Teil 6

Milena bereut, von ihrem Grundsatz abgewichen zu sein und sich auf auf den Weg gemacht zu haben, bei Franz Ka vorbeizugehen, um sich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen. Aber allein der Gedanke daran, besser nicht am Abend aufgebrochen zu sein, vermag sie nicht aus der Situation zu katapultieren, so sehr sie sich dies im Augenblick auch wünscht. Sie steckt knöcheltief in einem Morast von Absurdität, von dem sie nicht weiß, ob es sich dabei um einen Drogenrausch handelt, der aus unerklärlichen Gründen nicht endet, oder eine von Ka inszenierte Wohnzimmer-Performance, in die sie versehentlich als ungebetener Gast geraten ist. Sie möchte „Stopp“ brüllen, damit der Drogenfilm reißt oder der Vorhang fällt, hinter dem die Akteure wieder verschwinden. Aber sie brüllt nicht und nichts von dem, was sie vor sich sieht, hört auf. Sie schließt die Augen und konzentriert sich darauf, auch die Stimmen der Anwesenden auszublenden. Sie sucht, einen Moment der Distanz, einen Augenblick der inneren Ruhe zu schaffen, in dem sie Kraft und Klarheit schöpfen, sich einen Ausweg bahnen kann aus dem Unbegreiflichen. Einfach weggehen, das Haus verlassen, denkt sie und holt tief Luft, bevor sie die Augen wieder öffnet und die Tür des Esszimmers ins Visier nimmt. Ohne auf die Anwesenden im Raum zu achten und ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, sich zu verabschieden, geht sie auf die Tür zu.
Bevor sie sie erreicht, tritt Bruno Septin auf sie zu: „Sie wollen uns doch nicht verlassen, oder?“ Milena hält nur kurz inne, versucht an ihm vorbei zu kommen, doch er hält sie am Arm fest.
„Milena, ich bitte Sie, Sie können jetzt nicht gehen, bevor ich nicht meine Untersuchung abgeschlossen habe, worum es sich, lassen Sie es mich so sagen, hier handelt.“
„Hier geht’s darum, dass ich gehen will. Ich sehen keine Veranlassung, länger zu bleiben. Lassen sie mich!Untersuchen Sie ruhig das hier ohne mich, ich bin Ihnen zu nichts verpflichtet.“
„Aber ohne Sie geht es nicht, meine Analyse bedarf der Statusfeststellung eines jeden von uns.“
„Ich pfeife auf Ihre Analyse, lassen Sie mich.“
„Es reicht, dass Ka abgehauen ist, Sie kann ich unmöglich auch noch gehen lassen.“
„Na, das will ich doch mal sehen“, schnaubt Milena und entwindet sich Septins Griff.
„Mein Herr, so lassen Sie doch Milena gehen. Sie können sie doch nicht gegen ihren Willen festhalten“, ergreift Prof.. Krähe das Wort. Ohne darauf zu reagieren, reißt Septin Milena von der Tür weg und blockiert die Tür mit seinem Körper.
„Und der Junge, Sie Schlaumeier, wollen sie den womöglich auch aus seinem Käfig lassen?“, brüllt Septin.
„Bei dem Jungen ist es was anderes, den können wir nicht laufen lassen, weiß Gott, was der anderen oder sich selbst antut. Das können wir als Therapeuten nicht verantworten. Aber bei Milena, wenn sie nicht will, sie ist doch keine Gefahr …“
„Hören Sie auf mit ihrem Therapeuten-Gewäsch, ich habe Ihnen doch schon vorher gesagt, hier geht’s nicht um irgendwelche Psycho-Kacke, …“
„Herr Septin, jetzt aber, ich bitte doch um etwas mehr Respekt, …“
„Respekt, das ich nicht lache, wo bleibt denn der Respekt meiner Untersuchung gegenüber, ich bin hier her gekommen, um zu prüfen, ob hier ein Programmfehler vorliegt, der verantwortlich ist …“
„Programmfehler? Programmfehler!“, mischt sich Dr. Andresen ein, „was soll denn das. Sie faseln, bitte verzeihen Sie mir den Ausdruck, aber anders kann ich es nicht sagen, sie faseln erst von einem Gerät, das Defekt ist, jetzt von einem Programmfehler, ich kann da keinen Zusammenhang sehen zu der Situation, in der wir uns befinden und die wahrlich nicht einfach ist.“
„Die auch nicht einfacher wird“, faucht Septin, „wenn Sie jetzt nicht mal die Klappe halten, alle zusammen, und mich meine Arbeit machen lassen.“
„Machen Sie, machen Sie nur, hält Sie doch keiner von ab, hätten doch schon die ganze Zeit Ihre Überprüfung durchführen können … und lassen Sie endlich Milena gehen, Sie können sie doch nicht gegen ihren Willen hier festhalten. Gehen Sie von der Tür weg …“
„Pah, Willen, eigener Wille, Sie haben doch keine Ahnung …“
„Dann klären Sie uns doch endlich auf, aber erst mal lassen Sie Milena gehen, ist doch ihr gutes Recht, gehen zu können“, meldet sich Prof. Krähe beschwichtigend zu Wort, „und dann beruhigen wir uns alle und Sie erklären uns, worum es Ihnen geht.“
Septin macht keine Anstalten, die Tür freizugeben. Milena verharrt wider Willen vor ihm, schließlich weiß sie ihre Kräfte im Verhältnis zu Septin richtig einzuschätzen. Den Brocken kann sie nicht abräumen, das schafft sie nicht.
„Ich kann niemanden mehr gehen lassen, auch wenn Sie es nicht verstehen können, schlimm genug, dass Ka nicht mehr da ist, aber ich kann niemanden mehr gehen lassen, sonst …, die Auswirkungen sind nicht absehbar, ich brauche Sie alle, um das Problem einzugrenzen.“
„Aber soviel ich verstanden habe, geht es doch um ein Gerät, ein programmiertes meinetwegen, da benötigen Sie uns doch nicht für eine Fehleranalyse, … ich wäre auch schon weg, aber der Junge, ich kann den doch nicht im Käfig lassen, wir haben da doch eine Verantwortung.“
„Prof. Krähe, sie haben da eine Vorstellung, die ist vorsintflutlich, bei all Ihrer Verehrung für die systemische Theorie können Sie sie bedauerlicherweise gerade mal auf Ihren Psycho-Bereich anwenden, zu mehr langt es anscheinend nicht, Sie betrachten Maschinen isoliert, hier die Maschine, da der Mensch, aber so ist es nicht, war es auch niemals, erst recht heute ist es verdammt anders, da gibt es einen Konnex von Mensch und Maschine …“
„Klar, so blöd bin ich auch nicht, der Mensch als Anhängsel und so, das ist mir auch bekannt …“
„Anhängsel, goldig, das ist ja richtiges Marionettentheater in Ihrem Kopf, da zappeln wohl die leibhaftigen Menschen an einer Maschinerie, die ihnen fremd ist, und womöglich brauchen sie nur die Fäden kappen und dann sind sie wieder unabhängig davon, so ein Quatsch, was können sie denn dann noch machen? So ohne Technik, was? Was, frage ich Sie.“
„Keine Ahnung! Worauf wollen Sie denn hinaus?“, Dr. Andresen klingt genervt.
„Na, was wohl, wohin möchte uns Herr Septin führen, werter Kollege? Das liegt doch auf der Hand, er ist Techniker, verstehen Sie, er möchte uns damit sagen, wie wichtig seine Tätigkeit ist.“
„Genau,“ Septin wird wieder laut, „aber nicht so, wie Sie denken. Nur weil ich hierher gerufen worden bin, müssen Sie sich nicht einbilden, dass ich ein Service-Techniker bin, der bloß den Stecker wieder in die Dose steckt, weil ihn jemand versehentlich gezogen hat. Hier geht es nicht um einen kleinen Fehler, es geht um das Projekt, am Ende, also, hat doch keinen Zweck mit Ihnen darüber, … wenn alles korrekt gelaufen wäre, gäbe es Sie vermutlich gar nicht.“
„Ha, was Sie nicht sagen, klar kommen wir immer erst dann ins Spiel, wenn etwas schiefgelaufen ist, nicht wahr, Dr. Andresen?“
„Selbstverständlich, Gesunde brauchen wir schließlich nicht zu kurieren, ansonsten wären wir doch auch nicht hier.“
„Hören Sie doch mal zu, Sie Heiler, genau zuhören, stimmt, Sie wären nicht hier, das ist darin eingeschlossen, aber ich habe was anderes gesagt …“
„Ach, ja?“
„Ich habe gesagt, dass es Sie dann nicht gäbe. Existieren, kapieren Sie?
„Vermutlich, das haben Sie auch gesagt.“
„Exakt, es besteht immerhin noch die Möglichkeit, dass Sie auch bei perfektem Programmablauf hier aufgekreuzt wären, zumindest der ein oder andere, das will ich eben herausbekommen …“
„Hä? Die Möglichkeit unserer Existenz? Programm? Wo zum Teufel ist da denn ein Zusammenhang?“
„Vergessen Sie es. Hocken Sie sich einfach hin und lassen Sie mich in Ruhe arbeiten …“
In diesem Augenblick beginnt der Junge im Käfig, an den Gitterstäbe zu reißen und gleichzeitig den Kopf gegen sie zu schlagen.
„Verdammter Mist … geht das denn schon wieder los.“
„Lasst mich hier raus, ich will raus!“, schreit der Junge und bewegt sich so heftig im Käfig, dass dieser auf dem Esstisch ins Ruckeln gerät. Dr. Andersen und Prof. Krähe stürzen zum Käfig, halten den Käfig fest, um zu verhindern, dass der Käfig vom Tisch kippt, während der Junge weiter seinen Kopf gegen das Gitter krachen lässt.
„Ja, so machen Sie doch etwas, er blutet ja schon“, schreit Milena.
„Verdammte Experten, jetzt habe ich aber die Schnauze voll!“
Bruno Septin jagt zum Käfig, und noch ehe Dr. Andresen und Prof. Krähe reagieren können, öffnet er den metallenen Verschlag. Diesen Moment des Tosens nutzt Milena zur Flucht, schlüpft rasch durch die Esszimmertür, hastet durch die Küche, will die Tür zum Hausgang aufziehen, was ihr aber nicht gelingt.
„Verdammter Mist, abgeschlossen, die Tür ist immer noch abgeschlossen.“

Die Nacht senkt sich über das Areal der Firma Incubus Inc. Die Santa Cruz Mountains sind in der Ferne nur zu erahnen, es ist Neumond. Die Gebäude von Incubus Inc. liegen etwas abseits der anderen High-tech-Schmieden von Mountain View. Früher empfanden dies die Herren von Incubus Inc. gelegentlich als stiefmütterlichen Makel, so fernab der anderen Dotcom-Giganten, weil ihre Firma tatsächlich noch nicht zu den Großen der Branche gehörte, aber seit sie an diesem großen Ei brütete, war diese relative Abgeschiedenheit willkommen. Man bleibt lieber unbeobachtet und fällt nicht weiter auf.
Weit nach Mitternacht ist es schon und auf dem Firmengelände ist es ruhig, merkwürdig ruhig, beunruhigend ruhig. Auf dem Parkplatz vor dem Haupthaus stehen ein paar Autos, doch niemand scheint so spät noch zu tun zu haben bei Incubus Inc. Kein Fenster ist erleuchtet, nicht einmal die Notbeleuchtung ist in Betrieb. Dunkel ist es, stockdunkel. Auch ist kein Geräusch zu hören von Entlüftungsschächten, Klimaanlagen oder sonstigen Versorgungseinrichtungen, nirgendwo brummt ein Generator. Alles wirkt tot und verlassen, selbst die Nachtaktiven unter den Wildtieren scheinen den Ort zu meiden, kein Kaninchen, kein Wiesel, keine Nachtigall.

„Verdammt noch mal! Was ist passiert, Green?“ CEO Meyer presst die Worte heraus, er hat Mühe die schemenhaften Umrisse seines Chefentwicklers auszumachen, obwohl dieser keine zwei Meter von ihm entfernt steht. Bis eben hatte er Green dabei beobachtet, wie er an der Rückseite des Incubus 3.0, wo die Verkleidung abgenommen war, herumgeschraubt hatte und abwechselnd mit dem angeschlossenen Laptop hantierte. CEO Meyer hatte seine Wut und seine Scham heruntergeschluckt, als Alan Green den peinlichen Doppelgänger seines Chefs, den fahlen, teigigen CEO mit der Karikatur eines Kinns, zu seinem Assistenten befördert hatte, der ihm dienstbar alles Gewünschte besorgte. Jedes herablassende Lob des Ingenieurs war wie ein Kinnhaken für den originalen CEO. Doch Meyer war keine Wahl geblieben. Er brauchte Green, damit er ihn aus diesem Schlamassel befreite. Die Abrechnung musste warten.
„Was ist los, Green?“, wiederholt Meyer. „Was soll das? Warum ist es plötzlich dunkel? Kurzschluss?“ Er hört Greens Stimme in der Finsternis, doch scheint dieser mehr mit sich selbst zu sprechen: „Grün-blau-grün-gelb … Ich kann mich nicht getäuscht haben …“
Meyer tritt auf den anderen zu und bekommt ihn irgendwie zu packen. „Sag mir endlich, was los ist!“ Green kann sich entwinden und sorgt für Abstand zu seinem Chef. Aus der Distanz hört Meyer: „Ich weiß auch nicht … So etwas ist nicht vorgesehen … Eigentlich unmöglich…“
„Was ist passiert?“, beharrt der andere.
Greens Stimme: „Für die Reparatur musste ich das Kraftfeld des Incubus destabilisieren, aber wie es scheint, ist es dabei implodiert … Das ist ganz gegen meine Berechnungen … Ach, was erzähle ich dir überhaupt, Dirk, du verstehst doch sowieso nichts davon. Ja, es ist eine Art Kurzschluss, nur schlimmer, so etwas wie ein elektro-magnetischer Schock. Der Incubus hat alle Elektroanlagen und Geräte im Umkreis von, ich weiß nicht wie vielen, Metern lahm gelegt. Tja, dumm gelaufen.“
Tatsächlich, der kühlschrankgroße Quader in der Mitte des Labors zeichnet sich noch ein wenig schwärzer in der Dunkelheit ab, kein Lämpchen leuchtet, nicht das leiseste Surren oder Brummen ist zu vernehmen.
„Was machen wir denn jetzt?“ CEO Meyer versucht die Ruhe zu bewahren.
„Was machen wir denn jetzt?“, hört er eine Stimme, die ihn nachäfft, und er fährt herum.
„Concha. Miss Appeldoorn.“ Er hebt die Arme vors Gesicht, um sich der Schläge zu erwehren, doch sind diese eher Ausdruck der Verzweiflung und nicht heftig, behindert durch den stetig wachsenden Vorhang aus Haar, der nach wie vor aus dem Kopf der Frau sprießt. „Tu was!“
Was können sie tun? Notstromaggregat? Vergiss es. Hilfe rufen übers Handy oder Laptop? Die Geräte sind tot und tun keinen Mucks. Ratlos starren sie sich an durch die Dunkelheit. Ein leises Jammern ist zu hören. Es kommt von CEO Meyers unscheinbarem Doppelgänger, mit dem die ganze Misere ihren Anfang genommen hatte.
„Wir müssen hier raus. Wir brauchen Licht und Strom.“ entscheidet Meyer. „Es hat keinen Sinn hier rumzusitzen und abzuwarten. Ich habe kein Interesse daran, heute früh hier gefunden zu werden. In diesem Zustand“, stimmt Miss Appeldoorn energisch zu.
Und so macht sich das kuriose Quartett auf den Weg. „Ich hoffe, wir kommen durch die Sicherheitsschleusen.“ meint Alan Green. „Die werden elektronisch gesteuert.“
Dies erinnert mich an die Geschichte von den fünf Thailänderinnen, die anlässlich eines Ausfluges ihres Deutschkurses eine sogenannte „Dunkelbar“, ein völlig lichtloser Parcour, wo es in der Mitte des Weges ein kleines, von einem Blinden betreutes Café gibt. Sinn der Übung ist natürlich die Erfahrung absoluter Dunkelheit und die damit verbundenen Gemütswallungen wie Unruhe, Neugier, Beklommenheit usw. sowie selbstverständlich eine Schärfung der anderen Sinne, wenn das Sehvermögen ausfällt. Die fünf Frauen jedoch waren so in ihre munteren Gespräche vertieft und absolvierten den Gang in fröhlichstem Geplauder und Gelächter, und die Frage bleibt offen, ob sie überhaupt registriert haben, dass es zwischenzeitlich ringsum sehr dunkel wurde.

Kommissar Kleinfeld hat eigentlich keine Lust mehr auf diesen Fall, nicht dass ihn kompliziertere Fälle nicht schmecken, er betrachtet sie als willkommene Abwechslung zur gewohnten Ermittlungsarbeit, als eine Art Denksportaufgabe, die mit den Mitteln der Logik zu knacken ist, aber der Van-der-Weiden-Fall ist ihm unheimlich, da passt etwas nicht zusammen. Aufzeichnungen, die auch auf den zweiten Blick und nach allerhand Detailanalysen keinen Zweifel lassen, dass van der Weiden am Tatort gewesen ist, und dann die Aussage der Reinigungskraft, die ihn bei einer Gegenüberstellung eindeutig identifiziert hat. Was ist Kleinfeld anderes übrig geblieben, als van der Weiden gehen zu lassen, schließlich kann einer nicht an zwei Orten zur selben Zeit gewesen sein, ist ja kein Elektron und die Gesetze der Quantenmechanik finden im Gerichtssaal keine Anwendung. Und auch wenn es so wäre, mal angenommen, van der Weiden wäre so ein bilokaler Heiliger, was macht das Gericht dann? Kann man denn sagen, dass einer, der an zwei Orten zugleich gewesen ist, an den beiden Orten noch ein und derselbe ist? Und wenn dem nicht so ist, wen bringt man dann vor Gericht, wenn er an einem Ort ein Verbrechen begangen hat, an einem anderen nicht, wo man doch nur einer Person habhaft werden kann, weil man selbst nur immer an einem Ort zur gleichen Zeit ist. Kann man sich sicher sein, dass man der richtigen den Prozess macht. Und auch mal angenommen, man vernachlässigt diese Frage, und sagt sich, dass die Person, die man geschnappt hat, für beide Taten verantwortlich zu machen ist, weil man in der jeweiligen Zeit und an dem jeweiligen Ort immer nur mit ein und derselben Person zu tun haben kann, ist diese Person dann voll für das Vergehen verantwortlich, wo sie doch andernorts gleichzeitig etwas anderes gemacht hat, wofür sie auch verantwortlich zu machen ist. Muss man dann als Richter zum Beispiel sagen, die ist nur zur Hälfte verantwortlich, also nur halbes Strafmaß, oder gar, dass die Taten sich aufheben, plus minus sozusagen, also keine Strafe. Oder sollte man die nicht kriminelle Tat ignorieren und sagen, da hat ein Vergehen stattgefunden, das auf alle Fälle bestraft werden muss. Aber hieße das nicht, dass Verantwortung nur noch auf Schandtaten, also Negatives bezogen wird. Und damit gewinnt dann das Negative eine viel größere Bedeutung als das Positive. Für ihn ändert sich dann zwar nichts, denkt Kleinfeld, hat doch das Negative in seinem Beruf ohnehin die größte Bedeutung, weil er immer erst dann auftaucht, wenn was Schreckliches passiert ist, wobei der Grad der Schweinerei im Fall von Schmitt sich noch in Grenzen hält, da hat Kleinfeld schon ganz andere Dinge gesehen und sich dennoch nicht aus der Bahn werfen lassen. Und das wird auch in diesem Fall nicht passieren, verspricht sich Kleinfeld, denn er ist aus einem anderen Holz geschnitzt als Manteufel, der eher dünnhäutig ist und, wie Kleinfeld glaubt, manchmal trinkt. Zu viel trinkt. Und heute scheint es wieder so weit gewesen zu sein, denn anders kann sich Kleinfeld das wirre Zeug nicht erklären, das Manteufel am Telefon von sich gegeben hat. Unmittelbar nach dem Anruf hat Kleinfeld erst einmal abwarten wollen, bis Manteufel wieder im Büro erscheint, um ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden, aber Minuten nach dem Anruf plagt ihn eine Unruhe so sehr, dass er beschließt nach Manteufel zu sehen. Und da ist ja auch noch seine Fürsorgepflicht, der er als Vorgesetzter nachkommen muss.
Ohne sich noch einmal bei Manteufel zu erkundigen, wo er im Augenblick steckt, fährt Kommissar Kleinfeld seinem in jahrelanger Erfahrung gestärkten Instinkt folgend zu Schmitts Wohnung. Die Wohnungstür steht einen Spalt offen. Kleinfeld betritt den Hausflur: „Manteufel, wo stecken Sie?“
„Hier, Chef, im Wohnzimmer!“
Kleinfeld geht langsam durch den schmalen Hausflur, an dessen Ende sich die geöffnete Tür zum Wohnzimmer befindet. Als er das Zimmer betritt, sieht er Manteufel auf der Couch sitzend und neben ihm eine weitere Person, die er als Schmitt erkennt. Da sitzt doch tatsächlich Bernd Schmitt, der vormals tote und in der Pathologie liegende Schmitt. Also hat Manteufel doch keinen Unsinn erzählt, ein Umstand, der Kleinfeld keine rechte Freude machen will.
„Verdammter Mist, Manteufel, wo kommt der denn her?“
Kriminalkommissar Manteufel deutet auf das einem Kühlschrank ähnelnde Gerät, das in die funktionale Wohnungseinrichtung perfekt eingepasst wirkt: „Da, aus dem Teil ist der Kerl gestiegen, keine Ahnung wie das passieren konnte. Ist mir ein Rätsel.“
„Das ist doch das Gerät, nach dessen Funktion wir uns in den USA erkundigt haben …“
„Genau, Chef, aber wir haben ja bis heute keine Antwort bekommen.“
Während des Wortwechsels der beiden sitzt die als Schmitt identifizierte Person teilnahmslos auf ihrem Platz, folgt lediglich mit ihren Augen dem Hin und Her des Gesprächs.
„Und was sagt der denn“, Kleinfeld deutet auf Schmitt, „woher er kommt.“
„Keine Ahnung, hab nichts aus ihm rausbekommen, der hat nur Unverständliches gelabert, so einen Quatsch wie dass er jetzt im Büro sein müsste, dass er nichts weiß, weil er am falschen Ort ist, dass er erst was weiß, wenn er dort ist, wo er hingehört …“
„Ja, wo gehört er denn hin, hat er das nicht gesagt?
„Nein, und jetzt scheint er gar nichts mehr sagen zu wollen. Sie können es ja mal selbst probieren, Chef.“
Kleinfeld wendet sich an Schmitt: „Gestatten, dass ich mich vorstelle, ich bin Hauptkommissar Kleinfeld und Sie sind?“
Der Angesprochene reagiert nicht. Kleinfeld geht zur Couch, beugt sich zu ihm hinab.
„Herr Schmitt, Sie sind doch Herr Schmitt oder?“
„Ich weiß es nicht, aber wenn es Ihnen gefällt, mich mit diesem Namen anzureden, können Sie dies gern tun.“
„Herr Schmitt, sagen Sie uns doch bitte, wo Sie heute gewesen sind, ehe Sie hierher in diese Wohnung gekommen sind.“
„Wo soll ich den gewesen sein? Ich verstehe Ihre Frage nicht. Ich kann doch nur da sein, wo ich bin. Und wenn ich nicht hier bin, bin ich woanders, aber wo das ist, weiß ich doch erst, wenn ich da bin.“
„Sehen Sie, Chef, was ich meine, der ist völlig gaga, von dem bekommen Sie nichts Gescheites zu hören.“
„Herr Schmitt, wollen Sie mir damit sagen, dass Sie sich nicht erinnern können, wo Sie gewesen sind?“
„Vielleicht!“
„Aber, wo Sie hier sind, das wissen Sie schon.“
„Wie spät ist es?“, fragt der Mann, den die beiden anderen als Schmitt identifiziert haben, Kleinfeld eine Antwort verweigernd.
„Herr Schmitt, jetzt beantworten Sie mal meine Frage!“
„Ich möchte wissen, wie spät es ist.“
„Oh, Mann, …“
„Kurz vor sechs“, sagt Manteufel, der ahnt, was kommen wird.
„Da bin ich noch immer im Büro oder ist heute Sonntag?“