Szene 1

Luise und Mortimer gegenüber am Küchentisch. Sie weint still und trocken, im Innern schon wund. Längst hat sie die Flucht des Geliebten bemerkt. Jetzt jedoch kann sie einer unsinnigen Verzweiflung nicht mehr widerstehen. Ihr Kopf sinkt auf die Tischplatte. Mortimer legt eine Hand auf Luises Kopf, sanft, spricht leis ins Dunkel: Es ist ganz klar. Wir sind beide nicht das, was wir geliebt haben. Wenn du das bist, was du sagst, und nicht mehr, so habe ich mich umsonst gequält, dich so zu lieben wie du mich. Luise hebt leicht den Kopf, zieht Mortimers Hand von ihrem Kopf zurück auf die Tischplatte. Steht mit einem Ruck auf, der Stuhl in ihrem Rücken stürzt mit Krachen zu Boden. Mortimer zuckt zusammen, seine Hände an der Tischplatte verklammert. Luise gestikuliert, brüllt ihn an: Du Trottel, du anmaßender, mitleidiger Idiot, was hast du nur gemacht, mit deiner Hände Arbeit hast du mich verhunzt, mir meine schönsten Zukünfte verhaun. Weißt du das? Was nimmst du dir heraus! Mortimer wechselt Gesichtsfarbe und Gesichtsausdruck, die Hände jetzt geballt. Mortimer hat Mühe sich zu beherrschen, holt mehrmals tief Luft. Luise bleibt neben ihm stehen, fragt ihn, ruhiger als vorher: Nur eine ehrliche Antwort auf drei Fragen: Wie denkst du dir den Himmel? Wie weit reicht dein Mut, deinem Denken zu folgen? Und wie schreibst du deine Bücher? Mortimer winkt ab, presst seinen Rücken an die Stuhllehne, blickt zu ihr hoch. An ihrer Stirn angekommen, spricht er eindringlich: Ehrliche Antworten langweilen mich und dich ebenso, weil sie auf Übereinstimmung hinauslaufen. Was für uns zählt, jetzt mehr denn je, ist Schwanken und Zersplitterung. Luise lacht auf, stößt Mortimer vom Stuhl. Beugt sich zu ihm hinunter, schlägt ihn ins Gesicht, schreit: Mich ekelt dein Geschwätz, du ekelst mich an. Du schleifst meine Liebe nicht mehr mit deiner Mutlosigkeit. Mortimer richtet sich auf, steht auf, drängt sich an Luise vorbei. Er holt ein Küchenmesser aus der Schublade, richtet die Spitze auf Luise, droht: Bald wirst du dein Näschen nicht mehr so hoch tragen, stattdessen über deine Erhabenheitssucht erschrecken wie vor einem Gespenst. Dann wirst du winseln, weil du erkennst, dass alles falsch ist. Rede du nur, Luise fixiert beim Sprechen die Messerspitze, ich bin alt genug, um alles gleich wieder zu vergessen. Und Angst habe ich nicht vor dir, du überfroher Held, der keine Nöte kennt und nur das zum Schein und zur Schönheit verstellte Leben als real nimmt. Dein Denken ist reine Fiktion. Worauf wartest du noch? Mortimer geht, das Messer noch immer in der Hand. Als er das Haus verlassen will, stellt sich ihm der Wirt in den Weg. Er sieht das blutverschmierte Messer in Mortimers Hand. Noch ehe Mortimer etwas sagen kann, entwindet ihm der Wirt das Messer. Eine Sekunde des Zögerns, dann sticht der Wirt auf Mortimer ein. Einmal, zweimal, dreimal, dann lässt er das Messer zu Boden fallen, spricht in Richtung der Kamera: Der Gesamtcharakter der Welt ist Chaos, nicht im Sinne der fehlenden Notwendigkeit, sondern der fehlenden Ordnung.