Teil 5

„Fuck, Fuck, Fuck!“ CEO Meyer ist im Begriff jegliche Contenance zu verlieren. Er weiß gar nicht, über wen er sich mehr ärgert. Über seinen Chefentwickler Alan Green, der so großspurig behauptet hatte, dass nun alle aufgetretenen Probleme mit dem Incubus 3.0 endgültig gelöst und behoben seien. Oder über diese jämmerliche Gestalt vor ihm, die ihn mit einem triefäugigen Blick anstarrt, wie ihn kein rachitischer Basset besser hinkriegt. Aber am meisten ärgert CEO Meyer sich über sich selbst und seine verfluchten Anfälle morgendlicher Selbstbespiegelungen im Badezimmer. Welcher Teufel hatte ihn nur geritten, dieses kleine Experiment durchzuführen? Meet yourself! – Schwachsinn! Nur weil es mal wieder in ihm genagt hatte, weil er sich überzeugen wollte, wie es denn um ihn bestellt sei. Nur weil es ja völlig gefahrlos war, im schlimmsten Fall war der Spuk nach einer Viertelstunde vorüber, hatte er gedacht. Oh, er könnte diesem verfluchten Alan Green an die Gurgel gehen! Aber es hilft nichts, in einer Stunde kommt Miss Appeldoorn, um sich den Incubus 3.0, diese Wunderwunschmaschine, endlich persönlich anzusehen und wenn dieser Termin einigermaßen schadlos über die Bühne geht, dann ist der Käse gerollt, der Deal so gut wie unter Dach und Fach, davon ist CEO Meyer überzeugt. Dann fließen die Milliarden.
Nur diese Figur vor ihm kann er dabei überhaupt nicht gebrauchen. Zornig starrt er auf das schmächtige, schmalschultrige Männlein vor ihm, in das fahle, fast konturlose Gesicht, aus dem wie zum Hohn ein kantiges Kinn herausragt. Meyer kann und will sich nicht beherrschen. Immer wieder schlägt er auf sein Gegenüber ein, das zum Schutz die Arme hochgerissen hat, und schreit wieder und wieder: „Verschwinde! Verschwinde endlich! Hau ab!“ Aber nichts passiert. Der vorgesehene Zeitpunkt der Dematerialisation ist schon lange überschritten, doch die Gestalt macht nicht die geringsten Anstalten sich wie vorgesehen wieder in nichts aufzulösen. Verzweifelt springt CEO Meyer erneut zu dem großen Metallkasten in der Mitte des Labors und hackt auf der Tastatur herum, zieht den Stecker, stöpselt ihn wieder ein. Er zieht sich den Hirnscanner über die Stirn und versucht sich auf etwas zu konzentrieren. Sein Blick fällt auf die jämmerliche Gestalt, die ihn ihrerseits beobachtet, triefäugig, stumm und ohne Regung. Verzweifelt greift CEO Meyer zum x-ten Mal zum Handy, um Green zu erreichen oder Septin oder Manjeer, irgendeinen Techniker, der ihn aus diesem Schlamassel befreit bzw. ihm diese Unglücksfigur vom Halse schafft. Mit Grauen denkt er an die Peinlichkeit, an die Demütigung, die ihn erwartet, weil die Technikabteilung seinen Doppelgänger eliminieren muss und ausgerechnet diesen Doppelgänger. Aber nichts passiert, niemand ist erreichbar und Meyer verflucht seine Idee, den Besuch von Miss Appeldoorn auf einen Termin gelegt zu haben, wo in der Firma höchstens noch der Hausmeister und der Wachdienst anwesend sind.
Sein Handy klingelt und Meyer atmet auf, doch als er auf dem Display den Anrufer erkennt, zuckt er zusammen. „Nun reiß dich zusammen!“, fährt er sich selber an, dann nimmt er das Gespräch entgegen.
Im Beste-Laune-Modus schreit er fast ins Mikrofon: „Ah, Miss Appeldoorn, Concha! Sie sind schon hier? Sie stehen schon vor der Tür und niemand holt Sie ab? Eine unverzeihliche Nachlässigkeit, Verehrteste … Ich bin schon unterwegs. Warten Sie noch ein, zwei Minuten, ich bin gleich bei Ihnen.“
CEO Meyer verstaut sein Handy und tritt an den anderen heran, der jede seiner Bewegungen aufmerksam, aber stumm verfolgt. Meyer packt die Materialisation, die ihm so gar nicht aus dem Gesicht geschnitten ist, ausgenommen das mächtige Kinn, das aber in dem teigig-fahlen Rest wie eine Karikatur wirkt. Er packt sein Alter Ego, das sich weigert, sich wieder aufzulösen und die Szene zu verlassen, an den Schultern und schiebt es vor sich her bis zu einer Tür in der Ecke des Labors, hinter der in einem Kämmerchen Putzgerät und andere Utensilien aufbewahrt werden. „Hier bleibst du und rührst dich nicht, verstanden! Und keinen Mucks!“ Aber gesprächig war dieses Wesen ohnehin nicht. Dann macht Meyer sich auf den Weg, um Miss Appeldoorn abzuholen.

 

Ka weiß nicht, wohin er geht, nicht einmal, dass er sich von seinem Wohnhaus wegbewegt, durch die Straßen des Viertels torkelt, in dem er so lange gelebt hat. Er hat kein Ziel und keine klare Erinnerung mehr an das, was er in den letzten Stunden erlebt hat. Was seine Augen vom Draußen noch einlassen, vermischt sich mit einer Flut innerer Bildern, die sich in rascher Folge überlagern: der kleine Junge mit den Haaren wie ein Fell, das Wiesel mit seinem Gesicht, im Schrank, im Käfig, tobend, heulend, ein Junge, der sich in ein Wiesel verwandelt, ein Wiesel, das ein Kind ist, ein Kind, das seine Gesichtszüge trägt, das Kind, das Papa zu ihm sagt, sich in seinem Schoß zusammenkrümmt, ihn umarmt, ihn beißt, das Papa zu ihm sagt, wie er Papa gesagt hat, als er Kind war, das Franz heißt, wie ihn seine Eltern genannt haben, wie ihn alle nennen, die ihn kennen, Franz, einfach Franz, der keine Eltern mehr hat, aber nun ein Wiesel mit seinem Gesicht, das ein Kind ist, das seines sein kann, das er sein kann, das kratzt, beißt tritt, ihm wehtut, wie ihm sein Vater wehgetan hat, damals, vor dem Feuer, der ihn in die Ställe mitgenommen hat, der den Tieren übers Fell gestrichen hat, der ihm mit seinen groben Fingern durchs Haar gefahren ist, der ihn geprügelt hat, damals, vor dem Feuer, und danach nicht wieder, die heiße Wand, das tierische Schreien dahinter, hinter dem Feuervorhang sein Vater, vor den Käfigen hockend, mit einem Wiesel im Arm oder ein Nerz oder das Kind, das er gewesen ist, oder das Kind, das ein anderes ist, in seiner Wohnung, im Schrank, im Käfig, mit den Männern drumherum, die auf ihn einreden, die auf das Kind einreden, bis die Klingel ertönt, die ihn in die Pause schickt, wo er die anderen Jungs trifft, denen er nichts sagt, sowenig er den Männern etwas gesagt hat, sowenig der Junge ihnen etwas gesagt hat, der Junge mit dem Katzenhaar, dem Wieselhaar oder dem Nerzhaar, so genau kennt er sich nicht aus, sein Vater hätte es gewusst, damals gewusst, vor dem Feuer und dem Gestank von verbranntem Fell, was die Nachbarn zum Hof gelockt hat, denen er auch nichts gesagt hat, von den Schlägen und Tritten, den groben Fingern in seinem Haar, den Fellresten in seinem Haar und den anderen schlimmen Sachen, dem brennenden Streichholz in seiner Hand, dem Streichholz in den Klauen des Wiesels mit seinem Gesicht, dem Feuertanz der Nerze, ihrem Schreien, dem geöffneten Mund seines Vaters, in den der Feuerderwisch gefahren ist, davon hat er nichts gesagt, niemandem, nicht einmal mehr daran gedacht, bis dieses Wiesel mit seinem Kindesgesicht aufgetaucht ist, das Papa zu ihm sagt, das wie er Franz heißt, und das Ka vor dem Feuervorhang stehen sieht, dahinter sein Vater mit Nerzen behangen, der seine Hand nach ihm ausstreckt, eine Hand mit den Fellresten zwischen den Fingern, die denen Kas gleichen, die Ka vors Gesicht schlägt, damit er nichts mehr sieht, vergeblich, denn der Film läuft hinter den Augen. Ka wirft sich zu Boden, schlägt seinen Kopf so lange auf die Steinplatten des Pflasters, bis der Schmerz den Film reißen lässt. Blackout.

 

„Beruhige dich doch, CEO!“ Alan Green hält sein Handy auf Abstand, weil aus ihm CEO Meyers Wortschwall wie ein Wasserrohrbruch herausbricht. So konfus und hysterisch hat der Cheftechniker seinen Chef noch nie erlebt. Erst allmählich gelingt es ihm den Sinn der ohne Punkt und Komma ins Telefon gebrüllten Tirade zu erfassen. „Notfall …Katastrophe …Incubus …Dematerialisierung …sofort hierher …“
„Nun beruhige dich endlich!“, sagt Green mit aller Bestimmtheit. „Ich bin schon unterwegs.“ Sein scharfer Ton zeigt Wirkung. Meyer verstummt tatsächlich und sagt dann nach einer Weile: „Gut, Alan. Komm so schnell du kannst. Das musst du dir anschauen. Und bring deinen Schraubenschlüssel mit!“
Green schaut verwundert auf sein Handy. Dann geht sein Blick ins Weite, seine Mundwinkel verziehen sich zu einem kaum wahrnehmbaren Grinsen. „Doch was sollte das mit den Haaren?“, überlegt der Techniker. „Immer wieder hat Meyer damit angefangen.“ Er packt das Nötigste und macht sich auf den Weg in die Firma.
Es ist ein Fiasko. Dabei schien alles doch noch ins rechte Gleis zu finden, trotz des vermaledeiten Doppelgängers in der Besenkammer. CEO Meyer hatte sich nach dem Anruf von Miss Appeldoorn erstaunlich schnell gefasst und zu alter professioneller Abgebrühtheit gefunden. Das war auch gut so, denn von diesem Besuch konnte alles abhängen.
Er hatte Miss Appeldoorn im Foyer abgeholt und ihr auf einem kurzen Rundgang die Firma gezeigt. Miss Appeldoorn war erstaunt gewesen, dass es überall menschenleer war, nirgendwo ein Mitarbeiter zu sehen. Nur in dem Flur zu Septins Büro waren sie zwei Putzfrauen begegnet.
Concha hatte über die „Phantomfirma“ geflachst und CEO hatte erwidert, dass gewisse Meetings und Termine vom Chef persönlich und nur vom Chef wahrgenommen werden sollten, und hatte sich dabei um ein Raubtierlächeln bemüht.
Alles war gut gegangen. Er hatte sie ins Labor geführt und nicht ohne Stolz hatte er das Objekt ihrer nun schon einige Tage dauernden Verhandlungen vorgeführt. Incubus 3.0, das Wunderding, das die Welt der Produzenten und Konsumenten revolutionieren würde. Concha war sichtlich beeindruckt gewesen von dem glänzend glatten, metallischen Kasten, fast sinnlich waren ihre Finger über das Display geglitten, während CEO ihr nochmals die Funktionsweise erklärt hatte. Alles hatte sich so entwickelt, wie Meyer es geplant hatte. Er hatte gewusst, dass bei diesem Termin keine harten geschäftlichen Daten und Fakten zählen würden, sondern dass Miss Appeldoorn selbst überwältigt werden würde von den faszinierenden Möglichkeiten, die der Incubus bietet, wenn sie ihn erst einmal persönlich kennenlernen würde. Doch mit leichtem Unbehagen hatte CEO Meyer schon da zu der Tür zum Abstellraum geblickt, hinter der zum Glück alles ruhig geblieben war.

 

Kriminalkommissar Manteufel ist noch einmal zu Schmitts Wohnung gefahren. Nicht dass er sich etwas davon versprochen hätte, aber in solch einer schwierigen Fallsituation ist es besser, sich dem Chef gegenüber als proaktiv zu präsentieren. Er wühlt ein bisschen in Schmitts Schriftkram, viel ist es ohnehin nicht, blättert lustlos in dessen Kalender, nichts Außergewöhnliches, bei dem Kerl ist einfach nichts zu holen, ein blasser Typ, zu blass für den Vertrieb, denkt Manteufel, ist aber froh, dass es ihn nicht kümmern muss. Wenn Manteufel davon absieht, dass es für van der Weiden nicht so gut gelaufen ist, kann der van der Weiden doch erleichtert sein, dass er Schmitt los ist, aber, so grübelt Manteufel weiter, das ist doch kein Motiv für einen Mord oder eine Unterlassung mit Todesfolge, ansonsten wäre der Planet doch um eine ganze Masse unfähiger Angestellte leichter. Auf der anderen Seite ist der berufliche Weg nach oben nicht gerade mit Skrupeln gepflastert, und das wird auch bei van der Weiden nicht anders sein. Manteufel ist hin- und hergerissen, ein Zustand, den er nicht mag, nicht zuletzt, weil er bei Ermittlungen störend ist. Manteufel wendet sich ins Wohnzimmer, betrachtet die Inneneinrichtung, mehr Ordnung als Design, stellt er fest, und greift achtlos zum Helm, der auf dem Tisch liegt, dem Helm, von dem er mittlerweile weiß, dass es sich um einen Teil des Incubus 3.0 genannten Gerätes handelt, das auch die Aufzeichnung der letzten Lebensmomente Schmitts geliefert hat. Worum es sich genau handelt, haben sie noch nicht in Erfahrung bringen können, weil die Amis sich beim Amtshilfeersuchen Zeit lassen. Das Blinken der LED am Helm, verleitet Manteufel dazu danach zu greifen. Ohne sich weiter um das Blinken zu scheren, setzt er ihn auf und setzt seinen Inspektionsgang durch den Raum fort. Alles in allem, resümiert Manteufel, sieht das Wohnzimmer unbenutzt aus, typisch Junggesellenbude, die Schmitt anscheinend nur zum Pennen genutzt hat. Armer Kerl, der Schmitt, denkt Manteufel, nicht weil er tot ist, sondern weil sein Leben so aufgeräumt leer gewesen sein muss. Manteufel kann sich gut in ihn hineinversetzen, schließlich sieht es bei ihm zu Hause nicht viel anders aus. Ein deutlich vernehmbares „Plink“, das vom Former des Incubus 3.0 herrührt, zieht Manteufels Aufmerksamkeit zurück in den Raum. Er wendet sich zum Former, öffnet ihn, um im gleichen Moment wieder zurückzuweichen. Eine Person tritt aus dem Former, die Manteufel als Schmitt identifiziert. Schmitt bleibt vor dem Tisch stehen, schüttelt leicht den Kopf und reibt sich die Augen, als sei er soeben erst aufgewacht, noch nicht so recht wissend, wo er sich befindet und was er als Nächstes tun soll. Manteufel steht ihm gegenüber, rührt sich nicht, scannt die Person noch einmal, um zum gleichen Ergebnis zu kommen. Der Mann, der noch leicht vom Schlaf benommen vor ihm steht, sieht aus, wie derjenige, den Manteufel in den Aufzeichnungen gesehen hat. Sogar die gleichen Klamotten trägt er wie der tote Schmitt.
„Wie spät ist es?“, fragt der Mann aus dem Former, den Manteufel als Schmitt identifiziert hat.
„Kurz vor fünf!“
„Das kann nicht sein, Sie irren sich bestimmt. Um fünf bin ich immer im Büro, oder haben wir heute Sonntag“, hakt Schmitt nach.
„Donnerstag“, antwortet Manteufel.
„Sind Sie sich sicher?“
„Ganz sicher!“
„Das kann nicht sein, donnerstags um fünf bin ich im Büro – bis neun, mindestens bis neun und danach gehe ich mit Kollegen noch einen trinken. Sie sind kein Kollege von mir, mit Ihnen habe ich noch keinen getrunken.“
„Da liegen Sie richtig“, bekräftigt Manteufel mit einem leichten Nicken.
„Hier stimmt etwas nicht, ich sollte nicht hier sein … und auch Sie nicht.“
„Wer sind sie?“, will Manteufel wissen, weil solche Fragen Routine sind und Halt geben, wenn es unübersichtlich ist, und das hier ist eindeutig unübersichtlich.
„Das weiß ich nicht, hier stimmt nichts, und also ist alles falsch, ich kann Ihnen beim besten Willen keinen richtigen Namen sagen, irgendeinen …“
„Ja“, unterbricht ihn Manteufel, „sagen Sie irgendeinen, der Ihnen einfällt, nur zu!!
„Manteufel …“
„Ja?“, entfährt es Manteufel unwillkürlich.
„Manteufel, mir fällt Manteufel ein“, sagt Schmitt, „aber wie schon gesagt, ich bin nicht Manteufel. Ich bin mir auch sicher, dass ich hier nicht richtig bin. Ich sollte im Büro sein, und wenn alles an seinem richtigen Ort ist, kommen auch die richtigen Namen.“
„Dann lassen Sie uns doch gemeinsam in Ihr Büro gehen!“
Schmitt tritt eine Schritt auf Manteufel zu, wird lauter: „Sie verstehen es nicht, Sie verstehen es einfach nicht. Erst in meinem Büro weiß ich, dass ich in meinem Büro bin. Dann weiß ich, dass alles in Ordnung ist, nicht vorher, nicht jetzt, ich weiß ich es jetzt nicht, weil ich hier falsch bin. Verstehen Sie doch! Ich kann mir erst sicher sein, dass es richtig ist, was ich sage, wenn es da eine Übereinstimmung gibt, wenn Situation und Denken übereinstimmen.“
„Aber der Weg, Sie müssen doch den Weg zu Ihrem Büro kennen, Sie haben ihn doch bestimmt Tausende Male zurückgelegt, kennen ihn in- und auswendig“, hält Manteufel dagegen.
Schmitt schüttelt den Kopf.
Manteufel lässt Schmitt stehen, geht nach nebenan, ruft seinen Chef an, der ihm kein Wort glaubt. „Sie sollten während der Dienstzeit wenigstens die Finger von den harten Sachen lassen, Manteufel.“

 

Alles war gut gegangen und er hätte den Besuch, das Geschäft heute erfolgreich abschließen können, wenn er sich nur an seinen Plan gehalten hätte. Natürlich hatte Miss Appeldoorn eine Vorführung bekommen, der CEO hatte ihr mittels Incubus eine langstielige Baccara-Rose gezaubert, die sogar nach Rosen duftete (und nicht nach Cognac), und sie seiner Besucherin galant überreicht. Er hatte Miss Appeldoorn mit Berichten über Kunden erheitert, in denen es um glückliche Ehepaare und Weihnachtsmänner im Sommer ging, und natürlich hatte er Miss Appeldoorn aufgefordert, den Incubus eigenhändig zu testen. Und da war ihm dieser fatale Fehler unterlaufen.
Nur geprüfte Materialisationen bei der Präsentation des Gerätes, diesen Grundsatz hatte CEO Meyer bei der morgendlichen Vorbereitung vor dem Badezimmerspiegel sich mehrmals wiederholt. Es durfte nichts schief gehen am heutigen Tag. Und war nicht schon genug schief gegangen am heutigen Tag? Lauerte das Schiefgegangene nicht dort hinten in der Besenkammer? Und hätte er als letzte, eindringliche Warnung nicht bemerken müssen, dass auch nach zwanzig Minuten die Baccara-Rose keine Anstalten machte, sich wieder aufzulösen.
Er hatte sich blenden lassen von dem vermeintlich erfolgreichen Verlauf des Treffens und noch mehr hatte es seine Eitelkeit gekitzelt, als Concha schließlich sagte: „Ich habe ihre kleinen, charmanten Ratschläge zu meiner Frisur mir durchaus zu Herzen genommen, Theo.“ Sie nannte ihn weiterhin bei dem falschen Vornamen und er verzichtete weiterhin darauf ihn richtig zu stellen. Er hätte es ihr ausreden müssen, seinen ganzen Charme hätte er aufbieten müssen, seine ganze Raffinesse. „Und ich habe beschlossen mir die Haare wachsen zu lassen. Aber warum warten, wenn Incubus Inc. mir mit diesem Gerät die fantastische Möglichkeit bietet, es sofort zu bekommen?“, hatte Concha gesagt und schon den Hirnscanner in der Hand. CEO hatte einen halbherzigen Versuch unternommen sie auf andere Gedanken zu bringen, doch sich dann gefügt. „Wird schon gut gehen“, waren seine Gedanken gewesen.
„Wird schon gut gehen.“ Ha, verdammt! Nichts ist gut gegangen! Alles ist schief gegangen! Ein Fiasko! Eine Katastrophe! Wo bleibt nur der verdammte Alan Green? CEO Meyer hat seine Arme um die Schultern von Miss Appeldoorn gelegt, die hin- und hergerissen sich mal Trost suchend an seine Brust flüchtet, mal wutentbrannt durch die Weite des Labors karbolzt, wobei sie allerdings zunehmend von der immens gewucherten Haarpracht behindert wird, die von ihrem Kopf herniederwallt, sich um Knie und Arme wickelt und sie immer wieder stolpern und straucheln lässt. „Was haben Sie gemacht mit mir?“, brüllt Miss Appeldoorn und CEO Meyer kennt diesen hysterischen Glanz in ihren Augen nur zu gut aus erst kürzlich gemachter persönlicher Erfahrung. Ihm fällt nichts anderes ein, als beschwichtigend die Arme zu heben und zu wiederholen: „Miss Appeldoorn, Concha, so beruhigen Sie sich doch! Eine kleine technische Störung, nichts von Bedeutung. Alan Green, unser Cheftechniker, ist schon auf dem Weg hierher und wird in kürzester Kürze eintreffen. Er ist mein bester Mann. Der bringt das ruck, zuck in Ordnung.“
„Nichts von Bedeutung, nichts von Bedeutung“, äfft seine Besucherin nach. „Schauen Sie mich doch an, wenn Sie mich überhaupt noch sehen können unter diesem Gebirge aus Haar. Nichts von Bedeutung. Was soll nur aus mir werden? Ich kann so doch nicht unter die Menschen.“
Endlich kommt Meyer auf den nächstliegenden Gedanken. Er wühlt in einer Schreibtischschublade und findet eine Schere. Ängstlich schreit Miss Appeldoorn auf, als er sich ihr damit nähert, doch dann erkennt sie, was er vorhat, und so schneidet der Mann Strähne um Strähne, Strang um Strang eine Schneise nach der anderen in den wallenden Urwald aus blondem Haar, der die arme Frau umwickelt wie eine Würgeschlange, bis Miss Appeldoorn mit arg zerzauster, schulterlanger Frisur wieder einigermaßen hergestellt ist.
CEO Meyer atmet auf und starrt erschöpft auf den Berg Haare vor ihm auf dem Boden und auf seine derangierte Geschäftspartnerin, die mit ihrem Kosmetikspiegel den Erfolg der Notmaßnahme kontrolliert. „Gott sei Dank, Gott sei Dank, Gott sei Dank!“, flüstert Miss Appeldoorn, ihren Gastgeber würdigt sie keines Blickes.
Hilflos zuckt der Chef von Incubus Inc. mit den Schultern. Er ahnt, dass sein Schiff am Sinken ist. „Ich bitte Sie, dieses kleine Malheur zu entschuldigen, Miss Appeldoorn. Das ist mir mehr als peinlich. Aber mein Cheftechniker wird jeden Moment eintreffen und die Störung an unserem Incubus 3.0 beheben. Darauf können Sie sich verlassen, Miss Appeldoorn.“
Es dauert eine schmachvoll lange Zeit, bis sich seine Besucherin wieder an ihn wendet. „Ich habe erhebliche Zweifel an dem, was Sie mir über die Marktfähigkeit Ihres Produkts gesagt haben, Mister Meyer“, sagt sie mit ruhiger, geschäftsmäßiger Stimme. Zerknirscht starrt der Chef von Incubus Inc. aus dem Panoramafenster des Labors, wo sich in nächtlicher Dunkelheit und weiter Ferne die Silhouette der Santa Cruz Mountains abzeichnet, als erneut sein Handy klingelt. Das kurze Gespräch gibt ihm seine Hoffnung zurück. „Alan Green ist schon im Haus. Er ist gleich hier. Jetzt kommt alles in Ordnung.“
Miss Appeldoorn hat ihm nur mit halbem Ohr zugehört, sie konzentriert sich wieder auf das Spiegelstudium. Sie stutzt, sie springt auf und schreit: „Es wächst noch immer! Es wächst noch immer!“ Und tatsächlich ist das Haar schon wieder einige Zentimeter länger.
„Ich kann so nicht unter die Menschen! Ich kann so nicht unter die Menschen!“ Kopflos rennt Miss Appeldoorn durch das Labor, von rechts nach links, von links nach rechts und wieder zurück. Schließlich entdeckt sie die kleine Tür in der Ecke. Das allerdings versetzt auch CEO Meyer in Panik. „Nein, nein! Warten Sie, Miss Appeldoorn! So warten Sie doch!“
Aber sie hat die Tür schon aufgerissen und verschwindet in der Besenkammer. In diesem Moment erscheint Alan Green im Labor.

 

Septin geht wie auf Koks um den Esstisch herum. „Milena, meine Herren, wie können sie so ruhig hier herumstehen, während Ka völlig aufgedreht draußen herumläuft. Wir müssen ihn zurückholen, sonst eskaliert die Situation weiter.“
„Beruhigen Sie sich!“, wendet Dr. Andresen sich an Septin, der nicht aufhört, um den Tisch zu laufen, „was soll schon passieren, nutzen wir die Zeit besser damit, uns eingehender um den Jungen zu kümmern.“
„Genau, Dr. Andresen“, mischt sich Dr. Krähe ein, „auch wenn ich den systemischen Ansatz präferiere, können wir versuchen, mit dem Jungen zu reden, erst recht jetzt, wo wir Unterstützung von Milena haben, die als Frau …“
„Das fehlt mir jetzt noch“, fällt ihm Milena ins Wort, „dieses Geschlechter-Gequatsche …“
„Ich kann Ihnen genau sagen, was passiert, wenn Ka aufgegriffen wird, man wird herausbekommen wollen, wer er ist und was mit ihm los ist, ich sagen Ihnen, in ein paar Stunden sind die Sheriffs hier.“
„Und wenn schon, seien Sie nicht so ängstlich, Septin, wir können den Herren ja alles erklären.“
„Pah, alles erklären, Sie wollen denen alles erklären, sie haben ja nicht einmal Ka davor bewahren können, durchzudrehen.
„Es gibt halt Eigendynamiken, ab einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung kann man dann nicht mehr intervenieren, jedenfalls nicht mehr mit psychotherapeutischen Mitteln, dann“, so Dr. Andresen, „hilft erst einmal nur eine medikamentöse Therapie.“
„Die hilft nicht, sie schafft die Voraussetzung für eine intensive Psycho-Therapie!“
„Das, Professor Krähe, ist Ihre Sicht, aber ich bedauere aufrichtig, dass ich kein Mittel dabeihabe, sonst wäre uns bestimmt einiges …“
„Ja, geht’s denn noch“, platzt Milena in den aufkeimenden Disput, „wie bescheuert kann man sein, in solch einer Situation einen Fachrichtungsstreit vom Zaun zu brechen. Jetzt kümmern Sie sich endlich um den Jungen, schauen Sie ihn sich doch an …“
„Habe ich gemacht, kommen Sie mal näher an den Käfig, Milena, sehen Sie die Haare, das sind keine normalen Haare, das ist eher ein Fell, eine Katze vielleicht, …“
„Oder ein Wiesel, …“
„Meinetwegen“, sagt Dr. Andresen, „jedenfalls habe ich so etwas noch nicht gesehen.“
„Ich auch nicht,“ setzt Professor Krähe hinzu, „und wir wissen ja alle, wie schwer es ist, ruhig und angemessen auf Abweichungen vom Üblichen, vom Erwarteten zu reagieren, zumal der Ka nicht gewusst hat, dass er ein Kind hat. Und für den Jungen war es bestimmt Stress pur, mit einem konfusen Vater konfrontiert zu sein.“
„Mit einem überforderten Vater“, ergänzt Dr. Andresen.
„Experten, ha!“, Bruno Septin haut auf den Esstisch, „wahrliche Experten, wie um alles in der Welt kommen Sie denn da drauf, dass der Junge Kas Sohn ist. Diese Einschätzung ist doch keine gesicherte Erkenntnis, sie ist, lassen Sie es mich so sagen, sie ist Resultat Ihrer Denkfaulheit. Es kann doch genauso gut, ganz anders sein. Schon mal daran gedacht, dass es bei Ähnlichkeiten nicht immer um biologische Abstammung geht.“
„Sie halten die physiognomische Ähnlichkeit für einen bloßen Zufall und auch die Anwesenheit der beiden hier in Kas Haus. Das ist doch mehr als unwahrscheinlich“, entgegnet Professor Krähe vorsichtig.
„Das behaupte ich doch gar nicht, es ist schon anzunehmen, dass da ein Zusammenhang zwischen den beiden besteht, der über die bloße Tatsache hinausgeht, dass wir sie hier zusammen angetroffen haben. Aber Vater und Sohn verstehen sie, die biologische Abkunft, die bestreite ich. Kann doch auch ganz anders sein. Schon mal daran gedacht, dass es hier um die maschinelle Produktion geht, nicht um Fragen des bio-psychologischen Komplexes der menschlichen Zeugung. Denken Sie mal in diese Richtung, damit Sie von Ihrem Vater-Sohn-Gedöns wegkommen. Und schließlich bin ich ja auch schon vor Ihnen hier gewesen, das wissen sie doch, Ka hat einen Defekt vermutet, deshalb hat er mich gerufen.“
„Septin, jetzt mal halblang, sie wollen uns doch nicht ernstlich weismachen, dass das Kind aus einem Gerätefehler resultiert.“
„Zu kurz gesprungen, Professor Krähe, ich habe nur gesagt, dass es sich nicht um Kas leiblichen Sohn handeln muss. Mehr kann ich erst sagen, wenn ich mir das Gerät näher angeschaut habe, wozu ich bis jetzt wegen dem Heckmeck hier nicht gekommen bin. Und jetzt läuft mir die Zeit davon.“

Fassungslos starrt CEO Meyer seinen Cheftechniker an. „Das ist nicht dein Ernst, Alan.“ Er will es nicht glauben. Aber Green nickt nur langsam, sagt nichts, lächelt nicht. Doch sein Blick ist entschlossen. Meyer forscht im Gesicht seines Gegenübers nach einem Zucken, nach einem verdächtigen Fältchen, nach einem versteckten Grinsen, irgendetwas, das ihm Anlass gäbe, das Ganze für einen schlechten Scherz zu halten, für einen schamlosen Schabernack, mit dem der Cheftechniker seine wichtige Rolle bei Incubus Inc. herausstellen will, seine Unverzichtbarkeit, sein Genie. Vielleicht will er nur ein höheres Gehalt und insgesamt bessere Konditionen. Darüber kann man doch reden, wenn der Deal erst mal gelaufen ist. Herrjeh, CEO Meyer ist noch nie kleinlich gewesen.
Doch Green hält dem prüfenden Blick des anderen ungerührt stand. „Du wirst dich entscheiden müssen, CEO“, sagt er dann, „Du wirst dich jetzt entscheiden müssen.“
Meyer reckt sein kantiges Kinn nach vorne. Er weiß, wann er eine Entscheidung treffen muss, und er weiß, welche Entscheidung er treffen muss. Fest blickt er seinem leitenden Angestellten ins Auge und sagt dann: „Das ist Sabotage, Alan. Das kostet dich deinen Kopf.“
„Ich würde eher sagen, das ist der Ausweg, zumindest für die Frisurprobleme deines Gastes“, antwortet Green. „Wo ist die Dame überhaupt?“
In diesem Moment dringt durch die Tür in der Ecke ein lauter Schrei, dem aber gleich darauf schallendes Gelächter folgt. Meyer zuckt zusammen bei dem Schrei, noch mehr bei dem Gelächter.
Panik hatte Miss Appeldoorn in die Besenkammer getrieben, Neugier hält sie nun dort zurück. Sie hat Mühe, ihr Ohr unter dem wuchernden Haar freizulegen, damit sie es gegen das Türblatt pressen kann. Gespannt lauscht sie dem Gespräch der beiden Männer.
„Dieser kleine Halunke,“ sagt sie leise und meint damit den ihr noch unbekannten Cheftechniker.
„Was für ein Hornochse!“ Diese Bemerkung gilt ihrem Geschäftspartner, will meinen: gewesenem und nie gewordenem Geschäftspartner Theo Meyer.
Eine saubere Firma, diese Incubus Inc.! Schnell macht Miss Appeldoorn sich ihren Reim auf den mal verhaltenen, mal lautstark geführten Dialog der beiden Männer im Labor. Erpressung, Manipulation und Vertuschung, das ganze Programm. Dieser Cheftechniker, Alan Green, weiß offenbar mehr über die Fähigkeiten dieses wirklich erstaunlichen Gerätes Incubus 3.0, als er seinen Vorgesetzten und Arbeitgebern mitgeteilt hat, oder er hat dieses Gerät sogar mit Fähigkeiten ausgestattet, auf die nur er Zugriff hat. Vielleicht sollte Miss Appeldoorn besser mit ihm verhandeln als mit diesem immer etwas unecht wirkenden Theo. Über solchen Überlegungen vergisst sie sogar ihr endlos weiter sprießendes Haar, das ihren Körper mittlerweile wieder völlig einhüllt.
„Ich will mein Stück vom Kuchen, CEO“, hört sie den Unbekannten sagen. „Ich habe den Incubus entwickelt und ich weiß, was er wert ist und was er der Firma bringt. Ich will auch ran an die Milliarden, CEO.“
„Septin hat den Incubus erfunden…“, wirft Meyer ein.
„Ich habe seine Idee aufgegriffen und zu Ende geführt,“ widerspricht der andere. „Ohne mich hättet ihr … nichts. Und ich will meinen Anteil.“
„Aber eine Beteiligung an der Firma? Wie stellst du dir das vor? Ohne Beteiligung von Vorstand und Aufsichtsrat?“
„Du kannst Dir gewiss sein, dass der Vertrag, den ich dir hier auf den Tisch gelegt habe, wasserdicht ist. Du musst nur unterschreiben und dann werden sich die Frisurprobleme deines Gastes eins, zwei drei auflösen und so manches andere Problem ebenso, das der Incubus in letzter Vergangenheit bereitet hat. Du musst nur unterschreiben, CEO.“
„Das ist nicht dein Ernst, Alan.“
Die letzte Bemerkung des Cheftechnikers erinnert die Frau in der Besenkammer daran, dass sie tatsächlich ein Problem mit ihrer Frisur hat, ein wachsendes Problem (Haha!). Sie tastet am Türrahmen entlang. Irgendwo muss sich doch der Lichtschalter befinden. Da hat sie ihn auch schon gefunden und im nächsten Moment brennt eine kleine Funzel von der niedrigen Decke. Conchita schiebt die dicken Strähnen aus ihrer Stirn und erkundet den kleinen Raum. Regale mit Putzmitteln und anderem Gerät, ein Besen, ein Mopp, mehrere Eimer und ganz hinten im hintersten Winkel Theo Meyer, der sie reglos, triefäugig und fahl im Gesicht anglotzt. Miss Appeldoorn entfährt ein lauter Schrei. Aber sie beruhigt sich schnell, denn schnell wird ihr klar, dass ihr von diesem Mann, der dem CEO der Firma Incubus Inc. so verblüffend ähnlich sieht wie ein schlechtes Abziehbild, keine Gefahr droht. Vielmehr bricht sie in schallendes Gelächter aus. Sie ahnt, was es mit der jämmerlichen Gestalt auf sich hat, die mit ihr seit schon geraumer Zeit die Besenkammer geteilt hatte, ohne sich bemerkbar zu machen. Und sie glaubt, dass sie es trotz all der furchtbaren Haare, die ihren Körper verhüllen wie ein Kokon, doch noch besser getroffen hat wie den CEO der Firma Incubus Inc. Sie schiebt ihre rechte Hand durch das Dickicht und reicht sie dem stummen Genossen. „Hallo, ich bin Concha. Wie heißt du?“