Teil 9

Dialoge im Dunkeln

Die Hose
Missverständnis Numero Uno
(Marxheimer/ Manjeer – Udo from Utopia und the mechanical Buddha)
In der Dunkelheit von Incubus Inc. Dritte Etage, Ostflügel.

-„Verdammt bin ich froh, dass mit Dir alles in Ordnung ist.“
-„Was soll mit mir nicht in Ordnung sein? Es ist alles in Ordnung. Ich sitze hier und warte, dass man sich um mich kümmert. Es ist alles in Ordnung, alles in Ordnung.“
-„Verdammt bin ich froh. Aber was ist mit Deiner Stimme? Du klingst so anders.“
-„Was soll mit meiner Stimme sein? Ich klinge, wie ich klinge. Es ist alles in Ordnung, in Ordnung.“
-„Vermutlich liegt es daran, dass ich seit einiger Zeit nichts mehr sehen kann. Ringsum nur Dunkelheit. Aber meine Ohren hören schärfer, entschuldige. Du scheinst ein wenig verstimmt zu sein. Das verstehe ich natürlich. Wie lange sitzt Du schon hier im Dunkeln? Du hast dich doch nicht etwa gefürchtet?“
-„Furcht ist eine delikate Empfindung, ein amuse gueule, ein Appetizer, von dem ein Häppchen genügt. Ich weiß nicht, wie lange ich hier schon sitze. Plötzlich war es dunkel und totenstill. Die meiste Zeit habe ich geschlafen und wenn ich die Augen aufgemacht habe, war es noch immer dunkel und still. Aber nun bist Du da. Langeweile habe ich schnell über. Was hast Du mir mitgebracht?“
-„Wie mitgebracht, was mitgebracht?“
-„Weshalb stehst Du auf dem Schlauch, mein Guter? Die Hosen! Die Hosen natürlich. Hatten wir nicht kürzlich eine intensive Unterredung über Jeans-Schnitte und Jeans-Stoffe und hatte ich nicht in dieser intensiven und leicht hitzigen Diskussion nicht deutlich meiner Überzeugung Ausdruck gegeben, dass der gegenwärtige Trend zur Röhrenjeans mit dürren Beinen, aber dafür mit Hängearsch (wahlweise Windel-Shape) nicht nur eine Herausforderung für den guten Geschmack ist? Erinnerst Du Dich an die weißen Tennissocken aus den Achtzigern? Auch nicht schlimmer.“
-„Ja, aber …“
-„Was aber? Schließlich hast Du angekündigt am Ende unserer hitzigen, vielleicht gelegentlich allzu engagierten Auseinandersetzung, dass Du zu unserem nächsten Treffen den Prototyp einer Hose, eines Schnitts mitbringen wolltest, der das Potenzial zu einem worldwide Hype habe. Nun, wo ist sie also? Die Hose.“

-„Dass Du schon wieder von meinen Hosen anfangen musst! Ich kenne Deinen Standpunkt und Du kennst meinen. Wir haben es oft genug durchgekaut. Du hältst meine Kleidung, speziell meine traditionellen Wickelhosen für eine anachronistische Schrulle, mit der ich mich lächerlich mache, und ich halte Dir entgegen, dass es mein Gelübde bleibt, meine heilige Pflicht, die Kleider zu tragen, die meine Vorfahren trugen in jenem geschichtlichen Moment, dieser einmaligen historischen Gelegenheit, dieses Geschenkes des Weltgeistes. Und wie meine Vorfahren die ganze Chose an die Wand gefahren haben.“
-„In diesen Kleidern? Lass sehen! Ach verdammt, was ist nur mit dem verfluchten Licht. Warum ist es so dunkel?“
-„Dein Spott ist gerecht. Ja, warum nur ist es so dunkel? Und warum haben sie so leichtfertig die Gelegenheit verpasst, das Licht leuchten zu lassen …Aufklärung …Gerechtigkeit …Was kann ich dafür, dass er, der große Maha-ha-ha-hatma, seinen dürren Hintern mit diesen Wickelhosen verhüllte …“
-„Mit diesen Wickelhosen? Zu dumm, dass der Strom ausgefallen ist. Die Haustechnik wird den Kurzschluss doch wohl bald behoben haben. Ich wusste gar nicht, dass Du Dich noch immer so über das Hosenthema ereifern kannst.“
-„Gandhi, Jenna und all die anderen hatten es in der Hand damals, als sie die Sahibs die Koffer packen ließen, um heim zu fahren zu ihrem King George, und dem indischen Subkontinent eine Zukunft in Unabhängigkeit, Freiheit und Gerechtigkeit offenstand. Und was haben diese Staatenlenker und Revolutionäre daraus gemacht? Statt eines Indien haben wir heute ein Indien, ein Pakistan, ein Bangla Desh, ein Kaschmir, ein Assam und und und… Hindus, Muslime, Sikhs und Mutter Teresa … Terror, Krieg und Tod und Krieg und Tod. Wer zählt noch die Opfer? …Schöne Unabhängigkeit, schöne Freiheit! …Und auch die Kastenlosen, die Unberührbaren sind geblieben, auch wenn man sie heute Dalit schimpft und nicht mehr Paria. Und Arme gibt es heute mehr denn je. Schöne Gerechtigkeit!“
-„In diesen Hosen? Wenn ich sie doch nur sehen könnte! Die bringen Dich ja richtig in Wallung. Ach, lass sie mich wenigsten mal fühlen.“
-„Ja, spotte nur. Nichts haben sie erreicht, nicht ein Problem gelöst, die Helden der Befreiung! Damals als die Gelegenheit dazu war. Und wenn du hundertmal recht hättest, dass man historische Ereignisse nicht einfrieren kann, dass die Geschichte weitergeht, dass geschichtliche Entwicklungen gelegentlich Ursachen haben, die sich erst im Nachhinein entdecken lassen, und dass es unhistorisch ist, die Zeit zurückdrehen zu wollen: Ich werde Gandhis Hosen so lange weiter tragen, bis Indien eine neue Chance bekommt. Es ist ein Gelübde, ich habe es Dir schon x-mal gesagt. Und noch ist nicht die Zeit gekommen für einen Garderobenwechsel! Es ist ein Gelübde.“
-„Nun, nun ich gebe zu: In diesen Hosen steckt Potenzial. Da lässt sich was draus machen …“
-„Tu nicht so, als würden wir das erste Mal darüber sprechen! Du wirkst sowieso so anders heute. Was ist mit dir? Wer bist du? Ach, diese verfluchte Dunkelheit!“
-„Wer soll ich wohl sein? Und was soll mit mir sein? Du hast mir den Namen Udo gegeben und ich habe ihn behalten: Udo from Utopia. Und mit mir ist alles in Ordnung, in Ordnung. Bei dir hoffentlich auch, Mister Marxheimer.“
-„Marxheimer? Ich bin nicht Marxheimer. Ich bin Prakash Manjeer. Diese verfluchte Dunkelheit.“

Missverständnis Nr. 2

In der Dunkelheit von Incubus Inc. Zweite Etage, Ostflügel.

-„Na, das habe ich vermutet, dass ich Dich hier finde, wie Du in aller Ruhe in der Finsternis sitzt und wartest. So ein Stromausfall kann Dich nicht schrecken, wie?“
-„Was die Ruhe, das Sitzen und das Warten betrifft, so sind meine mobilen Möglichkeiten beschränkt, wie Du weißt, Du hast es selbst so gewollt, mein Lieber. Und nun ja, warum sollte Finsternis mich schrecken? Im kosmischen Maßstab ist Finsternis wohl eher der Normalzustand.“
-„Das beruhigt mich jedenfalls, dass Dich die Dunkelheit nicht weiter beunruhigt und Dich sogar zu kosmischen Überlegungen anregt, haha. Deine Stimme allerdings … Ich weiß nicht, Du hast Dich doch hoffentlich nicht erkältet?“
-„Erkältungen gehören nicht zu den Erfahrungen, derer ich schon teilhaftig werden durfte in meiner Existenz. Vielleicht wäre es ganz reizvoll.“
-„Haha, mir scheint, Dir kommt da schon die nächste Marketing- und Geschäftsidee. Darüber lass uns mal bei Gelegenheit fachsimpeln: Schnupfen, Husten, grippale Infekte als Event! Sollte mich wundern, wenn wir nicht eine Strategie entwickeln könnten, die Erkältungskrankheiten bei den Leuten zum Hype der Saison machen und zum guten Schluss lassen wir sie uns patentieren, haha.“
-„So wie Du es mit deinen Hosen tun solltest, mein Guter. Verzeihe mir den kleinen Scherz und dass ich schon wieder einmal auf deinen Spleen zurückkomme. Aber Du scheinst mir heute in gelösterer Stimmung zu sein als üblich. Vielleicht liegt es an der Dunkelheit, wer weiß. Und mir liegt daran, Dich von solch sinnlos romantischen Manifestationen zu befreien.“
-„Die Hosen? Aber ja, die Hosen. Ich stelle fest, dass Dich unsere letzte, kleine Debatte noch immer beschäftigt. Leider muss ich Dir das versprochene Mitbringsel einstweilen schuldig bleiben, unter den gegenwärtigen Umständen könntest Du ja sowieso nichts sehen, haha. Aber ich habe da eine revolutionäre Idee.“
-„Ach, die Revolution! Du willst es nicht lassen, mein Guter. Immer der alte Schwärmer und Romantiker! Wenn Du doch endlich einsehen wolltest, dass irgendwann bei jeder Revolution der Zeitpunkt kommt, wo sie ohne Hosen dasteht. Und in deinem Fall: Alles hat Gandhi nun auch nicht falsch gemacht.“
-„Oh, Du altes Schlitzohr! Woher weißt Du ..? Ich dachte ich könnte Dich dieses Mal überraschen. Aber die Idee ist gut, sehr gut. Gandhi gehört dringend ins Gesamtkonzept. Wir machen ihn zum Werbeträger, zur Produktikone. Hach, da sprudeln die Einfälle ja nur so! Gibt es nicht ein Foto vom Mahatma, ein berühmtes, das alle kennen? So eines wie von Che Guevara, das heute die Hälfte der Jugend auf der T-Shirt-Brust trägt. Klar, Gandhi ist als Typ nicht so sexy und so macho wie Che, er ist ja eher der Asket, nicht wahr. Aber warum sollen wir uns nicht gerade das zum Nutzen machen? Gandhis Konterfei, Kahlkopf, etwas ausgemergelt, grässliche Brille … vielleicht im Comicstyle … mit einem Schuss Selbstironie (Das zieht immer) … Ah, ich sehe es schon vor mir: Ein lustiger Mahatma auf T-Shirts, auf Schlüsselanhängern, auf Basecaps, auf Handtüchern, einfach überall … Und dazu die Wickelhosen … Einfach revolutionär!“
-„Mein Freund, wie ist Dir? Mir scheint, Du redest irre. Deine plötzlichen Sympathien für Gandhi in allen Ehren. Doch erkläre mir, Prakash …“
-„Prakash? Weshalb nennst Du mich so? Ich bin doch nicht Septins indischer Spezi (Auch wenn ich zugebe, dass die Idee mit den Hosen …). He, ich bin Torben Marxheimer, Vertriebschef der gegenwärtig aus welchem Grund auch immer in kompletter Dunkelheit versunkenen Incubus Inc. Und du? Du bist nicht Udo, nicht wahr? Mein Udo from Utopia, mein heimlicher Freund und Berater?“
-„Udo from Utopia? Reizender Name. Aber Prakash Manjeer hat mich mit einem anderen Namen bedacht. Ich bin the mechanical Buddha.“

Dialoge im Dunkeln secundo

Irgendwo in den finsteren Gängen von Incubus Inc. irrt CEO Meyer umher, im Schlepptau sein stummer Doppelgänger, vor ihm der Erpresser Alan Green, der offensichtlich versucht, Abstand zu gewinnen.

CEO: Diese verfluchte Dunkelheit. Es muss doch einen Notfallplan für solche Situationen geben. Wo bleibt nur die verdammte Haustechnik. Es kann doch nicht sein, dass dieser Blackout völlig unbemerkt bleibt. Oder wenn wenigstens der Tag anbrechen würde. Ich habe keine Ahnung, wo im Gebäude ich mich befinde. Aber hinsetzen und warten, hat auch keinen Sinn. Green! Wo bist du? Das hat doch keinen Sinn wegzulaufen. Du entkommst mir sowieso nicht. Wir sitzen beide tief im Dreck, lass uns gemeinsam überlegen, wie wir da wieder rauskommen. Green, wo bist du? Verdammt, Alan, verlass mich nicht! Huch, was ist das? Was fasst da nach mir? Ach, Du bist es. Auf Dich könnte ich problemlos verzichten. Nimm die Finger weg!

Green in einiger Entfernung: Was schreist Du so herum, Dirk? Du wirst ja hysterisch. Ich bin hier. Ich bin noch hier, aber gleich bin ich weg. Ich hau nämlich ab. Mich siehst Du hier nicht wieder.

CEO: Alan!

Green: Die Karre sitzt im Dreck und da kriegen wir sie auch nicht mehr raus. Das ganze Incubus-Projekt ist gescheitert, ein Desaster. Das repariert Dir auch Dein famoser Bruno Septin nicht mehr. Nein, ich hau ab. Das war sowieso alles eine Nummer zu groß für eine Klitsche wie Incubus Inc. Zumindest so, wie es Dein Superhirn Bruno konzipiert hat, ich hatte dich mehr als einmal gewarnt. Ich habe dir Vorschläge gemacht, sich auf die profitabelsten und technisch unaufwendigsten Funktionen des Incubus 3.0 zu beschränken. Simple Kosten-Nutzen-Rechnung. Aber das wollte der CEO von dem Techniker nicht hören. Think bigger! Wir schreiben Geschichte, wir drehen am ganz großen Rad, ach was, wir erfinden das Rad gleich neu. Ja, was warst Du fasziniert von unserem fantastischen Spiritus Rector Bruno, the brain. Und dann wuchs das Projekt Incubus Inc. über den Kopf und Super-Septin machte sich davon.

CEO: Aber Alan!

Green: Und als klar war, dass einzig ein kompletter Reset das ganze Unternehmen retten kann, holst Du Septin zurück und setzt ihn mir wieder vor die Nase. Nun lass Dich von ihm retten, Dirk!

CEO: Deine Sabotage, deine Erpressung ist … Rache?

Green: Rache? Blödsinn! Warum nicht gleich Eifersucht? Wenn das Schiff sinkt, will ich unter den ersten Ratten sein. So sieht es aus. Glaubst Du, mir wäre entgangen, dass Du versuchst Incubus Inc. unter der Hand zu verscherbeln. Glaubst Du, ich wüsste nicht, wer die bezaubernde Miss Appeldoorn ist, der man allerdings dringend anraten muss den Friseur zu wechseln. Und glaubst Du, ich wüsste nicht, was Du mit ihr zu besprechen hast bei euren intimen Rendezvous. Da geht’s um mehr als Liebe.

CEO: Woher hast du …? Woher weißt du …?

Green: Ich wollte meinen Teil vom Kuchen, Dirk. Eine ordentliche Firmenbeteiligung, bevor Incubus Inc. verkauft wird. Schließlich wollte auch ich nicht umsonst investiert haben in das Projekt Incubus und ich habe einiges investiert. Da geht’s um mehr als Geld.

CEO: Aber Alan, wenn es nicht um Geld geht, dann werden wir doch eine Lösung finden. Ich bitte dich.

Green: Du willst nicht verstehen, Dirk. Du glaubst, Du könntest Incubus Inc. retten und verkaufen und dann doch noch den großen Schnitt machen. Aber Du irrst dich, CEO Meyer. Da gibt es nichts mehr zu retten und zu verkaufen. Incubus Inc. ist am Ende, am Arsch, perdu, finito. Das wird Dir die bezaubernde Miss Appeldoorn schon erklären, sobald sie nicht mehr so viele Haare auf den Zähnen hat, will meinen: zwischen den Zähnen. Und deshalb verschwinde ich jetzt. Mach’s gut, Dirk. Mit besten Empfehlungen an Bruno Septin.

CEO: Alan, Du kannst doch nicht … Alan, Du wirst doch nicht! Verdammt, wo ist er hin? Das ist ein verdammter Albtraum. Wenn es doch wenigstens hell werden würde … Huch, wer greift da nach mir? Ach, Du bist es. Lass mich in Ruhe!

Dialoge im Dunkeln Monolog

In irgendeinem Eckchen des stockfinsteren Incubus Inc.-Gebäudes

Eine Stimme im Dunkeln: Mein Gott, wie konnte ich hier hineingeraten? Was habe ich in dieser Geisterbahn zu suchen? Ich bin Wirtschaftsanwältin, ich vermittele Geschäfte, ich mache Deals. Ich sitze nicht in der Dunkelheit eines gottverlassenen Firmengebäudes fest, durch das allenfalls ein paar Idioten irren, und ich selbst schleppe auch keinen Zentner Frisur mit mir rum. Nein, das mache ich nicht! Das ist nicht meine Welt! O mein Gott! Ein Glück, dass mich wenigstens niemand sieht.
Oh, es war ein brillantes Geschäftsmodell, das der immer tiptop gepflegte und gekleidete, gewaschen und gekämmte Herr Theo Meyer von der Firma Incubus Incorporated im Angebot hatte: Eine simple Idee, aber auch die muss man erst mal haben. Eine einfache Antwort auf drängende Fragen: Wo investieren? Wo sind die neuen Märkte? Wo findet der nächste Goldrausch statt? Zumal in der Realwirtschaft fürs Erste nicht mehr viel zu holen ist. Die Geschäftsidee des sauberen Herrn Meyer liegt nah und trotzdem muss man erst draufkommen und ich gehöre nicht zu denen, die später schon alles vorher gewusst haben.
Incubus eröffnet ein neues Geschäftsfeld und bietet Investitionsmöglichkeiten mit Renditen in der Folge, die Ihrer Fantasie Flügel verleihen werden, Miss Appeldoorn. Wie gewählt er sich auszudrücken beliebt, der gute Theo. Wenn in der Realwirtschaft nichts mehr zu verdienen ist, dann verdienen wir eben in der Fantasiewirtschaft. Ein köstlicher Scherz! Wir machen Fantasie zum Produkt, indem wir sie zur Realität machen, sagt Incubus Inc. und besonders CEO Meyer. Und wir wissen, wie’s geht, sagt CEO Meyer. In der Tat.
Ein interessantes Projekt, in der Tat, ein lukratives Projekt. Durchkonzipiert bis zum Endprodukt. Sozusagen schlüsselfertig zur Übergabe (Theo ganz vertraulich). Sie träumen, wir liefern. Sogar der Firmenslogan steht schon fest. Und wie sie liefern und was sie liefern! Mein Gott, diese Haare!
Wenn es doch wenigstens hell werden würde. Es hat keinen Sinn ohne Orientierung durch die Dunkelheit zu stolpern wie die anderen Idioten. Ich bleibe hier und warte, bis mich jemand findet. Das kann ja nicht ewig dauern, bis hier der Betrieb wieder losgeht. Frieren muss ich ja nicht und bequem habe ich es auch. Mein Gott, wenn mich jemand so sieht!

Dialoge im Dunkeln Gespensterprozession

Im nach wie vor stockfinsteren Firmensitz der Incubus Inc. herrscht einiges Treiben. Unsichtbare Gestalten huschen mal in Gruppen, mal allein über die dunklen Gänge und Flure, poltern gegen Kaffeeautomaten und suchen Halt am Treppengeländer. Manche wagen es nicht einen Furz zu lassen, andere machen kein Hehl um ihre Anwesenheit. Gelegentlich begegnen sich die Reisenden in der schwarzen Dunkelheit, verweilen kurz, um sich miteinander bekannt zu machen und auszutauschen und um dann getrennt oder gemeinsam weiterzuziehen.

Prakash: Bist Du es, Marxheimer? Ich habe die Bekanntschaft Deines Homunkulus gemacht. Udo from Utopia, netter Name. Ein echter Fashionfreak, nicht wahr? Aber beim Thema Hosen bin ich sensibel. Das steck ihm mal. Nur angucken und von mir aus drüber reden. Aber nicht mit mir.

Marxheimer: Wo Du gerade vom Angucken sprichst, Prakash. Deinen mechanical Buddha möchte ich mir bei nächster Gelegenheit mal genauer ansehen. Was ist das für ein Material? Ist das alles Metall? Ich konnte es im Dunkeln nicht erfühlen und erkennen. Verdammt, ist das dunkel. Ich habe mir nie überlegt, wie lange so eine Nacht dauert, ich meine: in der Realität.
Hast du irgendjemand gesehen, Prakash? Ich meine: getroffen.

Prakash: Da sind schon einige unterwegs, aber ich suche genauso wie Du CEO Meyer, bisher ohne Erfolg. Wie bei Dir nehme ich an. Der kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.

Ein paar Flure weiter.

CEO Meyer: Verdammt, wo kann er nur sein? – Nein, nicht Du! Lass mich in Ruhe!

Zwei Stockwerke tiefer, im Ostflügel.

Soldat: Sergeant, hier liegt etwas. Etwas ganz Komisches. Irgendetwas mit ganz vielen Haaren, wie eine alte aufgeplatzte Rosshaar-Matratze. Nein, das trifft es nicht, es sind mehr Haare, längere Haare. Ein Meer aus Haaren.

Sergeant: Soldat Higgs, wir sind ein Sondereinsatzkommando bei einem Sondereinsatz. Es ist schon verdrießlich genug, dass uns sämtliche Mittel der visuellen Aufklärung fehlen. Also verschonen sie mich mit Ihren Mutmaßungen über Matratzen und Meere und hören Sie auf, im Müll zu wühlen!

Gegenüber im Gebäude

Drei Herren, denen die Taschen klimpern beim Gehen: Wo steckt er nur, der verfluchte Meyer? Glaubt der, wir hätten Geld zu verschenken? Dafür wird er sich zu verantworten haben!

Etwas weiter, etwas tiefer

Alan Green: Wo ist der bescheuerte Ausgang? Ich will hier raus!

Ein anderer Flur, ein anderes Zusammentreffen

Männliche Stimme: Hallo, ist da jemand? Hallo, Sie! So warten Sie doch! So bleiben Sie doch stehen! Herrje, bin ich froh Sie getroffen zu haben, dass ich überhaupt jemand treffe. Das ist ja verdammt dunkel hier. Also: Ich komme von der Anwaltskanzlei Pinkerton, Less & Pinkerton und suche den CEO der Firma Incubus Inc., Dirk Meyer. Ich bin hier doch richtig bei der Firma Incubus Inc.?

Andere Stimme: Firma Incubus Inc.? Wieso Firma Incubus Inc.? Woher soll ich das wissen? Ich liefere nur Pizza aus. Hatten Sie Pizza bestellt, Mister? Zwei Calzone und eine kleine Mafia?

Erste Stimme: Pizza? Nein, ich habe keine Pizza bestellt. Aber ich habe mich schon gewundert, was hier so appetitlich riecht. Nun sagen Sie: CEO Meyer? Wo finde ich ihn?

Pizzabote: Was weiß ich, Mann. Ich liefere nur Pizza aus. Sie wollen sie also nicht haben, ja? Na, dann will ich mal weiter. Im Abgehen. Der Job wird immer bescheuerter. Bei nächster Gelegenheit kündige ich.

3. Etage, in der Rechtsabteilung

Soldat Higgs: Sergeant, da kommt jemand.

Sergeant: Gehen Sie in Deckung, Higgs!

Soldat Higgs: Aber warum? Mich kann doch sowieso niemand sehen.

Sergeant: Mensch, gehen Sie in Deckung!

Man hört, wie sich eine mehrköpfige Gruppe dem Standort des Sondereinsatzkommandos nähert. Fröhliches Frauengelächter und munteres Geplauder kommt an die Männer des SEK heran, zieht an ihnen vorüber und verschwindet dann wieder, noch lange zu hören, in der Finsternis.

Sergeant: Was war das für eine Sprache?

Soldat Higgs: Irgendetwas Asiatisches. Chinesisch oder thailändisch vielleicht.

Irgendwo anders, immer noch dunkel

Pinkerton-Anwalt: Gut, dass ich Sie treffe. Vielleicht können Sie mir weiterhelfen. Ich suche Mister Meyer, CEO Meyer von der Firma Incubus Inc.

Die drei Herren mit den klimpernden Taschen: Ha, den suchen wir auch. Der kann sich auf was gefasst machen, wenn wir ihn gefunden haben.

Und wieder woanders, ganz in der Nähe

CEO Meyer: Das es aber auch nicht hell werden will. Irgendwann muss der Tag doch beginnen. Und wenn ich nur wüsste, wo zum Teufel ich bin. Ich kann mich überhaupt nicht orientieren. Da denkt man, man kennt seine Firma besser als sein Spiegelbild und dann tappt man doch völlig im Dunkeln. Nimm deine Finger weg!

In einem stillen, dunklen Eckchen

Miss Appeldoorn singt: Im Nest, im Kokon, im Uterus – so wohlig weich geborgen.

Einwurf des Autors: Allmählich muss man sich Gedanken machen um die Dame und ihre Verfassung.

Auftritt von zwei völlig unerwarteten Personen

A: Schau mal, ich habe ein Bild vom Propheten.
B: Pass auf, Kuffar! Du spielst mit Deinem Leben. Zeig mal her! Verdammt, ich kann ja gar nichts sehen. Es ist ja viel zu dunkel.
A: Welch ein Glück. Gepriesen sei Allah!

Pizzabote: Pizza! Pizza! Hatten Sie Pizza bestellt?

B: Hast du Pizza bestellt?
A: Nein, aber was hat er denn?

Pizzabote: Zwei Calzone und eine kleine Mafia.

A: Eine Calzone würde ich nehmen.

B: Und für mich dann die kleine Mafia.

Pizzabote: Na also, geht doch.

Und schließlich Alan Green auf der Flucht durch die Dunkelheit.

Green: Es ist zum Auswachsen. Dieses Haus ist das reinste Labyrinth. Aber das hier kommt mir bekannt vor. Hier ist eine Tür. Ja, ich bin sicher. Ich weiß jetzt wenigstens, wo ich bin.

Der Zug der durch die Dunkelheit Wandernden hat ein Ziel, ohne dass es ihnen bewusst oder in ihrer Absicht wäre. Allmählich, nacheinander versammeln sich alle im Labor vor dem Incubus 3.0 von CEO Meyer bis zu Alan Green, vom SEK bis zu der Reisegruppe der plaudernden Thailänderinnen, alle finden sich ein. Langsam dämmert der Tag und es wird mählich, mählich hell.

Die Tür zum Labor öffnet sich. Herein tritt eine Putzfrau mit Eimer und Wischmopp. Sie sieht die versammelte Gesellschaft, die ihr entgegenstarrt, und schüttelt den Kopf.

Putzfrau: So kann ich nicht arbeiten.

Sie dreht sich um und geht.