Teil 8

Oberkommissar Kleinfeld hat die ganze Nacht kein Auge zugetan, hat sich im Bett herumgewälzt, ist mehrmals wieder aufgestanden, um sich zur Beruhigung ein wenig Cognac einzuflößen, was das Rattern in seinem Hirn jedoch nicht zum Stillstand gebracht hat. Es lässt ihm keine Ruhe, dass er mit all seinem analytischen Verstand weder eine Erklärung für die Geschehnisse der letzten Tage noch eine Lösung für die vertrackte Situation findet, in der seine Abteilung und er jetzt stecken. Aus einem Routinefall mit ausreichend Beweismaterial, so hat es anfänglich ausgesehen, ist ein richtiges Mind-fucking-Monster geworden. Unrund zu laufen hat es begonnen, und das hat ihn mächtig nervös gemacht, als ihm klargeworden ist, dass er es bei dem Tatverdächtigen mit einem Typen zu tun hat, der, fasst man alle Ermittlungsergebnisse zusammen, zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten gewesen sein muss, was sicherlich nicht nur kriminalistisch gesehen eine schräge Feststellung ist. Und da er nicht bereit gewesen ist, schon um seiner eigenen geistigen Gesundheit willen, sich mit diesem Unvorstellbaren abzufinden, hat er auch noch auf eigenes Betreiben hin, den letzten Strohhalm der Doppelgänger-Annahme geknickt, der erklärt hätte, dass es sich doch nicht um ein Zwei-Ort-Phänomen gehandelt hat. Er hat, der Biometrik sei Dank, einen Bildabgleich durchführen lassen, in dem alle Pass- und Ausweisfotos durchgescannt worden sind, um herauszufinden, ob es hierzulande wenigsten einen Menschen gibt, der dem Typen gleicht. Nichts, Fehlanzeige mit der Folge einer weiterhin erhöhten Kleinfeld’schen Körperspannung. Ein wenig Erleichterung hat er sich wenigstens mit dem Gedanken verschafft, dass sich mit ein wenig Geschick der Fall in den Ermittlungsakten doch noch mit der Doppelgängertheorie zurechtbiegen lässt, damit Unruhe und Anspannung sich nicht auch noch auf den Staatsanwalt übertragen, denn der kann sich in solchem Zustand zu einem ziemlichen Ekel und Berufsrisiko entwickeln. Aber seit gestern hat er es nun auch noch mit einer doppelten Person, genauer gesagt, mit einer doppelten Leiche zu tun. Zwei Leichen einer Person oder anders ausgedrückt zwei Leichen mit gleichem Körper. Wenigstens ist er gestern so geistesgegenwärtig gewesen und hat die Leiche in ein anderes Institut bringen lassen, sodass erst einmal niemand Wind davon bekommen hat. Sicherlich kann er nichts für das, was passiert ist, und es ist auch nicht seine Schuld, dass er nicht auf der Hut gewesen ist und es nicht verhindert hat, dass van der Weiden tödlich zugestoßen hat. Zudem reicht seine Zuneigung zu Kollegen und Vorgesetzten längst nicht so weit, sie davor bewahren zu wollen, sich das Hirn über doppelte Leichen und Zwei-Ort-Personen zu zermatern. Aber Kleinfeld weiß, wie der Laden läuft und dass man ihn zum Wohle des großen und ganzen Behördenbetriebs in irgendeiner Weise zur Rechenschaft ziehen wird, wenn diese unaufgeklärten Dinge auf den Tisch kommen. Darauf hat er entschieden keine Lust, jedoch auch am Morgen, als er das Büro betritt, keine Idee, wie er aus der Sache herauskommen kann. Kleinfeld registriert, dass Manteufel schon vor ihm da ist, was Kleinfeld erstaunt, denn Manteufel ist nicht gerade einer, der vor Arbeitslust brennt. Bestimmt haben auch ihn die letzten Ereignisse mitgenommen, gehört Manteufel in diesem Metier doch zu den Sensibelchen.
„Und wie schaut es aus, Chef?“
„Wie gestern, was meinen Sie denn?“
„Na, ich meine, wie wir jetzt weiter vorgehen, mit dem Schmitt, Sie wissen schon?“
„Habe noch keinen Plan, nur Kopfschmerzen, … haben Sie denn eine Idee, Manteufel?“
Manteufel schüttelt den Kopf.
In diesem Augenblick macht sich Kleinfelds Handy bemerkbar.
„Ist mein Spezi von der Pathologie, wo der erstochene Schmitt liegt, mal sehen, was der will.“ Kleinfeld nimmt den Anruf entgegen.
„Grüß dich, wollte Dich auch gerade anrufen, bin froh, dass Du mir geholfen hast … Wie? Gibt’s doch gar nicht! Verschwunden? … Das glaube ich nicht! Du meinst geklaut? … Kein Einbruch? … Bist Du Dir sicher? … Ja, ja, ich gebe Dir recht, wer schleppt denn die Leiche fort ohne den Leichensack, das macht keinen Sinn … Was jetzt ist? Nee, nee, Du brauchst nichts zu machen, gar nichts … wenn ich es Dir doch sage, ja, vertraue mir einfach … Vergiss es einfach! Schwamm drüber! … Ehrlich, darum kümmere ich mich … ja, danke Dir, … Mach’s gut, ciao!“
Im Augenblick der Mitteilung, dass die Leiche des erstochenen Schmitts verschwunden ist, über Nacht, wie in Luft aufgelöst, hat Kleinfeld sofort begriffen, dass sich ihm damit die Chance eröffnet, mit seinem Problem fertig zu werden, weshalb für nichts anderes mehr Platz in seinem Denken und zu keinem Moment die Frage aufgetaucht ist, wie es passieren konnte, dass im Fach der Pathologie seines Kumpels nur noch ein Leichensack liegt, verschlossen, aber ohne die Leiche Schmitts.
„Und“, fragt Manteufel und reißt Kleinfeld aus seinen Gedanken.
„Erzähle ich Ihnen gleich, wenn Sie den Brieföffner aus der Asservatenkammer geholt haben, bitte.“
„Den Brieföffner?“
„Ja, den Brieföffner, mit dem der Schmitt umgebracht worden ist. Kommen sie damit zur Pathologie, wir treffen uns dort.“
Auf dem Weg zur Pathologie geht Kleinfeld die nächsten Schritte durch. Im Grunde ist es ziemlich einfach. Wenn keiner in der Pathologie ist, rammt Kleinfeld der Leiche des Schmitts, der vor ein paar Tagen in dessen eigener Wohnung ums Leben gekommen ist, den Brieföffner in den Rücken und schon gibt es nur noch die eine kriminalistisch richtige Leiche, und zwar diejenige, die am Vortag zweifelsfrei von van der Weiden getötet worden ist. Ein Opfer ein Täter, die Welt ist wieder im Lot, denkt Kleinfeld und grinst dabei. Sicher, die eine oder andere Ungereimtheit kann zutage treten, nicht zuletzt, dass die Leiche Stiche aufweist, die ihr erst nachträglich post mortem zugefügt worden sind, aber die große Linie stimmt und darauf kommt es bei einer Behörde an, die sich der Aufklärung verpflichtet sieht und die Fünfe gern mal gerade sein lässt, wenn sie damit dem Unerklärlichen aus dem Wege gehen kann.

Hinter Milena immer noch Lärmen und Tosen, vereinzelt Schreie und laute Flüche, vor ihr die verschlossene Tür. In ihr der panikdurchwirkte Drang, hier wegzukommen, raus, nur raus, weshalb sie sich mit Wucht gegen die Tür stemmt, ein ums andere Mal erfolglos, bis sie sich darauf besinnt, zu versuchen, mit Tritten das Schloss aufzusprengen, was ihr auch gelingt. Sie stürzt durch den Flur, reißt die Haustür auf, vor der ein Mann steht, den sie hinter sich gelassen zu haben glaubt: Bruno Septin. Erschrocken tritt sie einen Schritt zurück, verharrt dann dort wie in Schockstarre.
„Pardon, ich wollte sie nicht erschrecken.“
Milena bleibt stumm, in ihr Entsetzen Bruno Septin wieder vor sich zu haben, mischt sich die Irritation darüber, dass er anders gekleidet ist als noch zuvor, als sie ihm im Esszimmer entkommen ist.
„Ich wollte zu Herrn Ka, der wohnt doch hier?“
Milena schweigt weiter, ist mit der Frage beschäftigt, warum dieser Septin jetzt andere Klamotten trägt.
„Sind Sie in Ordnung, kann ich Ihnen helfen?“
„Nichts ist hier in Ordnung, gar nichts, lassen sie mich endlich in Ruhe, Septin“, faucht Milena, wieder dem Außen zugewandt und entschlossen, sich nicht wieder von Septin aufhalten zu lassen.
„Oh! Ich bin überrascht, sind wir einander schon einmal begegnet?“
„Mensch Septin, was soll der Quark, Sie wissen doch genau …“
„Ich verstehe Sie nicht …“
„Ist mir egal, was Sie verstehen oder nicht, ich werde jetzt gehen.“
„Tun Sie, was sie wollen, aber vielleicht werden Sie besser verstehen, wenn Sie einen Blick nach hinten werfen.“
„Uralter Kindertrick, hören Sie auf, darauf falle ich nicht herein!“
„Nein, bitte, glauben Sie mir, nur einen Moment, ich bitte Sie.“
Ehe Milena sich noch umdreht, hört sie hinter ihr wie ein Echo Septins: „Milena, wie gut, dass Sie noch da sind, ich, wir brauchen ihre Hilfe, bitte.“
Sie wendet sich um und erkennt den hinter ihr stehenden Septin, der Schrammen und Blutspuren im Gesicht trägt. Vor ihr Septin, hinter ihr Septin, für Momente schwindelt ihr, aber sie fängt sich rasch wieder.
„Milena, was ist das für ein Kerl? Was will der denn hier?“
„Ich bin Bruno Septin, darf ich hereinkommen? Ich kann ihnen sicherlich behilflich sein.“
„Na, so was“, der hintere Septin drängt sich an Milena vorbei und tritt dem vorderen gegenüber, „da schau her, noch ein Septin und ich habe gedacht, mich gibt’s nur einmal, wo kommen Sie denn her?“
Milena ist erstaunt, wie gelassen Septin, ja, wie beide Septins auf ihre Begegnung reagieren.
„Ich komme aus den Staaten.“
„Und was wollen Sie hier?“
„Nun, wie soll ich es am besten sagen …“
„Weiß ich doch nicht, entscheiden Sie sich, hinten tanzt das Wiesel und das macht uns echte Probleme, also spucken sie es schon aus!“
„Also es geht um den Incubus, das Gerät, dass sich Herr Ka zugelegt hat …“
„Was wissen Sie von diesem Gerät?“
„Nun, ich habe es entwickelt.“
„Sie? Unmöglich, das war ich, das ist meine Erfindung.“
„Und die jetzt Mucken macht, ja? So ist es doch!“
„Ja, aber …“
„Meinetwegen, lassen Sie uns jetzt nicht darüber streiten, wer was erfunden hat, ich weiß, die Situation ist kompliziert, aber wenn wir beide ruhig bleiben, dann … glauben Sie mir, Septin, ich, Bruno Septin kann Ihnen helfen …“
„Ich komme gut allein zurecht, schließlich …“
„Aber ich habe das neueste Update des Analyse-Tools dabei“, er tippt auf seine Computertasche, die er umhängen hat, „das ist noch nicht auf dem Server verfügbar. Überlegen Sie es sich!“
„Na, gut, kommen Sie rein“, sagt nach kurzer Pause der in der Tür stehende Septin.
Techniker, denkt Milena, als sich die Septin-Zwillinge an ihr vorbeidrängen, so können nur Techniker reagieren. Nach ein paar Schritten im Hausflur, wenden sich beide noch einmal um.
„Milena, bitte, kommen Sie zurück, helfen Sie uns!“, sagt einer der Zwillinge.
Entgegen des ursprünglichen Impulses, jetzt, da der Weg endlich frei ist, das Haus zu verlassen, zögert Milena. Neben dem Drang, sich dem, was in Kas Wohnung läuft, nicht mehr aussetzen zu wollen, regt sich ihre Neugier, gespeist vom neu aufgetauchten Septin, der ihr in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit durch seine Besonnenheit und Entschlossenheit den Eindruck vermittelt hat, dass er tatsächlich das heillose Durcheinander zu entwirren weiß. Milena gibt ihrer Neugier nach und folgt den doppelten Septins ins Esszimmer. Dort finden sie Prof. Krähe auf dem Boden sitzend vor, mit blutigem Gesicht, den Oberkörper an die Wand gelehnt, vor ihm Dr. Andresen, der ihm eine Hand verbindet. Als sie auf die beiden zugehen, erkennt Milena, dass auch Dr. Andresens Gesicht Blutspuren trägt. Rechts neben den beiden, in einer Zimmerecke kauert der Junge, schwer atmend, aus einer Platzwunde über dem Auge blutend. Als Prof. Krähe der doppelten Septins gewahr wird, stößt er Dr. Andresen mit seiner gesunden Hand an und lenkt mit einer kurzen Kopfbewegung dessen Aufmerksamkeit auf die beiden Septins.
„Sehe ich schon doppelt, Dr. Andresen, oder hat sich der Herr Septin jetzt seinen Zwillingsbruder zur Verstärkung geholt.“
„Sie täuschen sich nicht, Septin gibt’s ab jetzt im Doppelpack. Aber, ob uns das weiterhilft, wage ich doch zu bezweifeln.“
„Glauben Sie, was Sie wollen, aber ich rate Ihnen, sich erst mal um sich selbst zu kümmern, Sie sehen erbärmlich aus!“
Ungeachtet des Geplänkels nähert sich Milena vorsichtig dem Jungen, sieht, dass er sie aus den Augenwinkeln beobachtet. Ansonsten zeigt er keine Reaktion, was sie veranlasst, weiter auf ihn zuzugehen. Dich vor ihm angekommen, kniet sie sich hin und sucht ihm ins Gesicht zu sehen, was ihr nicht gelingt, weil er seinen Kopf abgewandt hält, ihre Bewegungen noch immer angestrengt von der Seite aus kontrollierend.
„Passen Sie auf, Milena, halten Sie sich besser von ihm fern, er ist gefährlich, sie sehen doch, wie er uns zugerichtet hat“, hört Milena Dr. Andresen sagen. Milena reagiert nicht, macht nur ein Zeichen mit der Hand, dass den anderen bedeuten soll, dass sie sich ruhig verhalten. Sie rückt noch ein Stückchen näher an den Jungen heran, streckt langsam den einen Arm aus, um ihm mit der Hand über das fellartige Haar zu fahren, darauf bedacht nicht in die Nähe seiner Wunde zu kommen. Der Junge lässt das Streicheln geschehen, immer noch bewegungslos und ohne ihr in die Augen zu schauen.
„Ruhig, sei ganz ruhig, es geschieht Dir nichts.“ Milena registriert, dass der Junge leiser atmet und ihr langsam sein Gesicht zuwendet und voll Scheu in die Augen schaut.
„Ich bin Franz, Franz will nicht in den Käfig!“
„Kein Angst, Franz, keiner wird Dich mehr einsperren, ich verspreche es Dir.“
Mit einer heftigen Bewegung, wobei er Milena fasst umreißt, drückt er seinen Kopf an ihre Brust und schlingt seine Arme um ihren Hals. Milena spannt einen Arm um ihn, mit dem anderen streichelt sie seinen Kopf.
„Kann mir jemand ein Decke holen, wird doch hier bestimmt irgendwo eine Decke geben.“
„O.k.“, sagt einer der Septins und kehrt nach kurzer Zeit mit einer Decke ins Esszimmer zurück.
„Legen Sie sie hier neben mich, bitte“, weist Milena ihn an. Vorsichtig löst sie Arme des Jungen von ihrem Hals. „Komm, Franz, lege Dich hier auf die Decke, habe keine Angst, ich bleibe bei Dir.“ Der junge Franz löst sich von ihr und legt sich rücklings auf die Decke, ohne Milena aus den Augen zu lassen, die sich neben ihn legt und ihre Hand auf seinen Bauch legt und sie darauf sanft hin und her bewegt. Es dauert nicht lange und der Junge ist eingeschlafen. Milena traut sich nicht aufzustehen, weil sie fürchtet, damit den Jungen aufzuwecken, und also bleibt sie neben ihm liegen.
„Das haben Sie ausgezeichnet gemacht, Milena,“, sagt der neue Septin, und an sein Alter Ego gewandt: „Mensch, Septin, wo ist denn nun das Wiesel von dem Sie gesprochen haben?“
„Selber Septin, Mann, der Junge ist das Wiesel, gucken Sie doch mal seine Haare an, sind das normale Haare, nee, Mann wie ein Fell, und woher, glauben Sie, stammen wohl unsere Verletzungen, wie ein überdimensioniertes Wiesel ist der durch den Raum getobt, hat uns die Gesichter aufgekratzt, viel hat nicht gefehlt und er hätte Dr. Krähe einen Finger abgebissen. Ich habe wie gesagt, aber dabei bin ich mir gar nicht sicher, ob das nicht eine Verharmlosung ist.“
„Wollen Sie damit sagen, dass er sich in ein richtiges Tier verwandelt.“
„Kann sein, … ich weiß, dass klingt verrückt, so was gibt’s ja normal nur in Fantasy-Romanen, wo sich Eichhörnchen in Pferde verwandeln oder in Einhörner oder sonst was und wieder zurück, aber vorhin da habe ich ich wirklich gedacht, ich sehe ein Wiesel, … was sagen Sie dazu, meine Herren Dotores“, wendet sich Septin an die beiden Männer, die mittlerweile am Esstisch sitzen, was ihren derangierten Zustand keineswegs kaschieren kann.
„Ich teile Ihren Eindruck“, sagt Dr. Andresen müde, „aber sicher wird Ihnen mein Kollege von der Psycho-Zunft gleich sagen, dass wir unseren Sinnen nicht trauen dürfen …“
„Genau!“, knurrt Prof. Krähe, „vielleicht haben wir das sehen wollen, weil wir die Diskrepanz im Verhalten des Jungen nicht verstehen, weil wir darüber geschockt sind, mit welcher Heftigkeit er uns angeht, …“
„Mensch, Professor, ich habe doch nur gefragt, was sie gesehen haben, mehr nicht“
„Ich habe doch wir gesagt, also nehme ich mich da nicht aus.“
„Aha!“
„Verstehen Sie jetzt, warum ich hier zu nichts gekommen bin, nicht genug damit, dass da der irre Junge ist, musste ich mich auch noch mit diesen bekloppten Fachsimpeln herumärgern. Anscheinend haben wir jetzt wenigstens ein bisschen Ruhe vor dem Jungen. Das sollten wir nutzen, um uns um den Incubus zu kümmern. Kommen Sie, das Gerät steht nebenan.“
„Was wollen die beiden jetzt machen?“, fragt Prof. Krähe.
„Keine Ahnung, ans Gerät wollen sie, Fehleranalyse machen, davon hat der Septin doch schon die ganze Zeit gefaselt, … aber da, schauen Sie mal, jetzt ist auch Milena eingeschlafen.“
„Hoffentlich kein Schlaf, der neue Ungeheuer gebiert.“
Im Wohnzimmer hat der neue Septin mittlerweile seinen Laptop mit dem Incubus verbunden und einen Analysezyklus gestartet. „Aufgrund der Aufzeichnungen gehe ich davon aus, dass der Junge ein Incubus-Geschöpf ist. Aber nicht nur er …“
„Ach, was Sie nicht sagen, soweit bin ich auch schon gewesen. Als Erstes heißt das ja, dass die Limitierung der Produkt-Haltbarkeit nicht funktioniert hat, sonst wäre der Spuk hier ja längst vorbei.“
„Exakt. Wo ist denn eigentlich der Besitzer, der weiß doch am besten, was er wann geformt hat.“
„Durchgedreht, die Geschichte mit dem Jungen hat der nicht verkraftet, ist abgehauen.“
„Schade, ja, dann müssen wir jetzt mal auf das Auslesen der Daten warten.“ Beide starren auf den Bildschirm, auf dem rasend schnell Zeichenkolonnen durchlaufen. Zwanzig lange Minuten, in denen die Männer kein Wort miteinander sprechen, bis die Kolonnen stoppen. Per Tastenklick lässt der spätere Septin eine Berichtsdatei aufpoppen.
„Ja, wie wir vermutet haben, ist die Materialisationsfrist deaktiviert. Wir können damit auch alle Hoffnung begraben, dass die Produkte, die Ka geschaffen hat, sich irgendwann wieder von selbst auflösen. Da hat doch, … einer hat das Programm manipuliert.
„Green, ich wette, da steckt Alan Green dahinter …“
„Klar, dem habe ich nie über den Weg getraut, aber, wer auch immer da seine Finger im Spiel hat, es muss einer sein, der weiß, wie man keine Spuren hinterlässt.“
„Das kann nur einer sein, der Zugriff auf die Chronos-Protokolldateien hat, die doppelt und dreifach gegen einen externen Zugriff gesichert sind. Aber das spielt im Moment keine Rolle, können Sie feststellen, wie viele Produkte der Ka mit dem Former produziert hat?“
„Lassen wir mal diejenigen weg, die vor dem Jungen entstanden sind, die sind ja uninteressant. Nach den Videoaufzeichnungen hat Ka vor 10 Tagen den Jungen aus dem Formerschrank geholt, … und ja, die Analyse bestätigt einen Produktionszyklus für diesen Zeitpunkt, und …
„Und danach?“
„Danach sind noch weitere drei Produktionen dokumentiert. Können Sie sicher sagen, wann Sie hier aufgetaucht sind.“
„Das ist jetzt etwa 2 Tage her. Die beiden Dotores waren schon, da, nur Milena kam nach mir.“
„Und wie sind Sie hierher gekommen?“
„Na, wie werde ich wohl hierher gekommen sein. Ist doch wohl klar, der Ka wollte Hilfe, weil er massive Probleme bekommen hat und die zwei Kerle da draußen unfähig gewesen sind, den Jungen in den Griff zu bekommen. Ich wusste ja schon, dass es mit dem Incubus nicht so rund läuft, war deswegen ja schon in der Firma der Teufel los, der CEO …“
„Ich kenne den CEO, Sie brauchen nichts weiter zu sagen, aber das meine ich nicht, ich möchte nicht die Gründe wissen, sondern schlicht und einfach, wie, verstehen Sie, auf welchem Weg sie in Kas Wohnung gekommen sind.“
„Nun, …“
„Sind sie aus den Staaten hierher geflogen?“
„Werde ja wohl kaum herübergerudert sein.“
„Mann, bleiben Sie ernst, …“
„Warum reiten Sie denn jetzt so darauf herum, wie ich hierher gekommen bin?“
„Weil vor exakt zwei Tagen Ka den Incubus benutzt hat, und also alles dafür spricht, dass Sie selbst auch ein Geformter sind.“
„Oder Sie!“
„Sie wissen genau, dass ich erst vorhin gekommen bin, was soll das denn jetzt?“
„Der, der der da vorhin gekommen ist, bin ich, ich Bruno Septin.“
„Mann, Septin, jetzt reißen Sie sich zusammen, in dieser Lage verbieten sich Späße.“
„Es gibt in diesem Fall nicht die Lage, es gibt meine und die Ihre, die sich fundamental voneinander unterscheiden. Wenn ich mit Ihnen an der Fehlerbeseitigung arbeite und wir erfolgreich sind, dann ist es aus mit mir. Der Geformte hat seine Schuldigkeit getan und kann dann verschwinden und das keineswegs metaphorisch. Unser Erfolg ist mein Auflösung.“
„Was ist nur mit Ihrem analytischen Verstand los, Sie jammern rum, so als wüssten Sie nicht, dass Sie Ihre so lange Lebensdauer nur einem Programmfehler verdanken oder, sagen wir es anders, einem Sabotageakt. Ihr Gejammere ist umso unverständlicher, als Sie selbst es waren, der den Selbstzerstörungsmechanismus für die geformten Objekte zum Bestandteil des Programms gemacht hat.“
„Aber da dachte ich zuallererst daran, dass es sich um Dinge handelt, die mit dem Incubus erzeugt werden.“
„Dass es dabei aber nicht geblieben ist, das haben Sie schon mitbekommen, oder?“
„Ja klar, aber ich habe dabei die Vorstellung gehabt, dass es sich bei den lebendigen Geformten, dennoch um so etwas wie Maschinenwesen handelt, verstehen Sie. Die, wie soll ich es sagen, die als Geformte kein eigenes Innenleben haben, keine Autonomie, weil in ihnen das Programm fortwirkt. Und wenn ihre Frist abgelaufen ist, dann lösen sie sich einfach auf, sie sterben nicht, habe ich gedacht.“
„Und jetzt haben Sie Angst, sich einfach aufzulösen, und wollen sterben? Das ist doch Unfug, stellen sich sich vor, Sie trifft der Schlag, dann ist es auch aus mit Ihnen, mit dem einzigen Unterschied, dass in diesem Fall noch ihre Leiche zurückbleibt, um die sich dann andere kümmern müssen. Ich sehe ihr Problem nicht, Septin, der sie vor mir hier gewesen sind. Sie gerieren sich romantisch, das ist eines Programmierers Ihres Schlages nicht angemessen.“
„Und Sie sehen nicht den fundamentalen Unterschied zwischen Ihnen und mir. Sie arbeiten an einer möglichen Lösung, ich an meiner möglichen Auslöschung. Mich trifft dann kein Schlag, ich verpasse mir selbst einen. Diesen Unterschied können Sie nicht leugnen – und das hat nichts, aber auch gar nichts mit Romantik zu tun.“
„Lassen wir das!“
„Ja, lassen wir das!“
„Zwischen Ihrer wahrscheinlichen Formung und der des Jungen liegen noch zwei weitere Produktionszyklen, weshalb es naheliegt, dass die beiden da draußen auch Geformte sind. Was aber interessant ist, äußerst interessant sogar, ist, dass für die Produktion des Jungen nur ein ganz schwaches, kaum auszulesendes Ursprungsbild vorhanden ist, aus dem das Objekt dann geformt worden ist. Normalerweise ist es so deutlich, das man sozusagen schon das Objekt erkennen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass aus einer solch unausgeprägten Vorlage überhaupt ein Objekt geformt werden kann. Nicht umsonst gibt es ja Trainings für unsere Kunden, damit sie den Hirnscanner mit möglichst konkreten Vorstellungen füttern.“
„Und was folgt daraus?“
„Nun, zunächst einmal nur so viel, dass der Incubus, jedenfalls diese Ausführung, viel empfindlicher ist, als wir geglaubt haben, also schon aus wenigen gedanklichen Impulsen eine Gestalt formen kann.“
„Die aber nicht eindeutig auf die Impulse zurückgeführt werden kann.“
„Richtig, weshalb man auch sagen kann, dass sich das Gerät in solch einem Fall quasi selbstständig gemacht hat, statt zu signalisieren, dass der Input mangelhaft gewesen ist.“
„Das hieße doch, dass der Junge kein eigentliches Geschöpf von Ka ist.“
„So könnte man es sagen, ja.“
„Dann schauen wir doch mal, ob wir den Auflösungsmechanismus nicht wieder in Gang setzen können.“