn es erst Juli war. Und das deshalb sich des Incubus bediente, aber dieser konnte ihr dann leider nur ihren Papa liefern. „Woran man aber sieht, dass die Bedienung des Incubus 3.0 kinderleicht ist“, hatte Green seinen Bericht beendet.

Chef?“
Manteufel, was ist denn?“
Manteufel lässt sich durch die Brummigkeit seines Chefs nicht aus der Ruhe bringen. Er hat gelernt, mit dessen schlechter Laune zurechtzukommen. Einfach ignorieren und vor allem nicht auf sich beziehen, damit sie nicht ansteckend wirkt.
Im Schmitt-Fall gibt es ein Problem …“
Wie oft, soll ich Dir denn noch sagen, dass wir keine Probleme brauchen, Lösungen, Manteufel, wir brauchen Lösungen und ganz viel Beweise, wann kapierst Du das denn?“
Okay, geschenkt, also im Schmitt-Fall gibt es eine neue Wendung, jetzt besser?“
Idiot.“ Ein Grinsen huscht über Kommissar Kleinfelds Gesicht.
Der van der Weiden, wir haben ja gedacht, der Fall ist eingetütet, aber der van der Weiden hat doch noch einen Zeugen aufgetrieben. Ist ein Putzmann, der hat ihn in der Firma gesehen, zur gleichen Zeit, zu der die Aufzeichnung in Schmitts Wohnung gemacht worden ist.“
Ist der denn zuverlässig?“
Liegt jedenfalls nichts vor gegen ihn und irgendwelche Beziehungen zu van der Weiden hab ich nicht entdecken können.“
Könnte es sein, dass van der Weiden recht hat und der Film tatsächlich gefakt ist“, fragt Kommissar Kleinfeld.
Nö, hab ich prüfen lassen. Unsere Leute haben nichts gefunden, dass darauf hindeutet, dass an der Aufzeichnung was manipuliert worden ist.“
Also ein Doppelgänger, wie blöd ist das denn, das kann doch nicht wahr sein!“
Ist es auch nicht. Wir haben ja Fingerabdrücke van der Weidens in Schmitts Wohnung gefunden. Die sind aber nicht ganz brauchbar, merkwürdig ist, dass die so einen merkwürdigen Fleck aufweisen, auf dem keinerlei Linien verlaufen, nicht, dass die da irgendwie an einer Stelle verwischt sind, nein, als wären sie dort einfach verschwunden oder verdeckt, einfach ein Loch im Abdruck. Aber wir haben eine Stimmprobe von van der Weiden, gut, dass wir die von ihm aufgenommen haben, denn die Stimmanalyse vom Filmmaterial hat noch mal bestätigt, dass es sich um van der Weiden handeln muss.“
Verdammt, Manteufel! Das passt mir jetzt so gar nicht. Dachte, den Fall können wir abhaken.“
Das Dumme ist, dass wir keine Spur haben, die uns aus der Zwickmühle führen könnte, da ist nichts, ich habe jedenfalls keine Idee, wie wir jetzt weiter machen können. Im Film sagen die dann ja immer, noch mal von vorne, aber gründlicher.“
Im Film, Manteufel, mehr fällt Dir nicht ein?“, blafft Kommissar Kleinfeld, mildert das Blaffen aber mit einem Augenzwinkern ab.
Nicht wirklich, Chef, bleibt ja nicht viel übrig. Wir könnten den Zeugen bearbeiten, bis dem einfällt, dass er sich geirrt hat, oder van der Weiden beackern, bis der doch noch gesteht.“
Na, toll! Was ist eigentlich mit dem komischen Kühlschrank und dem Helm? Hast Du Dich da drum gekümmert?“
Warte noch auf die Auskunft der Firma, das dauert in Amiland, bis die mal eine Anfrage aus Deutschland bearbeiten.“

Schön, schön, Alan,“ sagt Meyer und reicht dem Chefentwickler persönlich ein Glas Orangensaft. „Was ist denn nun aber mit diesen ominösen Phänomenen, um die ihr so viel Wind gemacht habt? Die verzögerte Dematerialisierung in einigen Fällen bzw. die schadhaften bzw. die falschen Produkte des 3D- Druckers. Habt ihr die Ursache endlich gefunden, Alan? Und was hat diese Sache mit der Polizei zu bedeuten, die plötzlich hier auftaucht und Fragen stellt zu unserem kleinen Wunderding, von dem sie eigentlich gar nichts wissen sollte? Du weißt, in puncto Produkthaftung muss der Incubus wasserdicht und bombensicher sein, bevor wir ihn endlich auf die Menschheit loslassen können. Da können wir uns tatsächlich keine Nachlässigkeiten erlauben. Aber andererseits…“ Er macht eine Kunstpause. „Die Zeit ist reif, die Welt wartet auf den Incubus 3.0.“
Auf diesen Punkt wollte ich jetzt zu sprechen kommen,“ beginnt Green und versucht den Optimismus eines Immobilienmaklers zu verströmen, als er in die erwartungsvollen Gesichter blickt. In das des Vertriebschefs hat sich zu dem Dauergrinsen ein Stirnrunzeln gesellt. „Wie gesagt, das sind verschwindend wenige Vorkommnisse, in denen die zeitliche Limitierung überschritten wird …“
Diese wenigen Vorkommnisse können Incubus Inc. das Genick brechen, Green“, unterbricht ihn CEO Meyer.
Aber das haben wir im Griff,“ setzt Green wieder an. „Das ist noch eine Sache von ein paar Tagen, vielleicht eine Woche, nicht wahr Bruno? Nun sag du doch auch mal was!“ Er wendet sich Hilfe suchend an seinen ehemaligen Vorgesetzten.
Bruno Septin zuckt die Schultern. „Ich habe euch gesagt, dass es kompliziert werden kann. Von Anfang an“, antwortet er endlich. „System und Gründlichkeit. Ich habe es immer gesagt. Aber ihr wolltet nicht warten.“
CEO Meyer winkt ab. Er hat keinen Bedarf an einer weiteren Rechthaberei des ehemaligen Firmengenies, schlimm genug, dass sie Septin um Rat und Hilfe angehen mussten. Nicht noch eine Gardinenpredigt also bitte! „Das aber nur am Rande.“ Bruno nimmt den Faden wieder auf: „Was die Überschreitungen des vorgesehenen Zeitfensters betrifft als auch die schadhaften oder falschen Materialisationen, so wissen wir zwar noch nicht ganz genau Bescheid, aber wir haben eine brauchbare Arbeitshypothese, nämlich dass das Problem nicht in der Software und nicht in der Hardware besteht, nicht in dem Hirnscanner und nicht in dem 3D- Drucker. Nach jetzigem Stand ist auch mit den Algorithmen und auch der sonstigen Programmierung soweit alles in Ordnung. Das Problem ist das Hirn des Nutzers, wie es scheint.“
Meyers Gesichtsausdruck hat sich dem des Vertriebsleiters angepasst, das nun mehr aus Stirnrunzeln denn aus Grinsen besteht. Doch Alan Green klatscht begeistert in die Hände. „Verstehst du, CEO? Unser Incubus 3.0 ist nicht die Ursache, unser Incubus 3.0 ist perfekt! Wie ich es schon immer gesagt habe.“
Und nun erteilt er Prakash Manjeer das Wort und der Inder beginnt mit einem Redeschwall aus Fachbegriffen, die den einstweiligen Befund der Task Force erklären soll, wobei Vokabeln wie „Neuronale Verknüpfungen“ und „Brionen“ noch die verständlichsten scheinen, obwohl CEO Meyer auch mit ihnen nichts Rechtes anfangen kann. Er merkt nur, dass ihm der Kopf schwirrt und er sich Sorgen zu machen beginnt um sein eigenes Gehirn. Er blickt auf den seltsamen Inder in seiner Wickelhose und ruft verzweifelt: „Verschone mich vor deinem Fachchinesisch, Prakash! Ich verstehe davon nicht mal die Hälfte der Hälfte der Hälfte.“ Dann aber wendet er sich wieder an seinen Chefentwickler: „Das heißt also, unser Gerät ist marktreif und wir können endlich in Serie gehen? Willst du das damit sagen, Alan?“
Green sagt kein Wort, aber sein Grinsen ist breiter als das Marxheimers. Bruno Septin indessen blickt verdrossen. Nun ergreift der Betriebsleiter das Wort: „Alan hat mich vorab schon zum Teil informiert und ich habe Rücksprache mit unserer Rechtsabteilung gehalten. Sie wollen sich nicht so richtig festlegen, was Haftung und Gewährleistung betrifft. Einerseits sagen sie, dass die Verantwortung für schadhafte Materialisationen in diesem Falle wohl bei den Nutzern läge und Incubus Inc. raus wäre, sie sind sich aber nicht sicher, dass das jedes Gericht ebenso sieht, sollten wir von Kunden aus diesen Gründen verklagt werden. Viel hängt von den Formulierungen ab, wie wir vor Risiken und Nebenwirkungen warnen, sagen sie.“
Dann müssen sie sich in der Rechtsabteilung auf ihren Hintern setzen und die entsprechenden Formulierungen formulieren“, ruft CEO Meyer. Er weiß nicht, ob er jubeln oder hadern soll. So ganz will er dem Braten nicht trauen. Aber er weiß, dass die Zeit drängt.

Milena, immer noch in Kas Küche liegend, braucht etwas Zeit, sich zu orientieren. Ein ziemliches Durcheinander von Geschirrtrümmern und Besteckteilen auf dem Boden, die Tür zum nächsten Raum leicht geöffnet, dahinter Stimmen, die lauter werden. Milena steht auf, streicht ihr Kleid zurecht und sieht, wie sich die Tür weiter öffnet und ein bärtiger Mann die Küche betritt.
Ich frage Sie jetzt nicht, wie Sie hereingekommen sind. Ich heiße Sie willkommen in unserer Runde. Wie ich sehe, hat Herr Ka es vorgezogen, uns zu verlassen. Ich hoffe für nicht allzu lange Zeit. Was ist Ihr Spezialgebiet, meine Liebste.“
Manchmal braucht es nur einen kleinen Pikser, um aus einem Gefühl des Überrascht-Seins oder dem Eindruck des Unwirklichen gerissen zu werden. Das ist auch bei Milena so.
Was erlauben Sie sich. Ich bin nicht Ihre Liebste“, fährt Milena den Mann an.
Entschuldigen Sie bitte, ich weiß, es ist nicht einfach, für keinen von uns. Aber ehe wir uns unserer Aufgabe zuwenden, darf ich mich Ihnen vorstellen …“
Dürfen Sie“, wirft Milena ein.
Ich bin Professor Krähe und Sie sind?“
Milena, nennen Sie mich Milena.“
Bitte folgen Sie mir, damit ich Ihnen die anderen Herren vorstellen kann. Ich bin froh angesichts der Komplexität des Falles, dass sie uns unterstützen. Was ist Ihr Fachgebiet, Milena?“
Noch ehe sie antworten kann, wendet sich Professor Krähe um und geht in Richtung Nebenzimmer, das Esszimmer Kas. Auch hier ein Durcheinander, umgestürzte Stühle, zerbrochene Vasen und zerbrochene Bilderrahmen. Auf dem Esstisch eine Art Käfig, in dem ein Junge hockt, der in Milenas Richtung stiert. An dem einen Fenster des Raums lehnen zwei Männer, einer davon in einem weißen Arztkittel, der sich sofort Milena zuwendet.
Wie schön, eine Kollegin, …. eine Frau könnte hilfreich sein, einen Zugang zu dem Jungen zu bekommen.“
Milena nimmt sich zusammen, weist Erstaunen und Schock zurück, wie man ungebetenen Gästen die Tür weist, um nicht in eine panische Lähmung zu verfallen. Das kostet sie viel Kraft, weshalb sie zittert.
Aber, aber, Milena“, der Bärtige fasst sie am Arm, „es gibt keinen Grund nervös zu sein. Sie werden schon sehen, und vor allem lassen Sie sich von diesem Anblick nicht zu falschen Annahmen verleiten. Das hier ist keine Sache von Gut und Böse. Aber, ehe wir in medias res gehen, Milena, das ist Dr. Andresen“, er weist auf den Weißkittel, „und Herr Septin.“
Wo ist Herr Ka?“, fragt Dr. Andresen, „Wir brauchen ihn, denn eine Störung ist immer Ausdruck für ein aus dem Ruder gelaufenen System, und wenn wir ganz ehrlich sind, so wie sich Herr Ka uns gegenüber aufgeführt hat, liegt es doch auf der Hand, dass hier familiär einiges im Argen liegt, um es mal vorsichtig auszudrücken.“
Fakt ist,“ hakt Dr. Krähe ein, „dass wir nicht wirklich weitergekommen sind, der Junge redet nicht, beißt, kratzt und tritt nur noch, weshalb zu unserem Selbstschutz eine solche Unterbringung die Ultima Ratio gewesen ist, zumal auch Herr Ka eine Pause benötigt hat.“
Meine Herren, meine Herren, darf ich Sie, daran erinnern, dass wir uns nicht nur auf dieser Ebene der Situation zu stellen haben,“ mischt sich Septin ein.
Bevor wir uns der Ursachenforschung zuwenden können, das sehen Sie ja, müssen sich ja nur mal umschauen, gilt es die Situation zu entschärfen. Pragmatisch gesprochen, einen Status herbeiführen, auf dem man dann richtig arbeiten kann.“
In diesem Augenblick klopft Ka an die Scheibe, macht Faxen davor und, drinnen hört man ihn kaum, singt: „Hollahi, Hollaho, horch was kommt von drinnen rein, wird wohl mein fein Ende sein, Hollahi, Hollaho!“ Hüpft noch ein paar Male vor dem Fenster und verschwindet wieder.
Wir müssen dafür sorgen, dass Herr Ka wieder hereinkommt. Wir müssen verhindern, dass er zum öffentlichen Ärgernis wird, unbedingt“, sagt Septin, „Sie wissen, was uns sonst droht. Behördliche Untersuchungen. Das ist das Letzte, was wir in dieser Situation brauchen.“